Elbphilharmonie

Wenn die Konzertmeisterin beim Feuervogel die Pumps auszieht

Der Dirigent Kristjan Järvi am Dienstagabend in der Elbphilharmonie.

Der Dirigent Kristjan Järvi am Dienstagabend in der Elbphilharmonie.

Foto: BMEF Peter Adamik

Ein Auftritt aus einer anderen Liga: Dirigent Kristjan Järvi machte mit der Baltic Sea Philharmonic Station in der Elbphilharmonie.

Hamburg. Die vertrackt schwere „Feuervogel“-Ballettmusik von Strawinsky nicht abstürzen zu lassen, ist schon mit allen Noten vor den Nasen kein harmloser Selbstgänger für ein Orchester. Aber auswendig, wie auch den Rest des fast zweistündigen, pausenlosen Programms? Als eine Art Handlungsballett, bei dem Instrumentengruppen oder Einzelne auch mal von da nach dort über die Bühne wandern, bei dem sie im Rhythmus tänzeln und es der Konzertmeisterin vor lauter Energieüberschuss mittendrin die Pumps auszieht? Deutlich andere Liga.

Seit einigen Jahren schon ist Kristjan Järvi, der unkonventionellste Spross der estnischen Dirigenten-Dynastie, auch als Motivationscoach für das Baltic Sea Philharmonic (BSP) aktiv; die Truppe ist jung, vielseitig interessiert und sehr gut im Training, wenn es darum geht, Dinge anders zu machen und andere Dinge zu kombinieren als die anderen. Der sommerliche Tournee-Stopp in der Elbphilharmonie brachte sie nun mit einem nordischen Programm-Mix in den Großen Saal.

Elbphilharmonie: Ornithologen-Opus mit rauem Charme

Klammer und Gegenstück zum Avantgarde-Klassiker Strawinsky waren die drei Sätze des „Cantus Arcticus“ von Rautavaara, in dem er mit naturalistischer Eindringlichkeit nordfinnische Vogelstimmen vom Band mit herbschönen Instrumentalpassagen aus dem Tutti untermalte. Während der zugegebenermaßen tolle Show-Effekt beim „Feuervogel“ dafür sorgte, dass diese Inszenierung der Aufführung besser gelang als so manche Details der Partitur, über die Järvi großzügig hinwegdirigierte, hatte Rautavaaras Ornithologen-Opus rauen, ungekämmten Charme. Nicht zuletzt auch, weil es Impressionen aus der Natur in einen Saal holte, dessen geschwungene Anmutung genau daran erinnert.

Und da Järvi neben eine Begeisterung für dezente Klangfarben und euphorische Schlichtheit auch eine Schwäche für Musik mit vielen Synkopen hat, kombinierte er Arvo Pärts Meditations-Übung „Fratres“ mit seinem eigenen Violin-Schaustück „Aurora“, Nordlicht und so – Musik wie aus einer dieser nicht enden wollenden Neoklassik-Playlists, in der wenige Akkorde und ihre Auffächerungen sehr, sehr breit ausgebreitet werden, bis auch der letzte Chai Latte getrunken ist.

Estland – das Chorland mit riesigen Liederfesten

Mari Samuelsen, norwegische Geigerin mit satten Bogenstrich, war für beides eine passende Solistin; in Max Richters „Dona Nobis Pacem 2“, einer Portion elegischer HBO-Serien-Musik aus „The Leftovers“, balancierte sie gekonnt und energisch zwischen Tristesse und gefühligem Klischee. Bei Amazon bekäme man anschließend sofort alles von Ludovico Einaudi angeboten. Und während das Orchester vor dem Strawinsky eine kleine Ruhepause einlegte, improvisierten Einzelne, von Järvi freundlich aufgefordert, über Motiv-Andeutungen aus dem „Feuervogel“.

Den Rest des Programms füllten Gesangseinlagen des estnischen Songwriters Mick Pedaja auf, der nachhaltig über hallige Mollakkorde hinweghauchte. Kann man machen, muss man mögen. Doch der intensivste Mehrwert dieser Wir-spielen-das-jetzt-eben-so-Einstellung, in der so ziemlich alles geht, zeigte sich in der Zugabe: Das bis dahin bunt gemischte Orchester stellte sich – Frauen links, Männer rechts – auf der Bühne auf und sang eines der Millionen estnischen Volkslieder, die Järvis Heimat Estland zum Chorland mit riesigen Liederfesten gemacht haben.