Serie

Conrad Ekhof: Der Vater der deutschen Schauspielkunst

| Lesedauer: 9 Minuten
Sven Kummereincke
Conrad Ekhof – der beste Schauspieler seiner Zeit und ein Urvater der Sozialversicherung.

Conrad Ekhof – der beste Schauspieler seiner Zeit und ein Urvater der Sozialversicherung.

Foto: picture alliance

Sie leisteten Bedeutendes und ihr Leben war mit Hamburg verbunden. In unserer Serie erzählen wir ihre Geschichten.

Hamburg. Das Sozialprestige des Berufs ist ungefähr auf einer Höhe mit Landstreichern und Tagelöhnern. Die Verdienstmöglichkeiten sind im besten Fall so, dass man nicht hungern muss. Die Arbeit wiederum ist anstrengend und erfordert permanentes Reisen auf schlechten Straßen und Unterkunft in drittklassigen Herbergen. Es spricht also nichts dafür, dass ein hochbegabter junger Mann aus einfachen, aber anständigen Verhältnissen einen solchen Beruf ergreifen sollte. Conrad Ekhof aber tut es – und wird Schauspieler. Reichtum erlangt natürlich auch er nicht, Ruhm allerdings im Überfluss. Schon zu Lebzeiten wird man ihn „Vater der deutschen Schauspielkunst“ nennen. Doch bis dahin ist es ein steiniger Weg.

Conrad wird am 12. August 1720 als ältester Sohn des Hamburger Schneiders Nikolaus Ekhof geboren. Natürlich ist das Geld so knapp, dass an eine höhere Schulbildung nicht zu denken ist. Doch die Begabung des Jungen ist so offenkundig, dass die Kirche ein Stipendium für das Johanneum bezahlt. Dort gibt es auch Schulaufführungen, die früh sein Interesse für die Bühne wecken. Und da in der Nähe der Ekhofschen Wohnung der Opernhof steht, wo oft fahrende Komödianten auftreten, kommt er wohl auch in Kontakt zu Schauspielern. Später erklärt er, dass er als Kind oft aufgetreten sei – auf dem Dachboden und mit aufgehängten Kleidern als Publikum.

Doch im Alter von 15 Jahren endet die Kindheit: Ekhof muss Geld verdienen und arbeitet als Schreiber für den schwedischen Post-Kommissar in Hamburg. Dort zeigt er Eigenschaften, die jeder Arbeitgeber liebt: Fleiß, Ordnungssinn, Verantwortungsbewusstsein, schnelle Auffassungsgabe. Und noch eine weitere, die weniger geschätzt wird: Stolz. Als die Frau seines Chefs verlangt, dass der junge Mann bei einem Ausflug mit ihrem Gatten als Lakai in Livree auf dem Kutschbock stehen soll, weigert er sich strikt – und gibt die Stelle lieber auf.

Conrad Ekhof geht nach Schwerin

Nun ohne Anstellung verlässt Conrad Ekhof Hamburg und geht nach Schwerin, wo er abermals als Schreiber arbeitet. Und in der kleinen Stadt in Mecklenburg macht er eine folgenschwere Bekanntschaft: mit Sophie Charlotte Schröder, die sich gerade von ihrem alkoholkranken Mann getrennt hat und sich als Näherin durchschlägt. Beide gestehen sich ihre Liebe: für die Bühne. Und die erlebt gerade eine Revolution. Noch ist das Genre geprägt von fahrenden Komödianten, die durch das Land ziehen und auf Straßen, in Scheunen oder Gaststätten auftreten. In der Regel sind es derbe Lustspiele, die Schauspieler lernen keine Texte, sondern improvisieren, und auf jeder Bühne ist der „Hanswurst“ gegenwärtig: ein zotiger Clown, der mit Possen und wilden Späßen das Publikum zum Lachen bringen soll – auch in Tragödien. Die Schauspielerei steckte noch im Mittelalter fest.

Doch die Zahl derer, die Schauspielerei ernsthaft betreiben wollen, wächst. Eine Vorkämpferin ist Friederike Caroline Neuber, die den Hanswurst von der Bühne verbannt und in Leipzig zusammen mit dem Sprachforscher und Literaturprofessor Johann Christoph Gottsched das Theater nach französischem Vorbild revolutioniert. Bei ihr müssen die Schauspieler die Texte auswendig lernen und gemeinsam proben – beides für die meisten Akteure geradezu unerhört!

Mit 21 feiert Ekhof erste Bühnenerfolge – in Hamburg

Einer ihrer Mitstreiter, Friedrich Schönemann, steigt aus ihrem Ensemble aus und macht sich selbstständig: in Lüneburg. Und dorthin zieht es 1740 Ekhof und Sophie Charlotte Schröder, um sich ihm anzuschließen. Schönemann ist von Ekhof zunächst nicht sehr beeindruckt: Der ist klein, ungelenk und nicht eben eine Schönheit. Doch er ist mit einer ausdrucksstarken Stimme gesegnet und sehr ehrgeizig. Muss er zu Beginn noch Nebenrollen spielen, macht er schon 1741 auf sich aufmerksam. In seiner Heimatstadt gibt die Schönemannsche Gesellschaft den „Bookerbeutel“, eine plattdeutsche Komödie von Heinrich Borkenstein. Ekhof gefällt dem Publikum und erntet erste Anerkennung. Bald ist er – nicht nur in Hamburg – Publikumsliebling. Im Gegensatz zu Caroline Neuber, die ein Jahr zuvor die Stadt verlassen musste, nachdem sie vorbei am Zeitgeschmack das Theater leer gespielt hatte.

Der nun 21-jährige Ekhof ist keiner, dem sein Talent genügen würde. Er glaubt, dass Kunst nur entstehen kann, wenn das Handwerk perfekt beherrscht wird. Und so ist er ungemein fleißig, will sich immer verbessern, liest alles, was es über Theater zu lesen gibt. Ekhof bringt alle (Un-)Tugenden des protestantischen Bürgersinns in seinen Beruf ein und macht sich damit nicht nur Freunde. So lehnt er jede Form von Ausschweifungen ab, verlangt Seriosität von seinen Kollegen und erklärt: „Kein Acteur oder Actrice soll mit beschmutzter Wäsche, befleckten Strümpfen oder unreinem Gesichte und Händen aufs Theater kommen.“ Ein Künstler und Spießer. Einer jungen Kollegin gefällt das: Georgine Spiegelberg, Spross einer Schauspielerfamilie. Sie verliebt sich in den so strebsamen jungen Mann und heiratet ihn 1746.

Als das Ensemble 1753 langfristig in Schwerin engagiert wird, nutzt Conrad Ekhof die Gelegenheit, Deutschlands erste Schauspielakademie zu gründen. Dort lehrt er auch eine „Ethik des Schauspielers“ und verlangt Sittlichkeit, Rechtschaffenheit und strenge Disziplin. Dahinter steht auch sein unbändiger Wunsch, von der bürgerlichen Gesellschaft anerkannt zu werden. Doch hauptsächlich geht es um die Texte, den Vortrag, Mimik, Gestik und die „Grammatik der Schauspielkunst“. Aber auch die Kulissen und die Beleuchtung sind ein Thema. Ekhof kann es gar nicht hell genug auf der Bühne sein, damit alle Facetten der Schauspielerei sichtbar werden. Ein meist unerfüllter Wunsch, denn Kerzen und Öl sind teuer.

Alle großen Hoffnungen zerschlagen sich

Drei Jahre verbringt Ekhof mit seiner Frau in Schwerin, als der Tod von Herzog Christian Ludwig das Engagement beendet. Es folgen wieder Wanderjahre in verschiedenen Truppen, bis sich das Ehepaar 1764 dem Ensemble von Konrad Ackermann anschließt. Der lässt sich überreden, nach Hamburg zu gehen – und ein Nationaltheater zu bauen! Weil ihn das finanziell überfordert, steigen einige Kaufleute ein und die engagieren einen der größten Geister des Zeitalters: Gotthold Ephraim Lessing.

Der schreibt nun seine „Hamburgische Dramaturgie“, in der Ekhof mehr als nur ein Lob bekommt. Doch alle großen Hoffnungen zerschlagen sich: Das Nationaltheater, das beispielgebend für die Förderung deutscher Autoren sein sollte (sieht Text rechts), wird nur ein Jahr nach der Eröffnung 1768 geschlossen. Zu wenige Bürger sind bereit, sich finanziell zu engagieren. Lessing muss sich fortan in Wolfenbüttel als Bibliothekar durchschlagen, Ekhof und seine Frau gehen wieder mit Ackermann auf Wanderschaft.

Ekhof will eine Pensionskasse für Schauspieler gründen

Als erneut der Ruin droht, springt ein Apotheker aus Hannover ein – unter der Bedingung, dass Ekhof die Truppe leitet. Der schafft es, sogar einen kleinen Gewinn zu erwirtschaften. Er führt das Ensemble nach Wetzlar, Gotha und 1772 nach Weimar, wo man große Erfolge feiert. Doch wieder ist nichts von Dauer – diesmal zerstört ein Feuer das Theater und jede Hoffnung auf Kontinuität. Wie verheerend noch immer der Ruf der Schauspieler ist, zeigt sich an dieser Posse: Als Professor Christian H. Schmid ein Lobgedicht auf Ekhof schreibt, muss er sich vor Gericht verantworten – wegen „Entweihung der Feder“.

Doch Ekhof hat jetzt endlich einmal Glück. In Gotha gründet Herzog Ernst II. Deutschlands erstes Hoftheater mit festem Ensemble und stellt Ekhof ein, der das Theater rasch zum Zentrum der deutschen Bühnenkunst macht. Finanziell hat das Ehepaar jetzt etwas Sicherheit, doch das ewige Wanderleben hat Ekhofs Gesundheit angegriffen. Dennoch macht er sich an ein neues Projekt: eine Sterbe- und Pensionskasse für Schauspieler. Ein Jahrhundert vor Bismarcks Sozialversicherung und zwei Jahrhunderte vor der Gründung der Künstlersozialkasse ist das Projekt seiner Zeit so sehr voraus, dass es wohl scheitern muss.

Als Conrad Ekhof am 16. Juni 1778 auf dem Sterbebett liegt, kann er mit Stolz auf sein Lebenswerk blicken, denn er hat einen ganzen Berufsstand auf ein höheres Level gezogen. Das ultimative Lob findet sich im Allgemeinen Theater-Lexikon von 1846: „Ekhof war unter Deutschlands Schauspielern, was Lessing unter den dramatischen Dichtern war: der Erste, der Unerreichbare!“

Nächste Folge: Peter Behrens