Saisonfinale

Berliner Philharmoniker – erst Hamburg, dann Waldbühne

Die Berliner Philharmoniker in der Hamburger Elbphilharmonie.

Die Berliner Philharmoniker in der Hamburger Elbphilharmonie.

Foto: Monika Rittershaus

Weltklasse-Orchester spielt in der Elbphilharmonie unter Tugan Sokhiev umjubeltes Konzert, das in Berlin nachgereicht wird.

Hamburg. Spielzeit-Enden haben für Orchester etwas Anstrengungsbefreites; die großen Brocken sind gestemmt, die mitunter anstrengenden Gastdirigenten überlebt. Man kann sich eine letzte Runde Vergnügen gönnen. Für die Berliner Philharmoniker spielte sich diese Probe für ihr Tutti-Abklingen als umjubeltes Auswärtsspiel im Großen Saal der Elbphilharmonie ab. Dort lieferten sie am Donnerstag vor knapp 2100 Menschen, was an diesem Wochenende für die zehnfache Publikumsmasse als Saisonfinale in der Berliner Waldbühne ansteht: Hübsches, Griffiges, aber – so viel Klasse muss sein – mit viel Niveau. Kurkonzert mit Goldkante, quasi.

Tugan Sokhiev – einer dieser launig anzusehenden Dirigenten, die mit pantomimischem Talent beidarmig und effektiv mitzeichnen, was vor ihnen aus dem Orchester kommt – kredenzte bei dieser Gelegenheit zweimal Prokofiew, fein perlend, und einmal Ravel, impressionistisch parfümiert. Die Luxus-Ironie dieser Kombination, vor einigen Jahren noch komplett undenkbar in der „Musikstadt Hamburg“.

Elbphilharmonie: Spezialversion mit Argerich in der Laeiszhalle

Während die Berliner im neuen Konzertsaal mit einem Orchester-Potpourri aus Prokofiews „Romeo und Julia“-Ballettmusik-Episoden ihre Instrumental-Klasse vorführten, hatten Martha Argerich und Sergey Babayan, einer ihrer treuesten pianistischen Weggefährten, zeitgleich in der Laeiszhalle ihre eigene Duett-Spezialversion des Stücks im Programm.

Doch bevor es zu den tragisch Verliebten nach Verona ging, eröffnete ein so harmloses wie reizendes Show-Stück den Abend: die „Leutnant Kishe“-Suite, aus einer Filmmusik über einen zaristischen Haudegen destilliert und randvoll mit Effekt. Entzückend, wie toll die Führungskräfte in den Berliner-Stimmgruppen ihre Exzellenz funkeln ließen, die raffinierte Instrumentation hatte die dankbaren Soli und Themen kreuz und quer durch die Partitur verteilt: Solo-Trompete, Tenorsaxophon; das Volkslied-Thema in der Romanze kam so sahnenougatlecker und weich vom Solo-Kontrabass, als ob ihm ein Cello eingebaut worden wäre.

Und im Finale, „Kishes Begräbnis“, führte Sokhiev mal eben, buchstäblich aus dem Handgelenk, vor, wie selbstverständlich es klingen kann, wenn Top-Streicher einen kleinen Lautstärke-Schweller auf den Ausklang setzen, bis die Musik in der Stille erstirbt.

Mezzosopranistin Marianne Crebassa – umarmt von der Musik

Für den Solo-Part in Ravels Tausendundeine-Nacht-Vertonung „Shéhérazade“ hatte man der Mezzosopranistin Marianne Crebassa eine interessanta, aber wirkungsvolle Position im Orchester gegeben, sie stand zwischen den Holzbläsern und den tiefen Streichern, mittendrin, ummantelt, umarmt von dieser Musik, in der schillernder Exotismus auf sinnliche Eleganz trifft. Für Ravels Hommage an Debussy war Crebassa mit ihrer warm leuchtenden Samtstimme eine wunderbare Erzählerin. Das Orchester skizzierte die Hintergründe der Gedichte mit extrafeinem Pinsel, um, wie es sich für Märchen gehört, alles andere der Fantasie zu überlassen.

Was dann folgte, war ein großes, reichlich großartig choreographiertes Handlungsballett für 128 Spitzen-Musiker. Sokhiev hatte bei „Romeo und Julia“ den besten Platz im Saal: Fast nichts tun müssen, denn die Orchester-Maschine lief bestens von allein, und falls doch hier und da eine klitzekleine Justierung von ihm kam, wurde so punktgenau gehorcht, als würde man einen Sportwagen nur mit den Fingerspitzen am Lenkrad auf einer Ideallinie durch Serpentinen kurven lassen. Applaus, Abschiedsfreude, Sommerpause.