Aufgeblättert

Frankreich oder Schweiz: Morden kann man überall

| Lesedauer: 3 Minuten
Volker Albers
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Foto: Imago; Montage: HA

Etwas für jeden Geschmack: Pulsierende Spannung von Benjamin Cors oder leise Töne im Roman von Hansjörg Schneider.

Hamburg. Dem Spektrum der vielen deutschen Autorinnen und Autoren, die ihre Kriminalromane in Frankreich spielen lassen, fügt Benjamin Cors einen besonderen Aspekt hinzu. Seine Hauptfigur Nicolas Guerlain ist kein aus Paris in die Provinz strafversetzter (oder freiwillig dorthin gewechselter) Kommissar, sondern sie ist Personenschützer im Auftrag der französischen Regierung. Gleichwohl zieht es Guerlain immer wieder in seine Heimat, in die Normandie. Dort lässt der SWR-Redakteur Benjamin Cors denn auch seine Kriminalgeschichten zu großen Teilen spielen. Mit „Sturmwand“ (dtv, 415 S., 15 Euro) ist jüngst der fünfte Band der Reihe erschienen, und erneut erzählt Cors stilistisch brillant eine komplexe Story.

Alles beginnt damit, dass ein altes Ehepaar auf einer abgelegenen Normandie-Insel eine Flaschenpost findet, darin ein Zettel, auf dem fünf Namen stehen. Der erste Name ist der des alten Mannes, der kurz darauf qualvoll stirbt. Name Nummer fünf gehört Nicolas Guerlain. Der hat aktuell allerdings andere Sorgen, da bei einem Attentat auf den französischen Präsidenten dessen Personenschützer eklatant versagt haben. Zudem plagen Guerlain Probleme mit seiner alten Liebe Julie, einer äußerst komplizierten Liebe, die durch alle bisherigen Romane Cors mäandert. Dennoch macht er sich auf in die Normandie, um bei der Klärung des rätselhaften Flaschenpostfalls zu helfen. Dort allerdings trifft er zuerst auf seinen Vater, den ehemaligen Geheimdienstchef, beide sind in handfester Hassliebe verbunden. Dann sterben Nummer zwei und drei auf der Liste…

Was die Kriminalromane von Benjamin Cors vor allem lesenswert macht, ist die fein austarierte Raffinesse, mit denen die Geschichten entwickelt sind. Cors ist ein Garant für pulsierende Spannung, einen Haufen wunderbar gezeichneter Figuren – und durchaus auch für handfeste Action und Tempo, die aber immer Sinn ergeben. Nicolas Guerlain ist eine Art französischer James Bond.

Die Romane des Schweizer Autors Hansjörg Schneider sind das genaue Gegenstück zu denen von Benjamin Cors. Schneider, Jahrgang 1938 und in Basel lebend, ist ein Meister der leisen Töne. Einst erfolgreich als Autor für das Theater schreibt er seit Jahren Kriminalromane mit seinem (jetzt pensionierten) Kommissar Peter Hunkeler. „Hunkeler in der Wildnis“ (Diogenes, 222 S., 22 Euro) heißt der jetzt veröffentlichte zehnte Fall. Wobei Hunkeler die Wildnis gleich doppelt erlebt – zum einen in seinem Haus tief im Elsass, zum anderen mitten in der beschaulichen Großstadt Basel. Dort, in einem Parkcafé, trinkt der Pensionär Hunkeler an einem Sonntagmorgen seinen ersten Kaffee des Tages. Das gemütliche Senioren-Sit-in wird jäh gestört, als eine Frau in den Büschen einen toten Mann entdeckt, offenbar ist er ermordet worden.

Zwar ist Hunkeler eigentlich kein Polizist mehr, aber einmal Polizist, immer Polizist – und so treibt ihn seine Neugier hin zu der Leiche, ein stadtbekannter Feuilletonist. Schneider entwickelt die Geschichte bedächtig, bleibt ganz dicht bei seiner Hauptfigur. Immer wieder will Hunkeler aussteigen aus dieser verzwickten Sache, doch es treibt ihn weiter, er legt sich mit seinem alten Vorgesetzten an, kann es einfach nicht lassen. Und kommt schließlich einem überaus menschlichen Motiv für den Mord auf die Spur. Der Schweizer Hansjörg Schneider erzählt seine Geschichten mit einer melancholischen Gelassenheit, die sich nicht schert um alles Laute in der Welt. Das macht ihn einzigartig unter den deutschsprachigen Autoren von Kriminalromanen.

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