Kino

Regisseurin: „Berlin will cool sein, Hamburg ist es“

Schrauben an Rädern und an ihrer Beziehung: Lilly (Emily Cox) und Karim (Mehdi Meskar).

Schrauben an Rädern und an ihrer Beziehung: Lilly (Emily Cox) und Karim (Mehdi Meskar).

Foto: Sören Schult/Neue Impuls Film

Randa Chahoud präsentiert im Hamburger Zeise-Kino ihr deutsch-syrisches Leinwanddrama „Nur ein Augenblick“.

Hamburg.  Wer einen Film drehen will, braucht einen langen Atem. Die Regisseurin und Autorin Randa Chahoud weiß das. Acht Jahre lang hat sie vergeblich versucht, ein Leinwanddrama zu realisieren, jetzt kommt es endlich ins Kino. Dabei liegt ihr das Thema von „Nur ein Augenblick“ ganz besonders am Herzen. Es geht um einen jungen Syrer, der in Hamburg studiert, dann aber zurück in seine Heimat geht, um seinen Bruder zu befreien, der dort im Bürgerkrieg kämpft. Chahoud stammt selbst aus einer deutsch-syrischen Familie.

Mehdi Meskar spielt den jungen Karim, der seine syrische Heimat nur ungern verlassen hat, jetzt aber als Student in Hamburg ganz glücklich ist. Seine Freundin Lilly (Emily Cox) ist schwanger. Aber als er erfährt, dass sein Bruder Yassir in seiner Heimat in einem Foltergefängnis sitzt, lässt ihm das keine Ruhe. Obwohl Lilly und ihr gemeinsamer Freund Max (Jonas Nay) ihm abraten, reist er nach Syrien und gerät bald selbst in Kampfhandlungen.

Lebensgefühl der Ungerechtigkeit

„Wenn meine Hamburger Agentin Gaby Scheldt mich nicht so unterstützt hätte, wäre der Film wohl nicht entstanden. Ich steckte vorher heftig fest“, erinnert sich Chahoud. Der inzwischen mit zwei Ophüls-Preisen ausgezeichnete Film sollte ursprünglich nur gedreht werden, wenn sich ein Fernsehsender an der Finanzierung beteiligen würde. Aber die Sender wollten nicht: „Das ist Tagespolitik. Wenn der Film ins Kino kommt, weiß keiner mehr, was in Syrien los war“, hieß es. Weit gefehlt. Scheldt sorgte dafür, dass die Regisseurin aus dem bestehenden Vertrag aussteigen und der Film auch ohne Senderbeteiligung angegangen werden konnte.

Randa Chahoud ist Tochter eines syrischen Vaters und einer deutschen Mutter. Er verließ das Land wegen der dort herrschenden Diktatur. „Eigentlich stand immer im Raum, dass er zurück wollte. Doch er konnte in 20 Jahren nicht ein einziges Mal nach Hause, nicht mal, als seine Mutter starb. Dieses Lebensgefühl der Ungerechtigkeit wirkte sich auf die Stimmung in unserer Familie aus“, sagt seine Tochter. „Als dann der Arabische Frühling kam, war ich längst erwachsen.

Szenen von Karims Studentenleben hat die Regisseurin in Hamburg gedreht

Trotzdem war das für mich eine große Sache. Alle träumten von einem freien Syrien. Dann kam der Absturz, als es sich zu diesem Bürgerkrieg entwickelt hat. Das wurde dann ja fast ein noch schlimmerer Albtraum.“ Also drehte Randa Chahoud ihren Film auch darüber, wie schwer es sein kann, zu wissen, was richtig ist. „Es gibt häufig Fingerzeige aus Europa: Wir sind so, und die sind anders. Ich finde, diese Haltung entspringt aus einer luxuriösen Lebenssituation.“

Die Szenen von Karims Studentenleben hat die Regisseurin in Hamburg gedreht. „Es ist hier gerade für mich als Berlinerin so fotogen, echt schön, dabei nicht einmal herausgeputzt. Die Stadt hat auch etwas Friedliches. Ich kenne das Filmfest Hamburg und die Berlinale. An der Alster herrscht einfach ein ruhigerer, unaufgeregterer Geist. Berlin will cool sein, Hamburg ist es.“

Kleines Budget

Das Budget für den Film war so klein, dass die eigentlich im Ausland spielenden Szenen in Deutschland gedreht wurden. Die Kriegsszene beispielsweise in der Nähe von Magdeburg auf einem Truppenübungsplatz der Bundeswehr. „Die zuständigen Offiziere haben uns von Tag eins an geholfen. Sie haben uns gesagt: Wir unterstützen jeden Film, der zeigt, dass Krieg schrecklich ist.“ Auch im Tagebau in Kamsdorf (Thüringen) sind Szenen entstanden.

„Nur ein Augenblick“ ist zwar das Kino-Debüt von Chahoud, aber die 44-Jährige hat schon jede Menge Erfahrungen im Fernsehbereich gesammelt. Gleich für ihre erste Arbeit „Ijon Tichy, Raumpilot“ gewann sie 2007 den Deutschen Fernsehpreis. Sie hat einen Münster-„Tatort“ gedreht („Lakritz“) und mehrere Folgen der Reihe „Deutschland 89“ inszeniert, die im Herbst gezeigt werden. Auch dort wieder vor ihrer Kamera: der Lübecker Jonas Nay. „Mit Jonas habe ich eine besondere Art zu kommunizieren entwickelt. Wir können sehr schnell sehr weit kommen. Das ist außergewöhnlich. Er ist einer der kreativsten Menschen, die ich kenne, und immer bereit, volles Risiko zu gehen.“

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Von November an dreht Randa Chahoud die Ufa Serie „Legal Affairs“. Es geht um eine Medienanwältin. Zudem plant sie einen Stoff über eine Raumfahrtkommandantin. Die Drehbücher entwickelt sie mit dem Hamburger Autor Arne Ahrens. „Wir wollen einen klassischen Science-Fiction-Film machen.“

Dankbar erinnert sie sich an den Beginn ihrer Karriere zurück, als sie Kamera bei Michael Ballhaus studierte. Der lud sie ans Set von Martin Scorseses Film „Gangs Of New York“ nach Rom ein, den er dort mit Leonardo DiCaprio, Daniel Day-Lewis und Cameron Diaz drehte. „Ich habe das riesige Set in Cinecittà betreten und gedacht: Solche Drehbedingungen wirst du nie im Leben haben, was willst du denn hier lernen? Dann habe ich Ballhaus bei der Arbeit gesehen. Er hat jedem Praktikanten ,Guten Morgen‘ gesagt und war immer da. Scorsese kam und verschwand wieder. Ballhaus war aufmerksam und extrem konzentriert zugleich. Er war völlig immun gegen den Hype um ihn herum.“

„Nur ein Augenblick“, Mi 12.8., 20.00, Zeise-Kino. Randa Chahoud, Nay und Cox stellen den Film vor, der ab 13.8. regulär im Zeise läuft.