Harburg
Stadtgeschichte

Schatzsuche in einer Harburger Lagerhalle

Harburgs Stadthistoriker Jens Brauer zeigt den letzten in den Phoenix-Werken produzierten Gummistiefel. Rechts liegt einer der beiden eisernen Adler, die einst auf den Portalen der Alten Harburger Elbbrücke thronten.

Harburgs Stadthistoriker Jens Brauer zeigt den letzten in den Phoenix-Werken produzierten Gummistiefel. Rechts liegt einer der beiden eisernen Adler, die einst auf den Portalen der Alten Harburger Elbbrücke thronten.

Foto: Angelika Hillmer / HA

Das Stadtmuseum Harburg hat einen großen Fundus an Gegenständen, Fotos, Schriften, Gemälden. Ehrenamtliche haben sie geordnet und verortet

Von außen sieht sie aus wie eine normale Halle. Doch wer das Außenarchiv des Stadtmuseums Harburg betritt und die Regallager mit Möbeln, Kisten und Kästen sieht, vermutet hier eine Schatztruhe mit verborgenen historischen Kostbarkeiten. Rund 70.000 sogenannte 3-D-Objekte, also Gegenstände aller Art, beinhaltet das Archiv. Hinzukommen rund 150.000 Objekte, die Harburgs Stadthistoriker Jens Brauer als Flachware bezeichnet: Fotos, Karten, Schriften, Gemälde – vom klassischen Postkarten-Ausflugsmotiv über Porträts von prominenten Harburgern bis zu Alltags-Schilderungen aus dem Zweiten Weltkrieg.

Jahrelang sorgte das Helms-Museum (heute Stadtmuseum Harburg) dafür, dass eigene Sammlungen sowie private Schenkungen und Nachlässe für die Nachwelt erhalten bleiben. Brauer: „Wir bekommen jede Woche historisches Material von Harburgern.

Wenn es einen Zusammenhang mit Harburg hat, dann nehmen wir es in der Regel auf.“ Über viele Jahrzehnte hat sich das stattliche Archiv gebildet – bereits 1898 hatte das Helms-Museum damit begonnen, Historisches zu sichern. Als Jens Brauer im Januar 2018 seinen Job als Stadthistoriker angetreten hatte, ahnte er bald, dass sich im Archiv der eine oder andere Schatz verbirgt.

Dokumente zu Harburgs Geschichte

Damit ist weniger der silberne Kronleuchter gemeint – den gibt es auch – als vielmehr Dokumente zu Harburgs Geschichte.

Projektmitarbeiterin Charleen Wagner hat sich mit den Briefen von Lisa und Alfred Grünhoff beschäftigt. Vater Alfred war Schiffszimmerer in Harburg und Kommunist.

Als er 1932 verhaftet wurde, schrieb er seiner Frau und der Tochter Lisa aus dem Gefängnis in Lingen (Emsland). Die Briefe sowie gesammelte Zeitungsausschnitte zeugen von der aufgeheizten Stimmung im Harburg-Wilhelmsburg der 1930er Jahre, mit täglichen Demonstrationen und gewalttätigen Auseinandersetzungen zwischen linken und rechten Gruppierungen.

Im Nachlass von Lisa Grünhoff (1923–2001) befinden sich auch Briefe aus den letzten Wochen des Zweiten Weltkriegs, in denen Lisa mit ihrem Verlobten an der Front Kontakt hielt.

„Jetzt ist es soweit“, schrieb sie ihm, „der T(ommy) steht vor unserer Stadt. Ein ständiges Schießen liegt in der Luft.“ Die mehr als 60 archivierten Briefe zeugen von Angst und Ungewissheit – „wer weiß was nun morgen ist, vielleicht liegen harte Stunden vor uns, vielleicht bin ich aber auch schon tot!!!“

Sicherheitsgründe: Standort der Halle wird geheim gehalten

Neben Lisa überlebte auch ihr Verlobter. Sie heirateten und blieben in Harburg. „Solche Zeitzeugnisse sind absolut selten“, sagt Brauer. „Wir kennen die Personen. Und ihre Briefe betreffen eine spannende, brisante Zeit.“

Auch Charleen Wagner ist begeistert: „Für mich als Historikerin ist die Bearbeitung solcher Quellen eine einmalige Gelegenheit“, sagt sie. Von Oktober an wird sich Wagner wieder ihrem Masterstudium der Kulturwissenschaften widmen.

Standort wird aus Sicherheitsgründen nicht genannt

Die grundlegende Arbeit in der Lagerhalle, deren Standort aus Sicherheitsgründen nicht näher genannt werden soll, ist jetzt so gut wie abgeschlossen. „Seit einem halben Jahr bin ich mit den Ehrenamtlichen dabei, die Standort-Verwaltung neu zu organisieren“, sagt Brauer.

„Jetzt wissen wir, wo in welchem Regal ein Objekt liegt, alles ist einsortiert, die Lagerorte sind digitalisiert. Wir wissen auch, wo neue Objekte hinkommen.“

Viele Einzelteile tragen dazu bei, das Bild von Harburgs Vergangenheit zu vervollständigen. Kürzlich habe eine Harburgerin die Postkartensammlung ihres verstorbenen Mannes abgegeben, so Brauer: „Sie ist ein wahrer Schatz, weil da jemand sehr akribisch gesammelt und die Motive gut ausgesucht hat. Wenn, wie hier, der Zeitraum der Sammlung und die Person des Sammlers bekannt sind, wächst einem das sofort ans Herz.“

Oft seien es Kleinigkeiten, die wichtige Details liefern, sagt der Stadthistoriker und durchquert auf dem Rundgang die „Möbelabteilung“ im Erdgeschoss, zeigt Regale voller Alltagsgegenstände wie historische Bügeleisen, Tret-Nähmaschinen, Spinnräder.

Kleider, Röcke, Westen und Hauben

Kleider, Röcke, Westen und Hauben aus dem 19. Jahrhundert sind säuberlich in Kartons verpackt. Einige Meter weiter stehen Modelle der Harburger Raffinerien sowie Stadtmodelle und eines vom Harburger Schloss Ende des 18. Jahrhunderts. Auch eine Original-Feuerwehrkutsche ist auf den 900 Quadratmetern Nutzfläche eingelagert, ebenso mehrere Glocken, darunter eine Rathaus-Glocke.

Eine Gemäldesammlung gehört ebenfalls zum Archiv, darunter Werke bekannter Harburger Maler wie Fritz Flebbe (1893–1929) und Hermann Müller-Vogelsang (1887–1972). Und auch, chronologisch aufgereiht, sämtliche Ausgaben der Harburger Anzeigen und Nachrichten – die gebundenen Zeitungsjahrgänge seien eine wichtige Informationsquelle für das Museum, so Brauer.

Das Hamburger Staatsarchiv hat sie digitalisiert und will sie demnächst öffentlich ins Internet stellen. „Wir werden das über unsere Informationskanäle bekannt geben“, verspricht Brauer.

Wieder einige Regale weiter befindet sich eine besondere Materialsammlung – das nächste große Projekt des Stadthistorikers: Hier haben Brauer und seine Helfer potenzielle Ausstellungsstücke für den historischen Gewölbekeller im Harburger Schloss zusammengestellt. Dort will das Stadtmuseum Harburg eine Dependance errichten, die Harburgs Wurzeln im Binnenhafen zeigt. Ende 2020 soll sie eröffnet werden.

Dennoch wird Brauer sich weiterhin die eine oder andere Arbeitsstunde abknapsen und ins Archiv gehen. Denn bislang ging es hauptsächlich darum, das Material zu sichten, inhaltlich einzuordnen und ihm Plätze zuzuweisen. Die fundierte wissenschaftliche Arbeit mit und zu den Zeitdokumenten hat dagegen gerade erst begonnen.