„Assasinate Assange”

Begegnungen mit einem Staatsfeind

Die Theaterregisseurin Angela Richter traf WikiLeaks-Mitbegründer Julian Assange gleich mehrfach. Jetzt macht sie ein Theaterstück daraus

Hamburg. Er gilt als Erlöser-Figur und als gefallener Engel zugleich. Für einige Menschen ist er der Mann des Jahrzehnts. Andere fordern seinen Kopf. WikiLeaks-Mitbegründer Julian Assange ist zur Projektionsfläche für den geheimen Wunsch vieler geworden, Transparenz der Macht einzufordern. Gleichzeitig gilt er als Staatsfeind Nummer eins der USA, seit WikiLeaks diplomatische Depeschen enthüllt hat. Konservative Kreise fordern bis heute unzensiert gar seine "gezielte Tötung". Auch der schwedische Staat jagt ihn wegen eines mutmaßlichen Sexualdelikts.

"Assassinate Assange" nennt die Theaterregisseurin Angela Richter etwas provokant ihren Theaterabend über ihn. "Tötet Assange". Im Gegensatz zu den meisten Menschen, die den prominenten US-Kritiker nur aus Medienberichten kennen, hat sie ihn getroffen. Und das gleich mehrfach.

Die Genese ihres Stückes liest sich genauso außergewöhnlich wie vieles von der Assange-Story. Sie beginnt im Sommer 2011, als Aktivisten der finanziell klammen Enthüllungsplattform über Ebay ein Essen mit Julian Assange versteigerten. Angela Richter bot mit, bekam den Zuschlag und saß für 1600 Euro am Tisch. Ein Essen mit dem Staatsfeind.

"Den Supernerds gehört die Zukunft", sagt Richter, sie trägt eine Che-Guevara-Jacke, das rötlichbraune Haar ist gebändigt, aber ihr Blick funkelt rebellisch und suggeriert Geheimwissen. Für die in Berlin lebende Ex-Hamburgerin, deren Ehemann, der Maler Daniel Richter, den gemeinsamen Stadtwechsel 2010 medial groß inszenierte, ist Assange so ein "Supernerd", und das ist keineswegs abwertend gemeint. Länger schon arbeitete sie an einem Projekt über diese Spezies sozial inkompetenter Sonderlinge, die hohe Intelligenz und fundiertes Fachwissen kombinieren - und in der heutigen unübersichtlichen Welt möglicherweise die Einzigen sind, die noch durchblicken. Angela Richter recherchierte in Forscherkreisen an Atominstituten und stieß auf präzise denkende Menschen, die gleichzeitig als "asozial" gelten, deren Persönlichkeit nur schwer vermittelbar ist.

Beim Dinner mit Assange in London sah sich die Regisseurin in Gesellschaft von sieben Mitbietern, die zum Teil bis zu 4000 Pfund hingelegt hatten. Ebenfalls dabei war der slowenische Philosoph Slavoj Zizek, Popstar unter den Kulturkritikern, Neo-Marxist, Selbstdarsteller und bekannt dafür, dass er frei assoziierend das Unverbundene zusammenführt. Er dominierte dann auch das Tischgespräch. Zum Glück muss man sagen. Denn Julian Assange taugt eher nicht zum Alleinunterhalter. "Der muss sich genau vorbereiten, weil er eigentlich sehr flächig redet", sagt Richter. "Ich kenne das von den Teilchen-Physikern. Man braucht Geduld und Neugier, um ihnen zu folgen. Eine Plauderei hier oder ein paar geistreiche Sätze da sind nicht drin." Die Situation habe sie an Sartres "Geschlossene Gesellschaft" erinnert. Irgendwie von einer Peinlichkeit durchzogen, die {Zcaron}i{zcaron}ek schließlich mit seiner Fröhlichkeit durchbrach.

Der lange erfolglos angebahnte Kontakt war gefunden. Assange schöpfte Vertrauen zu der Künstlerin, die ihr Metier gerne mit kämpferischer Geste betreibt und ein tiefer gehendes Interesse an ihm zeigte als Parteifunktionäre oder Journalisten. Das erste Telefonat dauerte vier Stunden. "You convinced me", sagte Assange. Du hast mich überzeugt. Seither hat Richter ihn sechsmal in der Londoner Botschaft von Ecuador besucht. Die knapp 16 Quadratmeter große Kammer gesehen, die er seit zwei Jahren bewohnt. Ohne Tageslicht, ausgestattet mit einem Computer und einer Höhensonne. Abends, wenn der Tagesbetrieb ruhte, unterhielten sie sich. Vor dem Auge einer Kamera. Einmal acht, einmal elf Stunden lang, durch die Nacht bis sieben, acht Uhr morgens. Eine Situation, die Vertrauen schafft. Sicher auch Nähe. Ein Teil von ihr hält heute im Gespräch bestimmte Facetten ihres dabei gewonnenen Assange-Bildes zurück. Seine Hände sähen aus, als wären sie mit der Tastatur verwachsen, sagt sie. Wie bei einem Pianisten.

300 Fragen stellt sie ihm, die er alle beantwortet. Über die Antworten ist sie nicht zu Schweigen verpflichtet. Wie soll das auch funktionieren, wo Julian Assange doch für "Total Transparancy" steht. Es sind Fragen wie "Sicherheit oder Abenteuer?", "Ist das Internet unendlich?", "Was ist WikiLeaks in drei Worten?" - "History is inviolate", antwortet er, Geschichte kann nicht umgeschrieben werden. Das ist derzeit sein größtes Projekt, die Wahrheit so zu konservieren, dass niemand etwas darüberstülpen, sie zurechtbiegen oder auslöschen kann. Dabei gehe er vollkommen unideologisch vor, so Richter. Denn anders als Privatmenschen über Facebook seien Regierungen ganz und gar nicht gläsern. "Nur wir stehen mit heruntergelassener Hose im Internet."

Bei diesem Thema habe Assange die Besessenheit eines Charles-Dickens-Charakters. "Er wirkt wie aus einer längst vergangenen Zeit in die Zukunft gefallen, einer Zeit, in der Begriffe wie Ehre und Vertrauen eine Rolle spielten." Sie glaube durchaus nicht, dass er in allem recht habe. Aber er sehe berechtigte Zweifel an einem Weltbild, von dem viele dachten, es sei nicht erschütterbar. "Ich glaube, dass die Supernerds lebens- und zukunftsbestimmend sind. Weil sie die Welt mit ihrem Wissen theoretisch in eine Richtung lenken können."

Seit einem Jahr recherchiert Richter mit weit gespanntem Radar. Zuletzt besuchte sie die Messe "Hope" in New York und hörte sich durch Vorträge über "Computerfreaks und Depression" oder "Computerfreaks und Momente von Autismus". Die Supernerds seien ja die "Erniedrigten und Beleidigten" der Gegenwart. "Das sind die, die als Kinder schon nicht sportlich waren und in der Schule gemobbt wurden, aber jetzt ist die Zeit auf ihrer Seite."

Das zweite große Assange-Thema derzeit ist die seiner Ansicht nach manipulierte Wahrnehmung über die Medien. "Man muss den Leuten zutrauen, sich in Themen hineinzubohren. Information ist kein passiver Akt, den man in sich reinrieseln lässt. Man muss sich auch Arbeit machen, um alles zu erfahren", sagt Angela Richter.

Bei aller Übereinstimmung und vielleicht Sympathie in der Sache bleibt Assange für sie, wie für die meisten von uns, undurchsichtig, ungreifbar und mindestens umstritten. Ein Chamäleon. Die Biografie des vorzeitig Ergrauten mit dem Kindergesicht enthält genug Skurriles, um ihn zu einer suspekten Figur zu machen. In Schweden läuft ein Ermittlungsverfahren wegen "minder schwerer Vergewaltigung", sexueller Nötigung und sexueller Belästigung. Er gebe zu, sich nicht besonders fein benommen zu haben, so Angela Richter.

Das Image des Julian Assange, es setzt sich aus dem Fast-Popstar und Internet-Rebellen und diesen bizarren Anteilen zusammen. "Assange ist nicht imstande, ein Image bewusst zu prägen. Er weiß, dass er das Spiel mitspielen muss, aber er hat kein großes Talent dafür", so Richter. "Er ist in die Situation geraten, als er sich entschieden hat, sein Gesicht hinzuhalten. Dabei hat er keine extrovertierte Persönlichkeit."

"Assassinate Assanage" fügt sich in die Reihe von Theaterarbeiten Angela Richters, die sich mit umstrittenen Personen auseinandersetzen. Ebenfalls auf Kampnagel inszenierte sie 2009 das von Kritikern gelobte Rezeptionsdrama "Der Fall Esra" über den verbotenen Roman des Autors Maxim Biller. Wie schon bei Biller erntete Richter beim Thema Assange in Gesprächen negative Antworten. Vor allem Männer reagierten aggressiv. Vielleicht fühlen sie sich durch ihn provoziert, weil er nicht das übliche maskuline Alphamännchengetue an den Tag legt - und viele Frauen ihn trotzdem sexy finden.

Der Theaterabend soll Assange nicht als Lichtgestalt darstellen und den vielen Vereinnahmungen durch eine bekennende linke Theaterregisseurin eine weitere hinzufügen. Angela Richter fühlt sich allein der Kunst, dem Theater verpflichtet. Aber auch der Gerechtigkeit. "Ich werde versuchen, das umzusetzen, aber es gibt Facetten, die schwierig sind oder nicht vermittelbar. Er ist nicht der Messias, das Etikett hat er sich auch nicht angezogen. Andere haben es ihm auferlegt und hinterher beschwert, dass er das nicht erfüllt." Ihr Anspruch beinhaltet alle - auch die weniger heldenhaften - Seiten zu verhandeln. Aus unterschiedlichen Modulen, dem gefilmten Essen, den Gesprächen und Fakten soll sich die Aufführung als Hybrid aus Performance, Schauspiel und Dokumentation speisen.

Richter, Absolventin der Hochschule für Musik und Theater Hamburg und ehemalige Gründerin des Fleetstreet-Theaters, ist bekannt dafür, dass sie festgelegte Theaterabende verabscheut. Ein Stück darf nie so aussehen, als sei es zu Tode geprobt. Es muss lebendig bleiben, sich immer wieder erneuern. Dabei unterstützt ein kontinuierliches Team sie. "Assassinate Assange" wird mit Wahrnehmungen spielen, mit der Frage, was wird behauptet, was ist real? Und es soll natürlich aufklären. In dem Zusammenhang erregt sich Richter über den Konsens der Verdammnis nach dem Pussy-Riot-Prozess quer durch alle Lager. "Da weiß jeder, er kann sich nicht blamieren. Er riskiert nichts. Das finde ich feige. Hier ist das anders."

Die Regisseurin ist für positionsstarke Arbeiten bekannt. Zuletzt zeigte sie 2010 nach einer Salzburg-Blamage den nur schwer verdauten Flop "Der Ödipus Antigone Komplex" auf Kampnagel. Aus heutiger Sicht sei ihr klar, dass das ganze Thema ein Irrweg für sie war. Schon damals habe sie das Thema der "Supernerds" eigentlich stärker fasziniert. Das war kurz bevor sie mit ihrer Familie aus "Langeweile", wie es damals hieß, nach Berlin ging. Jetzt fühlt sich Hamburg vertraut und fremd an und auf einmal wieder interessant.

Angela Richter: "Assassinate Assange" 27.9. bis 30.9., jew. 19.30, Kampnagel, Jarrestraße 20-24; www.kampnagel.de