Konzertkritik

Elbphilharmonie: Wenn das Xylophon mit Skeletten tanzt

Dirigentin Mirga Gražinyte-Tyla (Mitte) mit Brindley Sherratt, Felicity Palmer, Claire Booth und Joshua Stewart (v. l.) in der Elbphilharmonie.

Dirigentin Mirga Gražinyte-Tyla (Mitte) mit Brindley Sherratt, Felicity Palmer, Claire Booth und Joshua Stewart (v. l.) in der Elbphilharmonie.

Foto: Daniel Dittus

Das City Of Birmingham Symphony Orchestra eröffnet "Britain Calling". Der Beifall ist eher nachdenklich als frenetisch.

Hamburg. Ob’s am Linksverkehr liegt? Die Elbphilharmonie feiert in diesen Tagen unter der Überschrift „Britain Calling“, was abseits der Tagespolitik von der Insel so an Erfreulichem kommt. Im Mittelpunkt: das City of Birmingham Symphony Orchestra, das gerade 100 Jahre alt geworden ist. Und was tut dessen Pauker? Ordnet seine Instrumente genau andersherum an, wie man das von hiesigen Orchestern kennt: Die höchste, kleine Pauke steht von ihm aus gesehen ganz rechts. Gleichviel ob links- oder rechtsherum, das Orchester klingt unter der luziden Stabführung seiner jungen Chefdirigentin Mirga Gražinytė-Tyla, von allen nur „Mirga“ genannt, auf lässige Weise großartig.

Für ihr Konzert vom Montagabend haben die Künstler zwei Raritäten im Gepäck. Brittens „Sinfonia da Requiem“ ist nicht das bekannte „War Requiem“, sondern entstand bereits 20 Jahre früher während des Zweiten Weltkriegs. Zur Uraufführung gelangte das Werk 1941 in New York. Britten als überzeugter Pazifist lebte in jener Zeit in Amerika im Exil. Zu einer solchen Haltung zu stehen, war damals durchaus ungemütlich.

Brittens Musik spricht auch ohne Worte

Die „Sinfonia da Requiem“ ist kein liturgisches Werk, denn sie hat keinen Text, und sie braucht ihn auch nicht. Brittens Musik spricht ohne Worte. Eine Kaskade von Schlägen eröffnet das „Lacrymosa“, die Luft erzittert unter jedem einzelnen, so genau formt Mirga sie und fährt die Lautstärke dann auf ein beunruhigendes Klopfen zurück. Die Seufzer der Celli und Bratschen lassen die Zeit stillstehen. Britten hat in die Holzbläserabteilung ein Saxofon aufgenommen, das sich voller Wohllaut und ohne blechern-triviale Dominanz in den Klagegesang hineinschmiegt.

Das „Dies irae“ malt die Schrecken des Krieges im Detail aus. Da tanzt das Xylofon mit den Skeletten, das Blech feuert Maschinengewehrsalven ab, in der großen Trommel gehen Bomben nieder. Wenn die Streicher ihre Bögen immer wieder wie Fallbeile auf die Saiten sausen lassen, scheint der Tod höchstselbst durch den Saal zu marschieren. Der letzte Satz „Requiem aeternam“ leuchtet überirdisch milde.

Michael Tippett, Brittens Zeitgenosse und Bruder im Geiste, ist hierzulande wesentlich weniger bekannt. Mit seinem Oratorium „A Child of Our Time“ setzt er dem polnischen Juden Herschel Grynszpan ein Denkmal, der im November 1938 aus Rache für die Deportation seiner Familie einen deutschen Diplomaten erschoss und damit den Nationalsozialisten den Vorwand lieferte, halb Westeuropa mit den Gräueln der Reichspogromnacht zu überziehen.

Der Beifall in der Elbphilharmonie ist eher nachdenklich als frenetisch

Die Orchesterbesetzung entspricht im Wesentlichen dem in der Romantik Üblichen. Extravaganzen hat Tippett nicht nötig. Seine Musik ist hörbar eine des 20. Jahrhunderts, doch sie ist tonal und voll melodischer Wärme, sie spannt Erzählbögen und ist unmittelbar verständlich. Immer wieder webt der Komponist Spirituals ein und verwandelt sie seinem eigenen Stil an. Uneitle Musik ist das, immer im Dienst des Textes. Ihre rhythmische Komplexität stellt sie nie aus.

Der CBSO Chorus entfaltet Tippets Klangreichtum in berückender Transparenz. Und die Solisten, angeführt von der Sopranistin Claire Booth (kurzfristig eingesprungen für Talise Trevigne), artikulieren nicht nur mustergültig, sondern verkörpern unterschiedliche Persönlichkeiten mit einer Innigkeit und Intensität wie auf der Opernbühne. Wie der Tenor Joshua Stewart den Gesang des Jungen im Gefängnis mit Geigen und Flöten verschmilzt, voller schmerzlicher Dissonanzen, das ist gerade in seiner Zartheit erschütternd.

Michael Tippetts Stärken zeigen sich im Unspektakulären. Ganz lakonisch verklingt das Werk. Das Publikum braucht einen Moment, bis es aus der spürbaren Ergriffenheit Beifall wird. Kein frenetischer, sondern ein nachdenklicher.

„Britain calling“ weitere Konzerte: 9.10., 19.30, Kleiner Saal: Darker Than Black, Karten ab 17 Euro; 9.10, 20.00, Großer Saal: City of Birmingham Orchestra/Mirga Gražinyte-Tyla, Restkarten ab 94,50; 16.10., 19.30, Kleiner Saal: Heath Quartet, Karten ab 21 Euro