Konzertkritik

Mal sanft, mal krass: Wenn ein Konzert zum Abenteuer wird

Gitarristin Mary Halvorson spielte in der Elbphilharmonie (Archivbild).

Gitarristin Mary Halvorson spielte in der Elbphilharmonie (Archivbild).

Foto: imago stock / imago/Votos-Roland Owsnitzki

Mary Halvorson und ihr Projekt Code Girl spielten ein spektakuläres Konzert in der Elbphilharmonie. Doch nicht alle Besucher blieben.

Hamburg.  Mary Halvorson steht nicht im Mittelpunkt ihrer Band, sie sitzt. Die schmale Musikerin mit dem Seitenscheitel, der großen Brille und dem hippen karierten Anzug ist hinter den breiten Notenständern im Kleinen Saal der Elbphilharmonie kaum zu sehen, während die anderen Mitglieder ihres Sextetts Code Girl äußerst präsent neben ihr stehen. Auch solistisch gehört die 39 Jahre alte Gitarristin nicht zu denjenigen, die zeigen, mit welch atemberaubender Geschwindigkeit sie mit ihren Fingern über das Griffbrett jagen können. Halvorsons Stärke liegt in der Komposition komplexer Stücke und darin, eine Band zu inspirieren und sich in einen Gesamtklang einzufügen.

Für ihr aktuelles Projekt Code Girl hat die Avantgarde-Musikerin aus Boston sich vorgenommen, Songs zu schreiben. Mit Amirtha Kidambi gehört eine Sängerin zu ihrem Sextett, die diese Texte singt, aber auch mit Vokalakrobatik glänzt. Wobei Songs bei Halvorson nicht die Abfolge von Strophen und Refrains meint, und mitsingen lassen sie sich kaum. In diesem Klangkosmos tauchen zwar immer wieder melodische Parts auf, doch der überwiegende Teil der Stücke basiert auf Kollektivimprovisationen und der Kreation von geräuschhaften Sounds. Auch die Rhythmik ist überwiegend frei, so wie man das seit den 60er-Jahren aus dem Free Jazz gewohnt ist.

Momenten voller Schönheit und krassen Geräuschen

Mit dem Schlagzeuger Tomas Fujiwara und dem Bassisten Michael Formanek besitzt Code Girl eine formidable Rhythmusgruppe, die ein dichtes Geflecht entfaltet, auf dem Kidambi, Trompeter Adam O’Farrill, Tenoraxofonistin Maria Grand und Halvorson selbst zu solistischen Höhenflügen abheben können. Vor allem der erst 25 Jahre alte Trompeter, Sohn des Latin-Jazz-Pianisten Arturo O’Farrill, glänzt mit Soli, in denen er die gesamte Klangpalette seines Instruments auslotet. Hier wächst ein Talent heran, das einmal zu den ganz Großen auf seinem Instrument werden dürfte.

Die acht Kompositionen bewegen sich zwischen Momenten voller Schönheit und krassen Geräuschen. Das Konzert von Code Girl ist ein Abenteuer, voller Überraschungen – für manchen Zuhörer an diesem Abend jedoch überfordernd. Eine ganze Reihe geht vor dem Ende, doch die meisten feiern die zurückhaltende Amerikanerin und ihre grandiose Band.