Theaterkritik

Prospero, der Menschenfreund und Zeremonienmeister

Ein nasser Empfang: Michael Gempart (l.), Frank Auerbach, Jonas Anders, Felix Lohrengel und Claudiu Mark Draghici in „Der Sturm“

Ein nasser Empfang: Michael Gempart (l.), Frank Auerbach, Jonas Anders, Felix Lohrengel und Claudiu Mark Draghici in „Der Sturm“

Foto: Oliver Fantitsch

Mona Kraushaar inszeniert „Der Sturm“ am Ernst Deutsch Theater als mitreißendes und kluges Spiel ganz im Geiste William Shakespeares.

Hamburg.  Seinen dünnen Zauberstab hält er in den Händen wie ein Dirigent. Prospero (Frank Röder) ist nicht nur Magier, sondern auch Zeremonienmeister. Und er ist ein Meister im Entfesseln von Naturgewalten. Zusammen mit Ariel, dem Luftgeist (Alexander Rainer), entfacht er ein Inferno aus Regen und Orkan, als Alonso, König von Neapel (Frank Auerbach), samt Gefolge an den Strand gespült wird.

Sprinkler von oben, Windmaschinen links und rechts und ein Wasserschlauch, den Ariel bedient, lassen den Schauspielern die Haare zu Berge stehen, durchnässen sie bis aufs Hemd und setzen die Bühne im Ernst Deutsch Theater (EDT) unter Wasser. Mona Kraushaars Inszenierung von William Shakespeares Romanze „Der Sturm“ beginnt mit einem Inferno aus Wind und Wasser, die Szene wird vom Premierenpublikum mit spontanem Beifall belohnt. Von Romanze ist jedoch noch nichts zu spüren, Prospero nimmt erste Rache an seinen Feinden, die ihn vor zwölf Jahren vom Herzogthron in Mailand vertrieben haben.

Mit seiner Brille und dem dichten, nach hinten gekämmten Haar wirkt Frank Röder wie ein Wissenschaftler aus dem 19. Jahrhundert. Zu Anfang des Stückes schreit er seine Wut über den Verrat einmal hinaus, doch legt er seine Rolle nicht als Wüterich an. Sein Prospero ist ein Feingeist und ein Jongleur.

Er experimentiert mit den Menschen, die es auf seine Insel gespült hat, doch er hat (fast) immer Gutes im Sinne. Selbst wenn er den missgestalteten Diener Caliban (Dimosthenis Papadopoulos) als „Missgeburt“ beschimpft, geht er beinahe zärtlich mit ihm um. Immer wieder tritt dieser Prospero aus seiner Rolle heraus, freut sich, wenn seine Zaubertricks gelingen, wendet sich durch Beiseitesprechen ans Publikum und macht klar, dass hier eine Inszenierung abläuft. „Bis zehn“ will er damit durch sein, exakt die Uhrzeit, zu der dieser „Sturm“ an der Mundsburg enden wird.

Röder ist auf der Bühne der verlängerte Arm von Mona Kraushaar und ihrem Team aus Katrin Kersten (Bühnenbild) und Nini von Selzam (Kostüme), mit denen sie fast immer zusammenarbeitet. Die Regisseurin, im vergangenen Jahr für ihre Inszenierung von Shakespeares „Was ihr wollt“ am EDT mit dem Rolf-Mares-Preis ausgezeichnet, hat wieder eine Menge Ideen, mit der sie auf der kargen Bühne eine poetische Stimmung schafft – da reichen eine Discokugel, ein Haufen von Kleidern und Umhängen an einer Wäscheleine, ein paar Fuchsmasken oder ein Spiel im Spiel wie zwischen Ceres und Iris, in Doppelrollen von Alexander Rainer und Michael Gempart mit Witz auf die Bühne gebracht.

Doppelrollen waren schon zu Shakespeares Zeit üblich, hier sind Felix Lohrengel und Jonas Anders sowohl Sebastian und Antonio als auch die Trunkenbolde Stephano und Trinculo. Und auch die Bühne war bei Shakespeares Aufführungen leer, das Ambiente entstand durch die Beschreibungen der Schauspieler. Kraushaar inszeniert den „Sturm“ als mitreißendes und kluges Spiel im Geiste Shakespeares. Der Abend ist modern und heutig ohne postdramatische Verrenkungen oder Einsatz von Videoprojektionen. Zu Anfang schreibt Prospero „Sturm“ an eine Tafel – mit Kreide.

Wundervoll eingefangen hat Kraushaar auch die Liebesszenen zwischen Prosperos Tochter Miranda (Daniela Bjelobradic) und Alonsos Sohn Ferdinand (Claudiu Mark Draghici). Stotternd und stammelnd stehen die beiden Liebenden voreinander, überwältigt von dem Gefühl, das sie mit voller Wucht ins Herz trifft. Diese Verbindung ist durchaus im Sinne des gütigen Prospero, wenngleich er den etwas linkischen und bebrillten Jüngling ermahnt: „Sieh dich vor, wenn Hymens Lampe leuchten sollte. Lass nicht der Koserei die Zügel schießen!“

Die Abrechnung Prosperos mit seinen Feinden endet versöhnlich und ist das Gegenteil vieler Konflikte in unserer realen Welt. „Der Sturm“ zeigt zwar die Gier nach Macht und den Verrat, doch am Ende ist er kein Spiegel der politischen und gesellschaftlichen Verhältnisse. Denn Prosperos Entscheidung, sein Zauberbuch zu begraben und sich zu entmachten, ist von milder Altersweisheit und einer tiefen Liebe zu den Menschen getragen.

Den Schlusspunkt dieses starken Shakespeare-Abends setzt Elvis Presley mit seiner Version von „You’ll Never Walk Alone“. Als Anspielung auf den FC St. Pauli, wo der Song zum Liedgut der Fans gehört, will Kraushaar das Lied jedoch nicht verstanden wissen. „Am Ende des Sturms wird der Himmel gülden“, heißt es in der ersten Strophe. Prospero reißt dazu die Arme in die Höhe. Sein Spiel ist erfolgreich beendet, der Zauberstab hat ausgedient.

„Der Sturm“ bis 20.11., Karten von 22 bis 39 Euro unter T. 22 70 14 20; www.ernst-deutsch-theater.de