Stadtgeschichte

Das Sturmgeschütz der Autonomie aus Harburg

Das Verlagsgebäude in Harburg um 1950.

Das Verlagsgebäude in Harburg um 1950.

Foto: Wikipedia

Vor 175 Jahren erschienen die „Harburger Anzeigen und Nachrichten“. Sie lebten vom Kampf der Leser gegen Nachbar Hamburg.

Hamburg. Der Text ist kurz, die Zeitung klein, die Wirkung ungewöhnlich: „Das geteilte Deutschland“, heißt es in einem Kommentar der Ausgabe vom 5. Oktober 1981, „kann nicht unheilbar miteinander verfeindete christliche Demokraten und Sozialdemokraten ertragen!“ Unmittelbar nach diesem Statement sucht der CDU-Vorsitzende Helmut Kohl den Autor auf, um mit ihm „über den Parlamentsalltag und die allgemeine Lage in Bonn und draußen im Land“ zu diskutieren. Die Zeitung heißt „Harburger Anzeigen und Nachrichten“, der Verfasser ist Herbert Wehner.

Der berühmt knurrige SPD-Politiker ist nicht ihr einziger Kommentator von Rang: Auch Hans-Ulrich Klose und Volker Rühe, die später für SPD und CDU im Wahlkreis Harburg gegeneinander kandidieren, schreiben für das Lokalblatt mit dem Kürzel „HAN“. Seit der Gründung vor jetzt 175 Jahren ist es die wichtigste Stimme südlich der Elbe – bis das Blatt 2013 der sinkenden Auflage zum Opfer fällt.

Wegen strenger Pressezensur hauptsächlich Inserate

Die erste Ausgabe der Wochenschrift erscheint am 5. Oktober 1844 und widmet sich auf vier Seiten vor allem den Interessen des „hiesigen Kaufmanns“. Druckereibesitzer Carl Hergenröder muss sich wegen der strengen Pressezensur in Preußen weitgehend auf Inserate beschränken. An das „geehrte Publikum“ appelliert der Verleger auf der ersten Titelseite: „Indem ich die gegenwärtige erste Nummer der ,Harburger Anzeigen‘ veröffentliche, erlaube ich mir zugleich die Bitte, diese Blätter stets wohlwollend aufzunehmen, auch durch viele Inserate und zahlreiche Abonnements das Gedeihen und die Fortdauer dieses gemeinnützigen Unternehmens zu befördern und zu sichern.“

Nur langsam gelingt es, die Auflage auf 300 zu steigern. Erst als vier Jahre später die amtliche Bevormundung nachlässt, wird das Blatt zum Geschäft. Denn weil Hergenröder nun endlich auch politische Nachrichten drucken darf, kaufen bald immer mehr Menschen sein Produkt.

Die stürmische Entwicklung der Hafen- und Industriestadt Hamburg seit der Reichsgründung 1871 beschert auch der Presse einen Boom. Die Elbmetro­pole gilt da schon längst als zeitungsreichste deutsche Stadt. Nach dem renommierten „Hamburgischen Corres­pondenten“ und den nicht weniger angesehenen „Hamburger Nachrichten“ wird der „Hamburger Beobachter“, später „Hamburger Fremdenblatt“, zum auflagenstärksten Printmedium. Auch die „Börsen-Halle“ mit der Beilage „Hamburger literarische und kritische Blätter“ wird fleißig gelesen. Die Oppositionszeitungen „Der Freischütz“ und der „Tagwächter der Elbe“ kommen ebenfalls gut an.

Dem Druck der Nazis konnten sich die „HAN“ nicht entziehen

Die „HAN“ leben auch vom Kampf der Leser um die Eigenständigkeit ihrer Stadt, die sich seit Jahrhunderten gegen die übermächtige Nachbarin wehrt. Nach ihrem nächsten Herausgeber, dem Geheimen Kommerzienrat Georg Lühmann, bald auch „Die Lühmannsche“ genannt, vergrößert sie ihr Verbreitungsgebiet auf Wilhelmsburg, Finkenwerder und den Landkreis Harburg. Unter der anschließenden Regie der Familie Schröter wächst die Zeitung noch weiter ins Umland hinaus.

Die Industrialisierung macht aus Harburg einen Hotspot der Arbeiterbewegung. Um eine Familie zu ernähren, müssen Männer damals oft 90 Stunden in der Woche schuften. Frauen und Kinder verdienen mit – zu Hungerlöhnen. Weil es kaum Unterstützung für Menschen gibt, die durch Krankheit oder Unfall in Not geraten, gründen Arbeiter Selbsthilfevereine. Seit 1890 holt die SPD in Reichstagswahlen alle Mandate in Hamburg und auch in Harburg.

Nach der Reichstagswahl 1932 können sich auch die „HAN“ dem Druck der Nazis nicht entziehen: „Das Ergebnis bestätigt klipp und klar, dass der Zeitpunkt gekommen ist, in dem das deutsche Volk sich von den parlamentarischen Wahnvorstellungen, an denen es krankte, frei machen muss und frei machen wird“, eifert ein Kommentar. Hauptschriftleiter Hans Henningsen schwärmt gläubig-entrückt von dem „heiligen Jubel“, der „den Führer umbrandete“.

Mit dem Groß-Hamburg-Gesetz von 1937 wird Harburg mit Wilhelmsburg und anderen Gemeinden zu einem der sieben Bezirke Hamburgs, behält aber den Verwaltungssitz des Landkreises Harburg – und die eigene Zeitung. 1946 kehrt Wehner aus dem schwedischen Exil und arbeitet zunächst als Redakteur für die SPD-Zeitung „Hamburger Echo“. Bald gehört er zum engsten Kreis um SPD-Chef Kurt Schumacher. Seit 1949 wird er in Harburg immer wieder direkt in den Bundestag gewählt. Die „HAN“ bieten seinen politischen Ideen ein wichtiges Forum. Eine dieser Ideen ist die Einrichtung des 17. Juni als „Tag der Deutschen Einheit“.

Was dem CDU-Vorsitzenden Helmut Kohl 1981 auffiel

Wehner bleibt den „HAN“ treu, auch als er 1966 Bundesminister der ersten Großen Koalition aus Union und SPD und nach deren Ende 1969 Fraktionsvorsitzender wird. Als Teil des SPD-Trium­virats mit Parteichef Willy Brandt und Bundeskanzler Helmut Schmidt sieht er sich, so der Historiker Arnulf Baring, als der einzige, der „moralische Grundsätze habe und einhalte, bescheiden wie keiner“. Nie habe er auch nur einen Pfennig mehr vom Staat genommen, als ihm zustand – was allerdings Brandt und Schmidt von sich mit gleichem Recht behaupten konnten.

Wehners wachsende Unzufriedenheit mit den Genossen schlägt sich schließlich in dem Kommentar nieder, den der CDU-Vorsitzende als interessantes Signal erkennt. „Det fiel uns uff“, wird ein Kohl-Vertrauter später zitiert. Das Gespräch der beiden Politiker in Herbert Wehners Bonner Büro dauert eine Stunde. Thema ist dabei wohl vor allem eine mögliche Neuauflage der Großen Koalition. Es kommt dann aber doch anders.

Die „HAN“ bleiben eine wichtige Stimme der Süderelbe, auch als das Zeitungsgeschäft immer schwieriger wird. Schließlich soll der Axel Springer Verlag als 24,8-Prozent-Minderheitsgesellschafter retten, was nicht mehr zu retten ist. Von 1998 bis 2009 verliert das Traditionsblatt ein Drittel der Auflage. Ab 2004 bezieht es die überregionalen Inhalte vom Hamburger Abendblatt. 2013 werden nur noch 12.000 Exemplare gedruckt, und am 30. September 2013 wird das Blatt eingestellt.