Konzertkritik

Elbphilharmonie: Streicherklang so süß wie ein Nutellabrot

Sheku Kanneh-Mason spielte bei der Hochzeit von Prinz Harry und Meghan – und jetzt in der Elbphilharmonie.

Sheku Kanneh-Mason spielte bei der Hochzeit von Prinz Harry und Meghan – und jetzt in der Elbphilharmonie.

Foto: picture alliance

Erstaunlich: das dritte Elbphilhamonie-Konzert des City of Birmingham Symphony Orchestra unter Mirga Grazinyte-Tyla mit Sheku Kanneh-Mason.

Hamburg.  Sie muss von unbändiger Neugierde getrieben sein. An der Spitze des City of Birmingham Symphony Orchestra hat Mirga Grazinyte-Tyla, ob ihres Bandwurm-Nachnamens schlicht Mirga genannt, im Rahmen des Elbphilharmonie-Festivals „Britain Calling“ den dritten Abend hintereinander bestritten – natürlich wieder mit rein britischem Programm.

So eine raffinierte Stückauswahl bekommt man nicht alle Tage serviert. Steven Stucky hat 1992 eine Trauermusik von Henry Purcell aus dem 17. Jahrhundert für sinfonisches Bläserensemble nicht nur arrangiert, sondern so geistreich verfremdet, dass man der Musik folgte wie einem Krimi. Nur einmal tappten die Trompeten kurz in eine der Purcell-typischen Rhythmusfallen.

Royal Wedding: Sheku Kanneh-Mason spielte bei Harry und Meghan

Den jungen Cellisten Sheku Kanne-Mason kennt buchstäblich die halbe Welt – er hat nämlich im Mai 2018 vor laufenden Kameras bei der Trauzeremonie von Harry und Meghan gespielt. Das Cellokonzert von Elgar musizierte er in einer Ruhe und aus dem Moment heraus, als fiele ihm die Musik just ein. Mirga und das Orchester begleiteten ihn geradezu zärtlich und schufen in den piano-Passagen viel Raum. Sein Amati-Cello trug gerade in der Tiefe im piano verblüffend. In der Höhe klang es bisweilen etwas eng, es saß auch noch nicht jeder Ton, aber hey, der Kerl ist 20.

In den Naturschilderungen von George Benjamins „Ringed by the Flat Horizon“ von 1980 hätte man sich hörend verlieren können – jedenfalls solange das Donnerrollen in großer Trommel und Pauke noch nicht zu nahe kam. Von dort leitete Mirga unmittelbar in Ralph Vaughan-Williams’ „Fantasia on a Theme by Thomas Tallis“ über: Streicherklang so süß wie ein daumendick beschmiertes Nutellabrot und so nostalgisch wie die Sehnsucht nach dem 16. Jahrhundert, in dem besagter Tallis lebte und auch schon das „Greensleeves“-Motiv verwendete.

Als Zugabe stellten sich die Musiker an die Rampe und sangen das Madrigal „Pastime with good company“ – nach eigenen Angaben komponiert von Heinrich VIII., nach gesicherten Erkenntnissen arrangiert von Mirga Grazinyte-Tyla.

Preis in der Elbphilharmonie übergeben

Und weil ihre Neugierde über das britische Repertoire weit hinausgeht, hat sie für ihre erste Aufnahme bei der Deutschen Grammophon Werke des polnischen Komponisten Mieczysław Weinberg ausgesucht. Das Album trug ihr prompt den Preis der Deutschen Schallplattenkritik ein. Den bekam sie an diesem Abend von Abendblatt-Kritiker Joachim Mischke überreicht. Den obligatorischen Blumenstrauß überreichte sie an einen Herrn. Der Glückliche war der Solooboist– und hingerissen vom uneitlen Charme der Geste waren gut 2000 Anwesende.