Buchkritik

Was der RAF-Terror mit Blankenese zu tun hat

Zu schön, um wahr zu sein: Blick von der Elbe auf Blankenese. Dem Stadtteil werden im Roman düstere Geheimnisse einverleibt.

Zu schön, um wahr zu sein: Blick von der Elbe auf Blankenese. Dem Stadtteil werden im Roman düstere Geheimnisse einverleibt.

Foto: imago stock / imago/Panthermedia

Das Buch erregt die Gemüter in Blankenese: Denn nicht nur in dem Roman „River“ gibt es Verbindungen zwischen High Society und RAF.

Hamburg. Das Wasser ist immer da und allermeistens im Fluss: Hamburg-Blankenese, gelegen an der Elbe. Berühmt auch für sein Treppenviertel. Von dem kommt man direkt an den großen Fluss, der für die Stadt, an der er liegt, von entscheidender Bedeutung ist. Mit ihm laufen die Geschäfte.

Dafür ist er ausgebaggert worden. „Ohne das Baggern wäre er noch der Fluss der alten Piraten. Mit dem Baggern ist er der Fluss der modernen Piraten“, heißt es einmal in diesem Buch, das einen sensationell kapitalismuskritischen Ton anschlägt.

Wenig später zum Beispiel kommt diese Stelle: „Die Häuser am Ufer beherbergten diese und jene Multimillionäre und Milliardäre, deren Zahl sich prozentual so schnell erhöht wie der Zahl der wirklich Armen.“

Blankeneses geheime Geschichte des antikapitalistischen Kampfes

Blankenese, Bollwerk der Bonzen. So kann man’s sehen. Vielleicht hat Blankenese gerade deswegen eine geheime Geschichte des antikapitalistischen Kampfes. In dem Roman „River“ wird sie nun erzählt. Unter anderem vom Spross einer alteingesessenen Elbvororte-Kaufmannsfamilie. Klaas Jarchow, 64 Jahre alt, Verleger und Autor, sagt: „Die Gegenwart der Vergangenheit gibt es auch in Blankenese, aber was die RAF mit unserem Stadtteil zu tun hat, wissen dennoch längst nicht mehr alle.“

Im Roman, der den Untertitel „Die Toten und die Lebenden“ trägt, verarbeitet Jarchow, Chef des in Blankenese beheimateten KJM Buchverlags, die Geschichte Angela Luthers. Die Bürgerstochter – der Vater war ein angesehener Rechtsanwalt – und erste Ehefrau des Filmemachers Hark Bohm ist nach Meinung mancher die große Unbekannte der RAF. Als frühes Mitglied der Terrororganisation verschwand sie einst spurlos.

Seit 1972 gilt Luther, die an einem Sprengstoffanschlag auf das Europa-Hauptquartier der US Army in Heidelberg beteiligt gewesen sein soll, als verschollen. Seitdem ranken sich Gerüchte um ihr Schicksal: Ist Luther längst tot, umgekommen beim Hantieren mit Sprengstoff, wie die Terroristin Brigitte Mohnhaupt einst behauptete, lebt sie im Libanon oder mit falscher Identität in Deutschland?

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Letzteres Motiv greift „River“ beherzt auf. Im Roman geht es um eine Täterin, die aus Blankenese stammt und 1974 für die RAF als Türöffnerin für einen Mord an einem Banker dient. 2015 stellt sich in der Erzählgegenwart des spannenden Stoffs die Frage, ob die Frau tatsächlich dieses exklusiv-diskrete Viertel, in dem doch jeder jeden kennt, nie verlassen hat. Auch sie ist wie die Person, die sie inspiriert hat, vor langer Zeit offiziell einfach verschwunden.

„Der tote Bankier ist der einzige Mord, die anderen Toten im Roman sterben eines natürlichen Todes“, erklärt Klaas Jarchow, der bis 2014 Co-Verleger bei namhaften deutschen Verlagen war, ehe er sein kleines Drei-Mann-Unternehmen KJM gründete, in dem er seitdem ein wild gemischtes („Als kleiner Verlag ein Vollprogramm soll man eigentlich nicht, wir machen’s.“) Literatur-Angebot Jahr für Jahr auflegt: Sachbücher und Belletristik gleichermaßen, und in letzterer hat er mit „River“ nun ein Projekt verwirklicht, das er erklärtermaßen lange mit sich herumtrug.

Beschreibungen der Nachbarschaft in Hanglage

Die natürlichen Toten des Romans sind ein nach langen Jahren in Amerika mit seiner zweiten Frau nach Hamburg zurückgekehrter Mann und ein 100 Jahre alt gewordener Reeder. Eine geheime Verbindung beider Männer mit dem Mord von einst ist der dramaturgische Kniff dieses kühn entworfenen Plots, in dem auch die ebenfalls neu in die Elbvororte gezogene Amerikanerin Sidney, ihr Teenagersohn Warren und ihr zwischen den Rollen als Bodyguard und Lover wechselnder ständiger Begleiter John an prominenter Stelle auftauchen. Außerdem treten zwei Galeristen auf, der eine verstrickt in seine Blankeneser Herkunft (das sind sie hier irgendwie alle), der andere in eine Art Mittellebenskrise, die er mit dem Diebstahl einer enormen Geldsumme und einer undurchsichtigen Kunstaktion zu bewältigen sucht.

Eine eher komplexe Lektüre? Scheint so, sagt Jarchow und lacht. Viele haben das Buch ja schon gelesen, tief im Hamburger Westen, und ihn auf das üppige Figurenensemble angesprochen; Jarchow sagt, er habe manches verfremdet. Es soll sich im Hinblick auf die Beschreibungen der Nachbarschaft in Hanglage niemand konkret gemeint fühlen. Wobei die Camouflage eher niedlich zu nennen ist. Beispielsweise heißt die Strandtreppe im Buch „Flusstreppe“, da braucht es für eventuelle Realitätsabgleiche dann nicht so viel Fantasie.

„Viele der verheirateten Frauen aber sind hier und bleiben tagsüber hier. Nach der Abfahrt der Männer und dem Schulbeginn der Kinder gehen sie laufen, fahren zu den Pferden oder sperren ihre Einzelhandelsgeschäfte vor Ort auf. Erst der Smoothie, dann der Latte, dann der Chai“: Hinsichtlich der im Roman vorgenommenen Blankeneser Soziologie hat sich Jarchow anhören müssen, er meine es nicht so gut mit der weiblichen Stadtteilbevölkerung. Dabei sind es mit spitzerer Feder geschriebene Passagen wie diese, die man dann eben doch ganz gerne liest.

Ulrike Meinhof feierte in den 1960er-Jahren rauschende Feste in Blankenese

Was kann man als leidlich an der Geschichte des Terrorismus in Deutschland Interessierter wissen? Nun, zum Beispiel, dass die linke „Konkret“-Journalistin Ulrike Meinhof vor ihrer Radikalisierung mit Familie in einer Villa in Ferdinands Höh lebte. Trotz ultrarevolutionärer Gesinnung feierte Meinhof mit ihrem Mann, „Konkret“-Chef Klaus-Rainer Röhl, in den 1960er-Jahren rauschende Feste in Blankenese. Zur Sommerfrische fuhr man nach Kampen.

Von Angela Luther muss man nicht unbedingt gehört haben. Haben ja auch die meisten nicht, nicht einmal in, siehe oben, Blankenese. Aber manche kennen ihre Geschichte und damit das merkwürdige (oder logische?) Aufeinandertreffen von High Society und bewaffnetem Kampf eben doch noch. Der (spätere) Gegner mitten unter uns – bei Jarchows war das buchstäblich so. Sein älterer Bruder, erzählt Klaas Jarchow, bekam einst Nachhilfe von Angela Luther.

Jarchow hat beim Schreiben von „River“ das Expertenwissen des Hamburger Politikwissenschaftlers Wolfgang Kraushaar („Die blinden Flecken der RAF“) angezapft. Und Hilfe, um endlich zum Thema einer sofort auffälligen Doppelautorenschaft zu kommen, holte sich Jarchow auch woanders. Auf dem Buchdeckel von „River“ steht über dem Namen „Klaas Jarchow“ noch größer „Norbert Klugmann“.

Nicht alltäglich: Verleger fühlt sich zum Schreiben berufen

Ein nicht alltäglicher Umstand, der die auch nicht so alltägliche Tatsache, dass sich ein Verleger zum Selberschreiben berufen fühlt und das Ergebnis dann im eigenen Verlag veröffentlicht, noch interessanter macht. Norbert Klugmann ist ein arrivierter Autor insbesondere von Krimis. Anfang der 1980er-Jahre jobbte er wie Jarchow in der NDR-Pressestelle, außerdem wohnten beide eine Zeit lang in derselben WG. „Wir verloren uns anschließend für einige Zeit aus den Augen, fanden uns wieder – und haben jetzt gemeinsam ein Buch geschrieben“, sagt Jarchow. Ein kurzer Dreiklang mit langer Wirkung: Bei KJM sollen nach „River“ noch zwei weitere Bücher mit den Helden aus „River“ erscheinen.

Den Stoff von „River“ habe er eigentlich mit der Autorin Brigitte Helbling entwickelt, der Kontakt zu Klugmann habe dann aber eine neue Dynamik in Gang gesetzt. „Neben meinen Aufgaben als Verleger wäre es mir nicht möglich gewesen, dieses Buch allein zu schreiben“, sagt Jarchow.

Es wird geholfen haben, dass Klugmann von der Geschichte, die Jarchow vorschwebte und die er zu großen Teilen bereits zu Papier gebracht hatte, angetan war. Mindestens einer, eigentlich beide Co-Autoren müssen ihre Eitelkeit hintanstellen, wenn die Teamarbeit gelingen soll. Wie Jarchow („Das ist selten so möglich“) es auf Nachfrage erzählt, muss es sich im Falle von „River“ wohl auf diese Weise abgespielt haben. Jarchow setzte den Ton, und Klugmann nahm ihn bereitwillig auf. Ein stilistischer Bastard ist das Buch jedenfalls nicht. Aber aus welcher Feder stammen denn nun die Sexszenen, Herr Jarchow? „Nun, die sind schon von mir geschrieben“, sagt er.

Da hat er sich also ziemlich mutig auch auf schwieriges Terrain getraut. Das muss als Lob an dieser Stelle reichen: Man hat schon Peinlicheres gelesen. Ihm sei wichtig, dass das Buch nicht lediglich als Blankenese-Roman gelesen werde, erklärt Jarchow.

Aber es ist durchaus so, dass der RAF-Strang – neben der verschwundenen Terrorgenossin tauchen in „River“ auch Alt-RAFler auf, die zwecks Unterhaltssicherung Überfälle begehen – vor allem anderen, der Familiengeschichte, dem Kunstmarktmotiv und dem Sex, das Interessanteste an diesem Roman ist. Das sieht Jarchow nicht anders, er sagt: „Um mögliche Lebenslinien zu zeichnen, etwa einer Person wie Angela Luther, eignen sich die Mittel eines Romans ganz wunderbar, ganz gleich, was in der Realität am Ende mit ihr passiert sein mag.“