Hamburg

Zeitgenössische Buchstaben-Kunst von A bis Zett

Paulina Olowska gestaltete für "Alphabet" 26 Karten

Foto: Courtesy Galerie Buchholz, Berlin / Cologne / New York

Paulina Olowska gestaltete für "Alphabet" 26 Karten

Die Galerie der Gegenwart zeigt "Art and Alphabet". Die Schau beschäftigt sich mit der Wechselwirkung von Schrift und Bild.

Hamburg.  Riesengroß hängt ein Banner an der Fassade der Galerie der Gegenwart: weiße Schrift auf rotem Grund, gemalt von der deutschen Künstlerin Friederike Feldmann. Wer versucht, die Botschaft darauf zu entziffern, wird feststellen, dass darauf nichts Lesbares steht. Die Pinselschwünge simulieren Sprache bloß, absichtlich. Das fördert das Sehen.

Unter dem Titel "Art and Alphabet" zeigt die Galerie der Gegenwart in der Hamburger Kunsthalle eine Ausstellung zeitgenössischer Kunst, die sich mit der Wechselwirkung zwischen Schrift und Bild beschäftigt. Ausgestellt sind Zeichnungen, Gemälde, Installationen, Filme und Artverwandtes von 22 internationalen Künstlerinnen und Künstlern aus 15 Ländern.

Künstler und Kunstwerke

Unter die meist erst höchstens zehn Jahre alten Kunstwerke, die sich über zwei Etagen der Galerie der Gegenwart verteilen, hat Kuratorin Brigitte Kölle auch einige bedeutende ältere gemischt. Gleich am Anfang der Ausstellung trifft man auf ein interessantes Bild des belgischen Dichters, Malers und Objektkünstlers Marcel Broodthaers aus dem Jahr 1974. Die obere Schriftreihe formt das Wort "Goya" – der Name des berühmten spanischen Malers, dessen Bilder heute so verehrt werden wie die von Rembrandt. Die zweite Zeile lautet: "abcde", danach folgt Broodthaers mehr oder weniger der alphabetischen Reihenfolge.

Viel Weiß lässt der Künstler dazwischen, er öffnet einen großen Raum für Vorstellungen und Gedanken und schafft sogar so etwas wie Poesie.

Auch ein schlagkräftiges Video in der Ausstellung ist schon so etwas wie ein Klassiker: Es stammt von Martha Rosler aus dem Jahr 1975. Darin formt die Künstlerin in ihrer Küche mit diversen Gerätschaften wie Gabel, Hackmesser oder Schüssel das Alphabet durch und tut dies im Verlauf des Films und des Alphabets immer aggressiver, bis sie mit dem Messer ein Z wie Zorro durch die Luft zieht. In ihrem Film rechnet Martha Rosler nicht nur mit der traditionellen weiblichen Rollenzuschreibung ab, sondern auch mit dem Betonieren von Geschlechterklischees in der Sprache.

Ein drittes, urkomisches Kunstwerk ist ein Film des amerikanischen Konzeptkünstlers John Baldessari von 1972, in dem er zeigt, wie er ganz ernsthaft versucht, einer Pflanze das Alphabet beizubringen. Hinter dieser absurden Prozedur verbirgt sich die Auseinandersetzung mit dem komplizierten Verhältnis von Mensch und Natur.

Die Höhepunkte

Passend zu Baldessaris Pflanzen-Alphabetisierung bespielt den Raum daneben die irische Künstlerin Katie Holten, die während der Bush-Ära in die USA einwanderte. Einen großen, komplett mit schwarzem Klebeband eingewickelten Baum hat Katie Holten in den Raum gestellt, ringsum entdeckt sie auf sehr subtile Weise das Alphabet in den Umrissen feinster Blätter, deren Verästelungen sie auf weißen Grund zeichnet und wie in einem Florilegium aneinander reiht. Der Mensch, fürchtet die Künstlerin, wird in seinen eigenen Worten untergehen, so wie die Menschen früher sich in den Wäldern verirrt hätten.

Eine ganz und gar individuelle Position hat der Hamburger Künstler Harald Stoffers entwickelt: Tag für Tag schreibt er Briefe an seine Mutter, die einer musikalischen Partitur gleichen und die er nie abschickt. Lang gezogene Wortbänder sind das, geschrieben auf leicht zitternden Notenlinien, Gedankenfetzen, die sich im Prozess des Aufschreibens zu beruhigen scheinen.

"Art and Alphabet" Galerie der Gegenwart/Hamburger Kunsthalle (U/S Hbf.), Glockengießerwall 5, Di–So 10.00–18.00, Do bis 21.00, Eintritt Di–Fr 12,-/6,-; Sa/So 14,-/7,-; bis 29.10.

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