"Stadt der Blinden"

Wie das Schauspielhaus zum Horrorhaus wurde

Am Schluss sind die Überlebenden in der „Stadt der Blinden" nur noch Silhouetten ihrer selbst.

Am Schluss sind die Überlebenden in der „Stadt der Blinden" nur noch Silhouetten ihrer selbst.

Foto: dpa Picture-Alliance / Christian Fürst / picture alliance / Christian Für

Am Schauspielhaus zeigt Kay Voges „Die Stadt der Blinden“ bildmächtig, beeindruckend, aber auch als verstörend ästhetische Gewaltorgie.

Hamburg.  Linda Zervakis hat es noch nicht erwischt, das „weiße Übel“. Sie kann noch sehen, routiniert geht sie ihrer Arbeit nach und verleiht der Geschichte damit deren Initial-Glaubwürdigkeit. Überlebensgroß ist die Moderatorin auf der Leinwand zu sehen, wie sie über eine Epidemie berichtet, die, so suggerieren es jedenfalls die Bilder, mitten in Hamburg ihren Anfang nimmt. Eine hochansteckende Blindheit, die sich rasant verbreitet. Symptome: ein milchiger Schleier vor den Augen, nicht schmerzend, aber dauerhaft, „wie ein weiß übermaltes Gemälde“.

Keiner weiß, woher, keiner weiß, warum, und vor allem weiß niemand, wie man das aufhalten könnte. Also holt sich Zervakis im Politiker-Interview entsprechende Floskeln ab: „Alarmismus nutzt keinem etwas“ zum Beispiel, oder: „Die Isolation ist ein Akt der Solidarität gegenüber dem Rest.“ Solidarität? Ein Wort ohne Bedeutung, wie sich schnell herausstellt. Das Politiker-Blabla wird man sich trotzdem noch zurückwünschen. Linda Zervakis sowieso. Überhaupt: die Tröstlichkeit des Alltags.

Denn nur wenige Minuten später ist von der Zivilisation, wie wir sie kennen, auf dieser Bühne nicht mehr viel übrig.

Kay Voges, sonst Theaterintendant in Dortmund, bringt „Die Stadt der Blinden“ nach dem Roman des portugiesischen Literaturnobelpreisträgers José Saramago auf die Bühne des Deutschen Schauspielhauses, und er tut das mit einer wilden, bisweilen auch fragwürdigen Entschlossenheit, das Grauen wirklich bis in alle Winkel auszuleuchten. Augen auf, wenn die Apokalypse naht.

Die Frau des Arztes verliert als einzige nicht ihre Sehkraft

Pia Maria Mackert hat Voges dafür eine spektakuläre Kulisse gebaut, die viel mehr ist als das: Eine rotierende zweigeschossige Villa mit Schlafsälen, funktionierenden Nasszellen, Treppen, Gängen; eine verlassene Irrenanstalt zur Internierung der Blinden. Bewacht mit Stacheldraht und Waffen, versorgt mit zu knapp kalkulierten Lebensmittelrationen. Ein Augenarzt und seine Patienten sind die ersten Insassen – und die Frau des Arztes, die als einzige ihre Sehkraft nicht verliert. Sie ist es, die nun gemeinsam mit den Zuschauern dem wuchernden Horror zusehen muss. Denn auf den Hunger folgt der Überlebenskampf. Und darauf der Verlust aller Menschlichkeit.

Die Bühne ist an der Rampe abgesperrt, das Publikum darf draußen bleiben, theoretisch. Tatsächlich schaut man natürlich nicht nur durch alle Fenster und Türen auf die wachsende Gruppe der Erblindeten, auch zwei Kameramänner in grünen Overalls (Philip Jestädt und Marcel Urlaub navigieren bemerkenswert souverän) folgen den mehr als 20 Darstellern. Nah kriechen so die Blicke an die zusehends verwahrlosenden Leiber. Fäkalien, Blut und Kotze überall, auf den Körpern, auf den Böden. Die mit vorgestreckten Armen Umhertastenden erinnern an eine Horde Zombies.

Die Dimension der Schauspielhaus-Bühne wird hier versiert ausgereizt

In der „Stadt der Blinden“ findet das Spiel in erster Linie für die Kameras statt, Leinwände sind großzügig verteilt, immer wieder überlagern zusätzliche Bilder – Madonnen, riesenhafte Augen, schwarze und weiße Farbstriche – das tatsächliche Geschehen und die gesamte Bühne. Es ist das Kay-Voges-Prinzip nach seinem in Dortmund entwickelten Theatermanifest „Dogma 20_13“. Theater als Live-Film, alles passiert parallel und im Moment. Voges, sein sowohl kino- als auch schlingensieferprobter Director of Photography Voxi Bärenklau und der Videokünstler Robi Voigt spielen dabei gekonnt mit der Überwältigung und Überforderung der Sehenden. Assoziationen, Farben, (Über-)Blendungen. Die Dimension der Schauspielhaus-Bühne wird hier versiert ausgereizt.

Neu-Ensemblemitglied Sandra Gerling verzweifelt als einzig Sehende in Großaufnahme. Sie ist Barmherzige und Racheengel, eine grandiose und kraftvolle schauspielerische Leistung. Markus John mit Augenklappe (einst der Einäugige unter den Sehenden, nun der ehemals Einäugige unter den Blinden) sorgt kurz für sarkastischen Comic Relief: „Das Hauptproblem ist, dass keiner mehr den Durchblick hat.“ Das gesamte Ensemble geht hier an Grenzen, es beeindruckt dabei nicht nur emotional, sondern auch logistisch. Der Abend ist konzentriert, handwerklich enorm präzise und formal nahezu perfekt gebaut.

Auf die Blindheit füreinander folgt bei Saramago die Blindheit der Seele

Und er ist, vielleicht auch deshalb, zwischenzeitlich nur sehr schwer erträglich. Denn Saramago beschreibt eine Gesellschaft in Auflösung, sein Roman ist eine Endzeitparabel. Auf die Blindheit füreinander folgt bei ihm die Blindheit der Seele – und Voges findet dafür verstörend ästhetische Bilder.

Die Anstaltsinsassen des oberen Stockwerks bringen die Nahrung unter ihre Kontrolle, bezahlt werden muss zunächst durch Wertgegenstände, schließlich werden die Frauen verlangt. Sie fügen sich aus Not der eigenen Vergewaltigung – und diesen Exzess reizt die Inszenierung explizit aus. Da scheint ein Penis in Großaufnahme auf, so groß, wie ihn auch die Sehende direkt vor Augen haben muss, bevor ihr Peiniger sie zum Oralsex zwingt. Minutenlang dauert die Gewaltorgie an, fast scheint sich die Inszenierung an der Drastik zu weiden. Im Publikum schließen manche die Augen freiwillig vor Entsetzen und einige verlassen gleich ganz den Saal. Denn das Schreien hört man trotz geschlossener Augen – und man wird auch den Verdacht nicht ganz los, als sei die (im Rahmen bleibende) Publikumsflucht durchaus eine Intention. Das Schauspielhaus empfiehlt die Inszenierung ab 16 Jahren.

Zum Schluss geht das Horrorhaus bildmächtig in Flammen auf, die Kameras sind erloschen, die Überlebenden nur noch Silhouetten ihrer selbst. Ihr Augenlicht kehrt zurück. Und auf der Netzhaut der Zuschauer hat grelles Blitzen eine milchige Spur hinterlassen.