Mieczyslaw Weinberg

Wie konnte seine Musik nur überhört werden?

Mieczyslaw Weinberg
bei der Kompositionsarbeit.

Mieczyslaw Weinberg bei der Kompositionsarbeit.

Foto: Private collection of Olga Rakhalskaya, provided by Tommy Persson

Die Elbphilharmonie widmet dem lange fast vergessenen Komponisten Mieczyslaw Weinberg ein umfangreiches Festival.

Hamburg. Fast wie Schostakowitsch, nur: anders. Beinahe wie Mahler, doch: ganz anders. Nah an Bartók und Britten, aber: eben nur fast. Die Musik von Mieczyslaw Weinberg, der vor 100 Jahren geboren wurde und in diesem Jahr auf vielen Konzert-Spielplänen als Jubilar aufschimmert (und nun auch im Programm der Elbphilharmonie), hat etwas Rätselhaftes, Eigenartiges, Eigenwilliges – und doch Vertrautes. Sie fasziniert unmittelbar, erzeugt Gemütsnähe durch eine sehr spezielle melodische Intensität. Sie erinnert an vieles und viele und ist doch ganz bei sich, eigen, oft weit nach innen gekehrt. Die Bandbreite ist enorm, sie reicht von Zirkus- und Zeichentrickmusik bis zu epischen Sinfonien und Opern.

In Weinbergs Lebens-Werken, mehr als 300 hat er vollendet, spiegeln sich neben seiner kompositorischen Könnerschaft auch die Zeitgeschichten und Apokalypsen des 20. Jahrhunderts, in seinem Lebenslauf haben sie Wunden hinterlassen, die sich nie schlossen. „Viele meiner Werke befassen sich mit dem Thema des Krieges. Das war leider nicht meine eigene Wahl“, schrieb er. „Es wurde von meinem Schicksal diktiert und vom tragischen Schicksal meiner Familie. Ich sehe es als meine moralische Pflicht, vom Krieg zu schreiben.“

Sohn eines jüdischen Theaterkomponisten

Geboren wurde er 1919 als Sohn eines jüdischen Theaterkomponisten, in Warschau, das Klavierspielen brachte er sich selbst bei. 1939, allein, die Flucht nach Weißrussland. Nach Minsk. Seine Familie: von den Nazis umgebracht. Seine Heimat: verloren. Als Hitlers Truppen 1941 die Sowjetunion angriffen, floh Weinberg wieder und 4000 Kilometer weiter, diesmal nach Taschkent in Usbekistan, von dort ging er nach Moskau, auf Einladung des 13 Jahre älteren Komponisten Dmitri Schostakowitsch, dem er seine erste Sinfonie geschickt hatte.

Die Repressionen im Stalin-Staat hörten nicht auf, Weinberg war Pole und Jude und hielt sich mit dem Schreiben von allerlei Gebrauchsmusiken für Theater oder Filme als Brot-Arbeiten nur sehr knapp über Wasser. Im Frühjahr 1953 wurde er wegen „jüdischem bourgeoisem Nationalismus“ verhaftet, sein Schwiegervater war 1948 auf Befehl von oben ermordet worden. Stalins Tod und das beherzte Eintreten seines Freunds und Mentors Schostakowitsch dürften Schlimmes für Mieczyslaw Weinberg verhindert haben.

Schostakowitsch und Weinberg waren befreundet

Die beiden waren fast Nachbarn, sie trafen sich nahezu täglich, um sich über ihre musikalischen Ideen auszutauschen und sich gegenseitig das gerade Geschaffene als gelungen abzusegnen. Die 12. Sinfonie ist Schostakowitsch gewidmet, immer wieder gibt es Anspielungen oder Zitate aus dessen Werken.

Wer wen bei welchem Stück beeinflusst hat, kann ruhig Stoff für musikwissenschaftliche Erbsenzählereien sein und bleiben. Einfacher und eindringlicher aber ist es, sich dieser eigenständigen Musik neugierig anzunähern. Verdiente Virtuosen des Staates, darunter Gilels, Rostropowitsch oder Kondraschin, taten es und spielten immer wieder Weinberg-Werke. Dennoch blieb seine Bekanntheit hinter Größen wie Schostakowitsch oder Prokofiew zurück. Im Westen wurden Neulinge wie Gubaidulina und Schnittke ins Rampenlicht gestellt, doch der sensible, scheue Ästhet Weinberg, der für manche zu wenig Avantgarde war und zu sehr vermeintlich verjährter Epigone, blieb weitgehend unbeachtet. Ein posthumes Schicksal, das er mit Bach teilt, mit Telemann, mit Zemlinsky oder mit Mahler. Ihre Zeit kam, aber später als sofort nach dem jeweiligen Ableben.

Prall gefüllter Werkkatalog

Weinbergs Werkkatalog ist trotz aller tragischen Widrigkeiten prall gefüllt: 21 vollendete Sinfonien, 28 Sonaten, 200 Lieder, Musik zu 60 Filmen, 17 Streichquartette, dazu sieben Opern. Die szenische Uraufführung von „Die Passagierin“ (1967/68), in der Weinberg den Holocaust und das Schicksal einer Auschwitz-Überlebenden thematisierte, wurde 2010 bei den Bregenzer Festspielen zum gefeierten Auslöser einer Neu-Entdeckung im Westen; der Dirigent der Wiener Symphoniker war damals übrigens Teodor Currentzis.

Jetzt, da sich der Nebel der Vernachlässigung mehr und mehr gelichtet hat, wird immer wieder gefragt: Wie konnte man diese Musik „überhören“? Wohin „gehört“ Weinberg? War er vor allem als Pole zu hören, weil er seine Familientragödien immer wieder in Werken anklingen lässt, oder soll man ihn des Lebensmittelpunkts wegen als sowjetischen Komponisten eingemeinden? Auf diese Fragen gibt es keine schnellen Antworten, auch, weil dessen Musik sich der eindeutigen Kategorisierung entzieht. Sie ist so facettenreich und widersprüchlich wie das Jahrhundert, in dem sie entstand.

Der lettische Geiger Gidon Kremer und die litauische Dirigentin Mirga Grazinyte-Tyla sind die momentan prominentesten Weinberg-Fürsprecher, Kremers energische Begeisterung für diese Musik war eine treibende Kraft. „Es war ein großer Fehler von mir, ihn nicht früher entdeckt zu haben.“ Und die durch ihn zum Fan und zur Anwältin gewordene Dirigentin ergänzt: „Je mehr man sich mit diesem Werk beschäftigt, desto wunderschöner beginnt es zu strahlen.“ 1996 ist Mieczyslaw Weinberg in Moskau gestorben. Sein zweites Leben hat womöglich gerade erst begonnen.