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„Die Toten am Meer“: Monströses Puppenspiel in der ARD

Lesedauer: 3 Minuten
Arnold Hohmann
Ria Larsen (Karoline Schuch) hat bei ihren dienstälteren Kollegen wie Michael Brandt (Christoph Letkowski) einen schweren Stand.

Ria Larsen (Karoline Schuch) hat bei ihren dienstälteren Kollegen wie Michael Brandt (Christoph Letkowski) einen schweren Stand.

Foto: Handout / ARD Degeto/Sandra Hoever

ARD-Krimi bleibt mit einer bekannten Story und kaum Spannung lange blass. Ein perfider Auftritt entschädigt aber für manche Schwäche.

Essen. Der Film beginnt mit einer aufregenden Komposition aus Strand und menschlichen Körperbildern. Irgendwann taucht auch eine Hand auf, die mit großer Sorgfalt die Lippenpartie einer Frau in tiefes Rot taucht. Man ahnt als Zuschauer sofort, dass hier etwas Totes herausgeputzt wird, um es später zur Schau zu stellen. Als die schöne Leiche dann schließlich auf einer Parkbank gefunden wird, ist das nur der Beginn einer ganzen Mordserie.

„Die Toten am Meer“ (Filmtitel) werden sich noch in rascher Folge häufen. Dem Husumer Polizeichef Bergmann (Max Herbrechter) ist die Handschrift des Mörders nur zu bekannt. Doch der Serienmörder Eberhard Wernicke (Martin Wuttke), der vor zehn Jahren die Gegend unsicher machte, lebt seitdem in einer geschlossenen Anstalt.

Ein Serienmörder, aber nicht ein Hauch von Thrill

Die Produzentin Heike Voßler hat sich für ihr erstes Drehbuch auf sicheres Terrain begeben. Die Sache mit den Serienmördern, die ihre Vorbilder entweder perfekt kopieren oder sich, besser noch, im Gefängnis vom Original instruieren lassen, sie ist wahrlich nicht neu. Trotzdem finden sich immer wieder Filmemacher, die aus solchem Stoff noch genügend Spannung herausfiltern können.

Bei einem Regisseur wie Johannes Grieser wartet man auf so etwas jedoch vergebens. Stoisch werden hier die Leichen eingesammelt, ohne dass auch nur ein Hauch von Thrill zu spüren ist. Ohne dass man den Killer hin und wieder mal ins Spiel bringt. Darauf muss man bis zum wenig überzeugenden Finale warten.

Dafür verbeißt sich das Drehbuch lieber in die Figur der jungen Ermittlerin Ria Larsen (Karoline Schuch). Zur Verblüffung aller Kollegen wird ausgerechnet sie vom Vorgesetzten auserkoren, die Leitung des Falles zu übernehmen. Sie ist nicht gerade für diesen Job prädestiniert, auch wenn sie nur für ihren Beruf lebt. Sie pflegt keine Sozialkontakte, selbst ihre Mutter wird am Telefon barsch abgewimmelt.

Gerät sie in Stresssituationen wird ihre Bulimie deutlich. Sie stopft sich dann voll mit Schokoriegeln, um sie anschließend auf der Toilette wieder von sich zu geben. Karoline Schuch tut sicher ihr Bestes für diese Rolle, in der sie auch noch mit einem unangenehmen Konkurrenten fertig werden muss. Als Leitfigur für einen Krimi jedoch ist sie trotzdem schwer vermittelbar.

Zwei Darsteller reißen es raus

Was diesen Film letztendlich für sich einnimmt, sind zwei starke Schauspieler. Martin Wuttke spielt voller Klasse seinen Gastauftritt als Ex-Killer Wernicke in der Psychiatrie, der zweifelsfrei die Fäden für seinen Nachfolger zieht. Wie er Ria Larson bei ihrem Besuch zunächst umschmeichelt, um dann das Monster hinter der Fassade zum Vorschein kommen zu lassen, das entschädigt für manches in diesem Film.

Nicht weniger großartig ist auch Charlotte Schwab, die als Elisabeth Haller der Schlüssel zu allem ist. Sie war damals dabei, als Wernicke dingfest gemacht wurde, schoss eine unschuldige Frau an, die später selbst ihrem Leben ein Ende setzte. Jetzt ist Elisabeth eine Trinkerin, die sich in ihren zerwühlten Decken verkriecht, niemanden an sich heranlässt und eigentlich auf den Tod wartet. Denn sie weiß, dass ihr alter Gegenspieler keine Ruhe geben wird. Haller ist die tragische Figur dieses Films – und bei dieser Schauspielerin in den besten Händen.

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