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„Wilsberg“ entlarvt Beamte als Sozialbetrüger

Wilsberg (Leonard Lansink) nimmt wieder die Hilfe von Alex (Ina Paule Klink) in Anspruch, um bei seinen Ermittlungen weiterzukommen.

Wilsberg (Leonard Lansink) nimmt wieder die Hilfe von Alex (Ina Paule Klink) in Anspruch, um bei seinen Ermittlungen weiterzukommen.

Foto: Thomas Kost / ZDF und Thomas Kost

Für Fans der ZDF-Serie ein Muss: „Wilsberg“ gerät in eine verwirrende Geschichte um Sozialbetrug und Eifersucht.

Essen.  Sie sind verantwortungslos. Desinteressiert. Inkompetent. Nahe an der Idiotie. Wer sein Vorurteil über das unfähige deutsche Beamtentum hegen möchte, ist bei „Wilsberg“ stets gut aufgehoben. „Prognose Mord“, der jüngste Fall des Ex-Rechtsanwalts, Nebenerwerbsantiquars und Gelegenheitsprivatdetektivs, führt die Vertreter der Obrigkeit nun in nochmals gesteigerter Form vor – bestenfalls als Ansammlung minderbemittelter Knalltüten, schlechtestenfalls gar als Kriminelle und zelebriert so das komplette Staatsversagen. Um Münster müsste dem Zuschauer angst und bange werden – gäbe es nicht Georg Wilsberg (Leonard Lansink).

Autor Eckehard Ziedrich und Regisseur Thomas Kronthaler haben sich viel vorgenommen: ein Mordfall, Sozialbetrug in einer um den Missbrauch von Flüchtlingen erweiterten Variante, dazu die Verbrechensbekämpfung mittels einer Software zur Kriminalitätswahrscheinlichkeitsberechnung.

Opfer war Frauenliebhaber und Undercover-Agent für das LKA

Die letztlich sehr komplexe Geschichte beginnt als banales Kriminalstück: Steuerfahnder Matthias Lehnhoff ist tot, gerade hat er noch in der nahen Gaststätte seinen Geburtstag gefeiert. Wilsberg und „Ekki“ Tolkötter (Oliver Korittke) finden den Finanzbeamten. Neben Lehnhoff kniet, mit einer Pistole in der Hand, Ehefrau Hanna (Katrin Bühring). Beide haben zuvor gestritten, für Kommissarin Anna Springer (Rita Russek) und ihren Assistenten Lars Overbeck (Roland Jankowsky) ist die Sache klar. Ekki aber ist von der Unschuld seiner früheren Geliebten überzeugt – und Wilsberg versucht, die Wahrheit über Lehnhoffs Tod herauszufinden.

Schnell stellt sich heraus, dass das Opfer recht umtriebig war: als Frauenliebhaber, als Undercover-Agent für das LKA mit angeblicher Tuchfühlung zur bulgarischen Mafia, als vermeintlich treibende Kraft hinter einem Verein zur Unterstützung von Migranten und als tatsächlicher Kopf einer Bande von Sozialbetrügern.

Polizist Overbeck operiert mit illegaler russischer Software

Das so faszinierende wie beängstigende Sujet der Verbrechensprognose und -verhinderung mittels totaler sozialer Überwachung wird bei „Wilsberg“ in einem Seitenstrang der Erzählung der Polizisten-Karikatur Overbeck überlassen – als Grundlage für seine üblichen parodistischen Entgleisungen. Thema verschenkt. Overbeck bringt illegal eine russische Software zum Einsatz, leider inklusive Trojaner. Das Muster ist bekannt, doch die vor allem bei dieser Figur nochmals auf die Spitze getriebene Überzeichnung lässt den Krimi zu häufig in eine Polizeifilm-Groteske abgleiten. Wenn Overbeck ein verballhorntes Karl-Kraus-Zitat wiedergibt und erklärt: „Es genügt nicht, keine Idee zu haben. Man muss auch unfähig sein, sie umzusetzen“, dann soll das lustig sein und ist doch wenigstens einen Dreh zu viel.

Auch die anderen Beamten sind in ihrer Eigenschaft als Staatsdiener Totalausfälle: Zu den alten Bekannten, dem tagträumenden Karrieristen Kriminalrat Schaaf (Rainer Laupichler) und dem duckmäusernden, kakteenliebenden Finanzamtschef Grabowski (Vittorio Alfieri), gesellt sich nun noch Wohnungsamtsleiter Hasenberg (David C. Bunners) ein krimineller Flüchtlingskrisen-gewinnler. Über den Steuerfahnder Lehnhoff ist alles gesagt.

„Prognose Mord“ ist mit leichter Hand inszeniert

Der Film zerfällt – in eine durchaus spannende verschachtelte kriminologische Handlung und eine oft überzogene Ausgestaltung der Charaktere. Auch im Kleinen trägt das Script zu dick auf – etwa, wenn der Flüchtlingsjunge auf dem Smartphone spielt und von sich selbst sagt: „Christo gewinnt!“ und dann über das Telefon: „Gehört Christo.“ Dem Schüler dürfte sein eigenes Ich bewusst sein. Kinder erkennen sich ab dem dritten Lebensjahr als eigenständige Person. Und „ich“ ist eines der ersten Worte, die man in einer Fremdsprache lernt. Doch Christo spricht zu Wilsberg wie ein afrikanischer Eingeborener zum weißen Kolonialherren in einem 40er-Jahre-Streifen („Matuto holen Wasser!“).

Wer sich daran nicht stört, der darf sich gut unterhalten fühlen. „Prognose Mord“ ist mit leichter Hand inszeniert. Vor allem die Szenen, in denen Wilsbergs Nichte, die Anwältin Alex Holtkamp (Ina Paule Klink) und Ekki als vermeintlich werdende Eltern und als bulgarisches Migrantenpaar die Ermittlungen vorantreiben wollen, sind wegen ihrer in pointiert-schrägen Dialogen ausgetragenen Rivalität Höhepunkte dieser Folge. Auch die Running Gags fehlen nicht. Wilsberg bricht wieder ein und wird erwischt, und Bielefeld findet seine obligatorische Erwähnung, als am Ende Overbeck ein Einsehen in seine Unfähigkeit hat und sich auf eine Stelle in der ostwestfälischen Stadt bewirbt. Aber nicht mal das klappt. Bielefelds Glück ist Münsters Elend.

Samstag, 3. März, ZDF, 20.15 Uhr