Filmfest Hamburg

„Rainer Werner Fassbinder hat immer alles bestimmt“

| Lesedauer: 8 Minuten
Volker Behrens
„Und jetzt sitze ich hier“: Schauspielerin Margit Carstensen in ihrem Haus in Dithmarschen.

„Und jetzt sitze ich hier“: Schauspielerin Margit Carstensen in ihrem Haus in Dithmarschen.

Foto: Roland Magunia

Das Filmfest startet mit einem Schwerpunkt zum „Enfant terrible“. Besuch bei der 80-jährigen Schauspielerin Margit Carstensen.

Rehm-Flehde-Bargen.  Margit Carstensen ist eine schmale Frau. Sie wirkt zerbrechlich, eine Krankheit setzt ihr so zu, dass sie schon seit Jahren nicht mehr ihrem Schauspielerberuf nachgehen kann. Sie sitzt an ihrem Wohnzimmertisch in einer kleinen Gemeinde zwischen Heide und Friedrichstadt. Unter dem Tisch schnarcht ihr kleiner Hund. Das Handy und die TV-Fernbedienung hat die 80-Jährige griffbereit neben sich liegen. Den Grund für den Besuch bei ihr liefert das Filmfest Hamburg: Dort ist sie, endlich einmal wieder, im Kino zu sehen, in einer ihrer besten Rollen. Im Rahmen des Filmfest-Fassbinder-Schwerpunkts zeigt das Metropolis „Die bitteren Tränen der Petra von Kant“, in dem Margit Carstensen die Hauptrolle spielt. Fast 50 Jahre ist es her, dass der Film einst in die Kinos kam.

Erzählt wird die Geschichte einer reichen Modedesignerin, Petra von Kant (Carstensen), die mit ihrer Sekretärin Marlene (Irm Hermann) zusammenlebt. Nach zwei gescheiterten Ehen verliebt sich Kant in das Model Karin (Hanna Schygulla). Beide werden ein Paar, aber Karin betrügt die Designerin, nutzt sie aus und verlässt sie. Filmhistoriker Ulrich Gregor nannte das Melodram „eine Studie in Dekadenz“.

Im Mai wäre Rainer Werner Fassbinder 75 Jahre alt geworden

„Es handelt sich bei Petra ja um seine eigene Geschichte“, erinnert sich Margit Carstensen und meint Fassbinder selbst. „Er wollte, dass ich das am Theater spiele, hat sich eine Vorstellung angesehen und danach gleich zu mir gesagt: Daraus machen wir einen Film.“ Mit mehr als 100 Inszenierungen ist „Die bitteren Tränen der Petra von Kant“ bis heute das am häufigsten inszenierte Fassbinder-Stück im Theater. Carstensen gewann für ihre Rolle damals den Bundesfilmpreis.

Im Mai wäre Rainer Werner Fassbinder 75 Jahre alt geworden. Der Filmemacher pflegte jedoch einen exzessiven Lebens- und Arbeitsstil und starb bereits 1982. Das Filmfest Hamburg würdigt am Eröffnungstag den auch international renommierten Regisseur, Schauspieler, Drehbuchautor, Produzenten, Cutter, Komponisten und Dramatiker auf ganz besondere Weise. Im Cinemaxx läuft in gleich drei Sälen der Film „Enfant terrible“ von Oskar Roehler. Die anderen vier Festival-Kinos zeigen jeweils einen Film aus Fassbinders reichhaltigem Werk.

Fassbinder war kein einfacher Charakter

Fassbinder und die Menschen, mit denen er sich umgab, wurden oft eine „Familie“ genannt. Findet Margit Carstensen den Begriff zutreffend? „Er war das Zentrum und hat um sich herum immer wieder Leute angeordnet. Ich bin dazugekommen und war längere Zeit dabei. Er hat wie eine strenge Mutter immer alles bestimmt.“ Es gibt viele Anekdoten darüber, wie diese „Mutter“ ihre Familie regelrecht schikaniert habe. Fassbinder sei kein einfacher Charakter gewesen, erinnert sich Carstensen. „Solange es aber um Arbeit ging, war er ausgesprochen wunderbar und liebevoll. Vor allem, weil er den Leuten immer ihre Freiheit gegeben hat. Er hat mir durchgehend das Gefühl gegeben, ich hätte alles selbst erfunden und gemacht.“ Dabei hat sie sich präzise an seine Texte gehalten. „Bei ihm gab es kein einziges improvisiertes Wort.“

Carstensen gilt zwar als „Fassbinder-Schauspielerin“, eine ganz eigene Kategorie. Sie hatte allerdings vor und nach den Filmen mit dem „Regieberserker“ eine Theaterkarriere und stand bis vor einigen Jahren noch auf der Bühne. „Als Fassbinder-Schauspieler war man fast schon verurteilt“, erinnert sie sich. „Das klang, als sei das etwas, was manche Leute einfach machen. Ich habe zuerst richtige Komplexe gehabt, weil ich kein Laie war.“ Die anderen Kollegen habe sie bewundert und beneidet. „Ich habe dann versucht, so eine Zwischenform hinzubekommen und mein Wissen ein bisschen zu verstecken. Das hat mich alles schwer beschäftigt.“ Viele der Kollegen hätten die Regieanweisungen nicht so dankbar angenommen. „Für mich waren sie ein großes Vergnügen.“ Manche Schauspieler hätten ihn regelrecht gefürchtet. „Es ist ja generell über diesen Beruf bekannt, dass manche Regisseure ihre Schauspieler quälen, um von ihnen zu bekommen, was sie haben wollen. Von mir wollte er nichts sehen, was nicht von mir war.“

Vielleicht hat eine nordische Gelassenheit geholfen. Margit Carstensen ist in Kiel geboren und auf dem Land in Schleswig-Holstein aufgewachsen. Eigentlich wollte sie wieder zurück an die Ostsee, aber nun ist sie in Dithmarschen gelandet. „Und jetzt sitze ich hier“, sagt Margit Carstensen und wirkt dabei etwas konsterniert. Am liebsten, erklärt sie, würde sie nach Hamburg ziehen, „in die Elbschloss Residenz“.

Schockierende Szene

So zieht nun zunächst ihr Film noch einmal in ein Hamburger Kino. Ein anderes großes Fassbinder-Werk mit Margit Carstensen wird beim Filmfest leider nicht gezeigt. In „Martha“ geht es um die Machtverhältnisse zwischen Mann und Frau. Sie ist eine im Grunde starke Frau, die mit einem sanften Mann, gespielt von Karlheinz Böhm, zusammen ist. Im Laufe der Zeit entwickelt er sich zu einem widerlichen Sadisten, sie zum Opfer. „Das ist eine ganz böse psychologische Geschichte. Jede Frau fühlt sich davon berührt“, glaubt die Schauspielerin noch heute.

In einer schockierenden Szene kommt Martha mit einem heftigen Sonnenbrand vom Balkon und liegt nackt auf dem Bett. Sie wird schließlich, was man nur hört, von dem Mann vergewaltigt. „Fassbinder wollte, dass einem dieser Moment direkt ins Gesicht springt“, hat Kameramann Michael Ballhaus in seinen Erinnerungen „Das fliegende Auge“ geschrieben. „Das war für mich eigentlich ganz furchtbar, denn ich hatte mich noch nie irgendwo nackt gezeigt. Aber da es so im Drehbuch stand, musste ich es machen. Da gab es von mir keine Rücksicht gegenüber mir selbst“, sagt Carstensen selbst rückblickend.

Fassbinder war auch scheu

Vom vor drei Jahren gestorbenen Ballhaus, der viele Filme mit Fassbinder drehte, schwärmt sie noch heute. „Er war ein sehr liebenswerter Mensch. Beide haben oft zusammen hinter der Kamera gestanden. Sie haben ganz liebevoll miteinander gearbeitet. Dass das manchmal anders dargestellt wird, finde ich diffamierend. Rainer war verschwiegen und verbockt. Wenn ihn Journalisten etwas gefragt haben, hat er oft erst einmal zehn Minuten weggeguckt und dann vielleicht einen halben Satz rausgelassen. Aber er war eben auch sehr scheu. Dass er schwul war, war damals noch riskanter als heute.“

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Vor vier Jahren hat Carstensen einen „Tatort“ gedreht, zusammen mit ihren Fassbinder-Kolleginnen Eva Mattes, Hanna Schygulla und Irm Hermann. Da habe wohl jemand geglaubt, eine „pfiffige Idee“ zu haben, sagt sie. „Ich fand den nicht so gut.“ Im Kino konnte man sie zuletzt in „Finsterworld“ von Frauke Finsterwalder sehen („Das war ein gutes Drehbuch“), in Hamburg stand sie zuletzt bei René Pollesch im Schauspielhaus auf der Bühne.

Margit Carstensen zieht nach ihrer langen Karriere Bilanz: „Meine schwereren Rollen habe ich eindeutig auf der Bühne gespielt. Vor der Kamera muss man ja nur so sein, da hat man auch mal Spaß und Lockerheit. Auf der Bühne braucht man eine große Übersicht und Kraft, das ist oft harte Arbeit.“

Filmfest: „Die bitteren Tränen der Petra von Kant“ Do 24.9., 19.30 Uhr, Metropolis

Buchtipp: Werner C. Barg, Michael Töteberg (Hg.), „Rainer Werner Fassbinder transmedial“ Schüren, 224 Seiten; 24,90 Euro