Mensch, Hamburg!

Frank Göhre – vom Buchhändler zum Bestsellerautor

Auf St. Pauli ist er als Schriftsteller zu Hause: Frank Göhre.

Auf St. Pauli ist er als Schriftsteller zu Hause: Frank Göhre.

Foto: Michael Zapf

Seine Heimat ist Bochum, die seiner Krimis ist der Hamburger Kiez. Über einen Mann, der Außenseitern eine Stimme gibt.

Hamburg. Es sind die ersten zwei Lebensjahre, an die Frank Göhre keinerlei Erinnerung hat. Das mag den meisten Menschen so gehen, bei Göhre aber waren es besondere Jahre. Die zwei Jahre, in denen sein Vater noch lebte. Lediglich Fotos, die anfangs seine Mutter aufbewahrte und die jetzt in Göhres Altbauwohnung an der Dorotheenstraße liegen, erzählen von jener vergessenen Zeit.

Der Vater war Angestellter bei der Reichsbank in Bochum, die Mutter arbeitete im Lederwarengeschäft ihres Vaters. Es war das Jahr 1943, als der Vater beruflich in die Tschechoslowakei gerufen wurde, kurze Zeit später kam die Mutter nach, Ende des Jahres brachte sie einen Sohn zur Welt – in Tetschen-Bodenbach, dort, wo die Elbe von Tschechien auf deutschen Boden fließt.

Wenige Tage vor Kriegsende wurde der Vater eingezogen, er starb an der Front. Seine Frau schloss sich mit Sohn und Großmutter dem langen Flüchtlingstreck an, zurück ins Ruhrgebiet. „Insofern ist Bochum meine Heimat“, sagt Göhre heute.

Kindheit und Jugend im Ruhrpott. Runter vom Gymnasium mit 15. Weil er „mit Latein nicht klarkam“. Göhre muss lachen, als er an seinen alten Lateinlehrer denkt. „Wenn er eine Arbeit zurückgab, hatte der immer diesen Spruch: Göhre denkt, er hat eine Sechs, Göhre hat richtig gedacht, Göhre hat eine Sechs!“ Die Mutter kommentierte das Ganze pragmatisch: „Wenn der Junge schon auf der Schule nichts Vernünftiges lernen will, dann soll er wenigstens eine solide Lehre machen.“ Eine ehrenwerter Beruf also, Kaufmann, das geht in Deutschland immer.

Göhres erster Kontakt mit dem Milieu

Der junge Mann begann eine Lehre im technischen Großhandel, Sauerstoff-, Gas- und Kohlensäurevertrieb. „Da bin ich das erste Mal mit dem Milieu in Kontakt gekommen. Gasflaschen und Schweißgeräte waren halt beliebte Objekte, mit denen die Herren am Wochenende arbeiteten.“ Immer freitags seien sie ins Geschäft gekommen und hätten das „kleine Besteck“ bestellt. „Wir berechneten zwar Pfand auf Flaschen und Geräte, bekamen sie aber in der Regel erst von der Polizei zurück …“ Frühe Prägungen für den späteren Krimiautor.

Doch die Welt des Großhandels war zu eng für den jungen Göhre. Immer schon war Lesen seine Leidenschaft gewesen, so begann er eine Buchhändlerlehre in Köln. 1965 kam es zu ersten Kontakten mit Autoren im Studio des Verlegers Alfred Neven Dumont. Dort stellten neue deutsche Autoren ihre Bücher vor, darunter Nicolas Born und Rolf Dieter Brinkmann. Göhre war fasziniert. So möchte ich auch schreiben, dachte er. „Da hat alles angefangen“, sagt er heute. Aber ganz so weit war es noch nicht.

Erst die rebellischen Jahre der Studentenbewegung gaben den Anstoß. Göhre, ganz Kind seiner Zeit, machte Ende der 1960er-Jahre mit einer Jugendgruppe Straßentheater und schrieb Hörspiele, klassisch für jene Jahre die Themen: Es ging um die Welt der Lehrlinge und der Arbeiter, um ihre Sorgen, ihre Nöte, ihren Widerstand.

Mit 30 kam der große Schnitt in Göhres Leben

Auch die Titel der Anfang der 70er-Jahre entstandenen ersten Romane sind Reflex auf die Ära des sozialen Protests: „Gekündigt“, „So läuft das nicht“ und „Schnelles Geld“. Die Bücher erzählen vom Leben einer Jugendclique im Ruhrgebiet. Sie porträtieren auch eine Repu­blik, die ihrer Pubertät langsam entwuchs. „Schnelles Geld“ sollte das Sprungbrett in die Welt des Films und später in die des Kriminalromans werden.

Aber erst kam die große Zäsur im Leben des Frank Göhre. „Mit 30 habe ich einen radikalen Schnitt gemacht und bin aus der Buchhändlerwelt ausgestiegen.“ Nicht nur aus dieser Welt, quasi aus seinem ganzen alten Leben. Traue keinem über 30? Göhre traute sich. Er zog fort aus dem Ruhrgebiet in die Lüneburger Heide. Dort lebten Freunde auf einem Künstlerhof, eine neue Heimat in der fremden Löns-Idylle.

„Ich sagte mir damals, dass ich künftig als freier Autor leben wollte.“ Es folgten Arbeiten für den NDR („Abend für junge Hörer“), eine Reihe von Hörspielen entstand, auch für den WDR. „Das war meine Schule, in der ich gelernt habe, Dialoge zu schreiben.“ Kein schnelles, aber gutes Geld, das er verdiente. 1980 wurde Göhre Stadtschreiber von Soltau.

Göhre wollte Heide-Krimis schreiben

In jenen Heide-Jahren kam es zu einer schicksalhaften Begegnung. Göhre lernte den Verleger Heinrich Maria Ledig-Rowohlt kennen. Sie sprachen über deutsche Literatur, über Hubert Fichte, über Brinkmann. Am Ende sagte Ledig-Rowohlt: „Junger Mann, Sie müssen zu Rowohlt. Ich vermittele Ihnen da mal einen Termin.“ Und Göhre bekam seinen Termin im Reinbeker Verlagshaus.

Es war nicht irgendein Termin, sondern ein Treffen mit Richard K. Flesch, zu jener Zeit Lektor der renommierten rororo-Thrillerreihe. Sehr gut gegessen habe man und auch sehr gut getrunken, erinnert sich Göhre. Bis Flesch schließlich sagte: „So. Was wollen Sie denn eigentlich schreiben?“ Göhre muss rückblickend schmunzeln. „Also, ich habe ihm gesagt, dass ich in der Lüneburger Heide die Romane von Friedrich Glauser gelesen habe.“ Ja, und er wolle jetzt auch ähnliche Kriminalromane wie der Schweizer schreiben, mit einem Kommissar wie Wachtmeister Studer, und die sollten halt in der Heide spielen.

Flesch, der in der Krimiszene den Spitznamen „Leichen-Flesch“ trug, mag da wohl die Stirn in Falten gelegt haben. Gesagt hat er jedenfalls: „Wissen Sie, Herr Göhre, wir sind hier bei Rowohlt. Wir machen Kriminalromane aus Amsterdam, New York, San Francisco, Stockholm und so weiter. Wenn Sie bei uns schreiben wollen, dann müssen Sie etwas über Hamburg schreiben.“ War also nichts mit den Lüneburger-Heide-Romanen, heute würde man sie Regionalkrimis nennen.

Was Göhre an Hamburg fasziniert

So begann sie, Frank Göhres Karriere in der Kriminalliteratur. 1986 erschien „Der Schrei des Schmetterlings“, der erste Band der mittlerweile berühmten Kieztrilogie. Hautnahe Kriminalgeschichten, paraphrasiert darin sind etwa Wilfried „Frida“ Schulz, der Pate von St. Pauli, und Auftragsmörder Werner Pinzner.

Der Kiez und Hamburg, wo Göhre seit 1981 lebt. „Hamburg fasziniert mich als Stadt vor allem, weil es hier so grundverschiedene Milieus und Atmosphären gibt.“ Vom feinen Harvestehude bis zum schmuddeligen Kiez. Bald galt Göhre als Experte in Sachen Kiez, noch immer hat er eine riesige Materialsammlung, der Kiez intim, von Luden, Losern und Ludern, von Großkopferten, von Opfern und Tätern, vom großen Geld, vom kleinen Leben. Alles sauber archiviert. Und eine schier unerschöpfliche Quelle für neue Geschichten. „Aber irgendwann werde ich das ganze Material dem St. Pauli Museum übergeben“, sagt er und wirkt fast ein wenig erleichtert.

Immer hat Frank Göhre über Menschen geschrieben, die es schwer haben im Leben, die zu Opfern wurden. Versteht er sich als politischer Autor? Göhre zögert. „Lediglich in dem Sinne, dass sich in meinen Büchern eine bestimmte Haltung zeigt, etwa für Gerechtigkeit den gesellschaftlich Außenstehenden, den Unterprivilegierten gegenüber.“ Ihr da oben, wir da unten. „Ich fühle mich diesen Menschen sehr nahe, auch wenn ich in ganz anderen Verhältnissen lebe. Für diese Menschen möchte ich eine Stimme sein.“

Göhres erstes Drehbuch: „Abwärts“

Bei genau diesen Menschen, in ihren Milieus, hat Frank Göhre seine schriftstellerische Heimat gefunden. In seinen Kriminalromanen ist die Straße sein Zuhause. Nicht die blühenden Alleen, nicht die leuchtenden Boulevards, sondern die schmutzigen Gassen, die dunkel sind nicht nur bei Nacht. Auch wenn er seit gut 20 Jahren mit seiner Frau Eva Bre­loer im gediegenen Winterhude wohnt.

Es gibt ein Bücherleben, und es gibt ein Filmleben des Frank Göhre. Das Bindeglied zwischen beiden ist sein früher Roman „Schnelles Geld“. Den las der Regisseur Carl Schenkel, war begeistert, doch die Filmrechte waren vergeben. Aber Schenkel hatte eine andere Idee, und so entstand der Film „Abwärts“ mit Götz George und Renée Soutendijk, der 1984 in die Kinos kam und zu dem Göhre sein erstes Drehbuch schrieb. Es sollte eine lange Karriere werden, bis 2005. Drehbücher zum „Tatort“ entstanden, zum „Großstadtrevier“, für „St. Pauli Nacht“ (Regie: Sönke Wortmann) gab es den Deutschen Drehbuchpreis.

Nach zehn Jahren legt Göhre ein starkes Krimi-Comeback hin

Doch Schluss war, als sich vieles geändert hatte in der Branche: Göhre sollte die fünfte Fassung einer „Großstadtrevier“-Folge schreiben und saß in einer Besprechung nicht nur dem Regisseur und dem Produzenten gegenüber, sondern noch diversen anderen Leuten mit diversen anderen Meinungen. Hinterher fragte er sich: „Tja, was soll ich jetzt eigentlich ändern?“

Die Freiheit des Autors war keine Freiheit mehr, eine eigentlich traurige Geschichte. Eine kuriose hat Göhre aber auch parat: „Der Kollege Felix Huby erzählte mir, dass er einmal gefragt wurde, ob er aus einer bestimmten Figur nicht einen Hund machen könnte …“ Den Ausstieg aus der Filmbranche hat Göhre nie bereut.

Jüngst ist nun nach zehn Jahren wieder ein neuer Kriminalroman von Frank Göhre erschienen, „Verdammte Liebe Amsterdam“ heißt das Buch, ein starkes Comeback. Die Jahre zuvor hat er sich mit anderen Autoren beschäftigt, großen Namen des Genres, Elmore Leonard etwa und Ed McBain. „Aber irgendwann war der Punkt erreicht, an dem ich mir sagte: Verdammt, ich möchte auch noch mal so einen Roman schreiben.“ Hat er getan. Und wie.