Lessings Hamburger Jahre und der Traum vom Nationaltheater

Der Begriff des Nationaltheaters kann heute leicht missverstanden werden. Als im 18. Jahrhundert die ersten in Deutschland gegründet wurden, hatten sie keinesfalls den Anspruch, „Staatstheater“ zu sein oder für das ganze Land Geltung zu erlangen. National bezog sich in erster Linie auf die Sprache, denn es sollten deutsche Stücke gespielt werden. Anspruchsvolle Aufführungen gab es fast nur an den Hoftheatern des Adels, wo aber französische Stücke und italienische Opern dominierten. Deutsch gesprochen wurde beim Volkstheater, wo aber derbe Komödien dominierten. Diese Gegensätze wollte das Nationaltheater überwinden.

Das erste wurde 1767 gegründet – in Hamburg am Gänsemarkt. Der erste Direktor Johann Friedrich Löwen schaffte es, einige private Geldgeber zu gewinnen – auch weil er sich mit Conrad Ekhof schmücken konnte. Als Dramaturg wurde Gotthold Ephraim Lessing engagiert, dessen „Minna von Barnhelm“ hier uraufgeführt wurde und der seine „Hamburgische Dramaturgie“ schrieb. Trotz dieser Prominenz musste das Haus schon 1768 aus finanziellen Gründen schließen – den Geldgebern waren die Verluste zu groß. Die Wirkung war dennoch immens, denn die Idee machte Schule. So wurde 1776 in Wien das Hofburgtheater umgewandelt, 1779 in Mannheim und 1786 in Berlin wurden bestehende Bühnen zu Nationaltheatern.