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„Shanghai Oberserver“: Im Innern des chinesischen Mediensystems

Lesedauer: 6 Minuten

Als investigative Reporterin im Reich der Mitte arbeiten? Das geht, sagt die Chefredakteurin der Internetzeitung „Shanghai Oberserver“. Doch die Zensur in China ist allgegenwärtig.

Shanghai/Hamburg. Journalist in China zu sein, wo die Pressefreiheit eher einen schweren Stand hat, ist kein leichter Job. Auf dem Index für Pressefreiheit von "Reporter ohne Grenzen" von 2014 steht China auf Platz 175 – von 180 Ländern. Chinesische Medien und ihren Arbeitsalltag näher kennenzulernen ist für westliche Journalisten auch nicht gerade einfach. Abendblatt-Leserbotschafter Ralf Nehmzow hatte jetzt Zugang zum „Shanghai Observer“, einer neuen Online-Zeitung.

Möglich machte den Besuch ein internationaler Journalistenaustausch zwischen Hamburg und den Partnerstädten Shanghai, St. Petersburg und Chicago – veranstaltet von der Internationalen Journalisten-Akademie Intajour – an dem auch das Abendblatt teilnahm. Liam Lee, unter anderem Kolumnist beim „Shanghai Observer“, war eine Woche lang in Hamburg, informierte sich auch beim Abendblatt über Medien in Deutschland.

In Shanghai ist vieles anders. Der erste Eindruck, wenn man die Redaktionsräume des „Shanghai Observer“ sieht: modern, technisch gut ausgestattet, an den Wänden Fotos des Redaktionsteams, Arbeitsplätze inmitten von einigen Grünpflanzen. Das Büro des liegt anderthalb Stunden von Downtown entfernt. Ein Hochhaus, in dem die Jiefang Daily Gruppe residiert, das Unternehmen fusionierte unlängst mit Wenhui-Xinmin United Press Group zu einem der größten Mediengruppen Shanghais. Im vergangenen Jahr gründete die Gruppe den „Shanghai Observer“.

„Vor allem lokale Themen wie etwa Wohnungsbau und Stadtentwicklung sind uns wichtig“, sagt You Chunjie, 35, Chefredakteurin des Shanghai Observer, als sie uns mit ihrem Team im Newsroom empfängt. Seit 13 Jahren ist sie im Geschäft. Sie studierte Journalismus an der Fudan Universität in Shanghai, die Uni hat enge Verbindungen auch zu Hamburg. Zehn Jahre habe sie an „investigativen Stories“ gearbeitet, sagt sie, ohne dabei ins Detail zu gehen.

Eines Tages machte sie der Verlagsgruppe den Vorschlag, eine neue, junge Online-Zeitung aufzubauen. „Und ich bekam die Bestätigung, ich sollte die Zeitung aufbauen“, sagt die Chefredakteurin, eine zierliche Frau mit Kurzhaarschnitt.

Erstaunlich: Die Zahl der Zeitungen in China stieg von 42 im Jahr 1968 auf derzeit rund 2000 an, im Internet gab es im Juni dieses Jahres nach Angaben des China „Internet Network Information Center“ 591 Millionen Internet-Nutzer, wovon allein 464 Millionen User mobile Endgeräte nutzen.

Das Team im Newsroom besteht auch sieben Redakteuren und drei Technikern , sagt Chefredakteurin You Chunjiie, eine große Zahl der Reporter und 60 Prozent der Kolumnisten arbeiten bei der Jiefang Media Gruppe, die 500 Journalisten in ganz China hat. „Diese Kollegen stellen uns die Artikel zur Verfügung, schreiben sie“, hauptsächlich längere Hintergrundartikel und Analysen zu lokalen politischen und Wirtschaftsnachrichten. „Zum Beispiel zum Kampf gegen Korruption“, erläutert die Chefredakteurin.

Die Arbeit beginnt im Newsroom um 10 Uhr und endet abends um 20 Uhr, „aber wenn nötig, können die Mitarbeiter direkt vom Computer zu Hause die Stories updaten.“ Die Redaktion habe engen Kontakt zu den Lesern, die im Durchschnitt zwischen 25 und 35 Jahren alt seien. „Sie können auch online die Artikel direkt kommentieren“ , sagt You Chunjiie. Manchmal lade man auch Leser zu Gesprächsrunden in die Redaktion ein, „zum Dinner oder zum Kaffee“ oder versuche, in Fragebögen mehr über ihre Leser herauszufinden.

Von einer westlichen Perspektive ist es schwer festzumachen, wie frei Journalisten in China wirklich agieren können – immer wieder werden massive Einschüchterungen und Festnahmen von kritischen Journalisten im Land bekannt in einem Land wie China, das zwar in der Verfassung die Pressefreiheit garantiert. Aber: Bislang war es für Journalisten in China kompliziert, ihrer Arbeit nachzugehen.

Mit der jüngsten Verschärfung der Regeln ist es nahezu unmöglich geworden: Wie die nationale Medienbehörde unlängst bekannt gab, wurde die Weitergabe von heiklen Informationen verboten. Reporter dürfen bislang unveröffentlichte Informationen nicht kopieren, aufnehmen, aufbewahren oder im privaten Gespräch weitergeben.

Die Regeln gelten für alle Formen von Informationen: von Staatsgeheimnissen über Unternehmensgeheimnisse bis hin zu generell unveröffentlichten Informationen. Ob eine Information ein Staatsgeheimnis ist, kann auch nachträglich festgelegt werden.

Seit Xi Jinping im vergangenen Jahr zum Staatschef aufgestiegen ist, klagen Berichterstatter in China vermehrt über strengere Vorgaben für ihre Arbeit. Vergangenes Jahr hatte die Behörde alle chinesischen Journalisten zu Marxismus-Kursen verpflichtet. Es wurde ein Verbot zur Verbreitung von Gerüchten im Internet verhängt. Dutzende Blogger wurden daraufhin festgenommen und warten noch immer auf ihre Gerichtsprozesse.

Im Juni hatte die staatliche Behörde für Presse, Veröffentlichungen, Radio, Film und Fernsehen verschärfte Regeln im Detail veröffentlicht. Reportern wurde untersagt, außerhalb ihrer Provinzen oder Regionen zu recherchieren. Überdies forderte die Behörde, dass Journalisten ihre Arbeitgeber oder Behörden um Erlaubnis fragen, bevor sie Recherchen zu „kritischen Themen“ aufnehmen.

Gleichzeitig verbot die Behörde den Reportern, selbst recherchierte Informationen einfach auf privaten Blogs oder Internetseiten zu veröffentlichen. In der Vergangenheit hatten Medienvertreter immer wieder die Zensur damit ausgehebelt, dass sie brisante Berichte nicht in staatlich kontrollierten Medien veröffentlichten, sondern in privaten Blogs.

„Wir können unsere Themen frei wählen und entscheiden selbst“, betont indes die Chefredakteurin des „Shanghai Observer“. Doch im selben Atemzug sagt sie auch, wer ihre Haupt-Abonnenten sind: 90 Prozent des „Shanghai Observer“ ist im Besitz der Regierung, diese unterstützte das Projekt auch mit umgerechnet 118.000 Euro. Die Mehrheit der Leser, die die Zeitung nur online bestellen können, sind daher Regierungsoffizielle und Bedienstete der Verwaltungen. Zehn Prozent der Leser sind quasi die normale Öffentlichkeit.

Kosten für ein Online-Abo des „Shanghai Observer“: umgerechnet 11 Euro im Jahr, 1,42 Euro im Monat. Dafür bekommen die Leser dann auch noch monatlich ein Hochglanzmagazin – mit den besten Stories.