Konzertkritik

Elbphilharmonie: Kleiner Saal in völliger Dunkelheit

Trotz des fehlenden Lichts im Kleinen Saal: Raus wollte niemand.

Trotz des fehlenden Lichts im Kleinen Saal: Raus wollte niemand.

Foto: Marcelo Hernandez

Beim „Lux Aeterna“-Festival bekamen die Zuschauer Taschenlampen in die Hand. Ein eindrucksvoller Abend.

Hamburg. Das Festival Lux Aeterna kreist um die Idee eines ewigen Lichts. Da hat es einen durchaus putzigen Charme, wenn die Konzertbesucher auf der Treppe eine Taschenlampe in die Hand gedrückt bekommen. Aber das ist kein selbstironischer Kommentar zum Festivalmotto, sondern eine Vorsichtsmaßnahme.

Das gut einstündige Stück „in vain“ von Georg Friedrich Haas taucht den Kleinen Saal der Elbphilharmonie nämlich zweimal in Phasen völliger Dunkelheit – und die Lampe bot einem die Möglichkeit zu signalisieren: Hilfe, ich will hier lieber raus. Ist dann so doch nicht passiert. War aber trotzdem sicher richtig und hat dem Konzert auch geholfen. Weil die Vorwarnung im Kleingedruckten des Programmhefts und beim kurzen Dunkelheitscheck die Aufmerksamkeit erhöht. Obacht, hier passiert gleich was: mit dieser Haltung hört es sich gleich ganz anders.

Haas verzichtet auf klar konturierte Melodien

Da ist das Trommelfell in Alarmbereitschaft. Kein schlechter Modus, um Musik zu lauschen. Insbesondere, wenn sie so viele Feinstnuancen abstrahlt wie in der Aufführung von „in vain“ mit dem Ensemble Modern unter Leitung von Jonathan Stockhammer.

Georg Friedrich Haas verzichtet auf klar konturierte Melodien, Rhythmen und Motive und schichtet die Klänge stattdessen zu beweglichen Flächen und Strudeln, die umeinander kreisen, die sich gegeneinander verschieben und dabei faszinierende Schwingungen erzeugen. Obertöne sirren und britzeln in der Luft. Wenn sich die Geigen an der Flöte reiben, aber auch wenn die Hörner und Posaunen schillernde Akkorde schichten, deren Sound fast etwas waldromantisch wirkt.

Öfter mal im Konzert das Licht ausknipsen

Nach und nach verliert das Zeitgefühl an Bedeutung. Man taucht ein in den Klangstrom, lässt sich treiben, schweift auch mal ab, und spürt in der ersten Phase kompletter Düsternis, wie das Orchester besonders dunkle Töne stöhnt. Eine alptraumhafte Stimmung drückt auf den Raum, wenn die Stimmen aus der Tiefe raunen. Aber dann schimmert ein Licht am Bühnenhorizont, die hellen Farben der Streicher und Holzbläser melden sich zurück.

Das ist alles stark und suggestiv, so lange das Stück im Ungefähren bleibt und einen Zusammenhang von visueller und musikalischer Ebene nur andeutet, um ihn gleich wieder zu verschleiern. Kurz vor Schluss, in der zweiten Dunkelphase, wird es eine Spur zu konkret, als plötzlich Blitze zucken, während das Schlagwerk rauscht und donnert. So viel Gewitter wäre gar nicht nötig gewesen. Trotzdem, sehr eindrucksvoll, das ganze, auch dank des famosen, von Jonathan Stockhammer hochkonzentriert geführten Ensemble Modern. Die Stunde ist schneller vorbei als gedacht. Vielleicht sollte man einfach öfter mal im Konzert das Licht ausknipsen.