Ausstellung

Deichtorhallen: So malt Deutschland heute

V. l.: Lydia Balkes „Hibernation Battlefield II (A Stained Mattress. Two Frozen Bodies. One Shattered Life.)“ und Andreas Breunigs, „Hi_LoRes No. 58“.

V. l.: Lydia Balkes „Hibernation Battlefield II (A Stained Mattress. Two Frozen Bodies. One Shattered Life.)“ und Andreas Breunigs, „Hi_LoRes No. 58“.

Foto: © Lydia Balke/© Andreas Breunig

Der nächste Blockbuster, bitte: Hamburgs Deichtorhallen zeigen in der Ausstellung „Jetzt!“ die spannendsten zeitgenössischen Künstler.

Hamburg. Was kommt nach Baselitz, Richter, Polke, Kiefer? Das fragte sich nicht nur das kunstinteressierte Hamburger Publikum, das die gerade zu Ende gegangene Blockbuster-Schau in den Deichtorhallen gesehen hatte. Das fragten sich anscheinend auch die stimmgebenden Direktoren und Kuratoren der Republik.

Nicht um die direkten Nachfolger wie Katharina Grosse, Jutta Koether, Thomas Scheibitz, Neo Rauch oder auch Daniel Richter sollte es gehen. Sondern um die Generation, die zwischen 1970 und 1990 geboren wurde. Eine Generation, die mit so großartigen Vorbildern aus dem Vollen schöpfen kann, es damit aber gleichwohl schwer hat, nicht ins bloße Nachahmen zu verfallen. Die, wie es scheint, wieder einmal beweisen muss, wie es um die Königin der Künste bestellt ist und, ob Deutschland zu Recht von vielen ausländischen Experten als „Malerei-Standort“ gesehen wird.

Etwa zeitgleich mit den Kollegen des Kunstmuseums Bonn sei die Idee für eine Momentaufnahme geboren worden, sagt Lea Schäfer, die am Museum Wiesbaden kuratiert. Die ursprünglich „rheinische Achse“ wurde 2018 um die Kunstsammlungen Chemnitz-Museum Gunzenhauser erweitert.

Die Kuratoren besuchten rund 100 Ateliers

Nach langen, nicht immer friedlichen Diskussionen, bei denen man einen Beraterstab hinzuzog und die Geheimtipps der Akademien von Hamburg bis Stuttgart berücksichtigte, einigten sich die Kuratoren der drei Häuser auf rund 200 Namen. Um herauszufinden, wie die neue Generation tickt, was sie antreibt, wie sie arbeitet, begaben sich zwei Teams auf Deutschlandreise, besuchten an die 100 Ateliers, wählten die jeweils besten Arbeiten aus.

Das Ergebnis dieses kuratorischen Kraftakts ist ab heute in den Deichtorhallen als vierter und letzter Station der Wanderausstellung zu sehen: Auf „Die jungen Jahre der alten Meister“ folgt „Jetzt! Junge Malerei in Deutschland“.

Und man kann von Glück sagen, dass ausgerechnet dieses Ausstellungshaus für den Norden ausgewählt wurde. Die überwiegend großformatigen Bilder der 53 Künstlerinnen und Künstler können dort ihre ganze Kraft entfalten und sich gegenseitig im Raum bestärken.

Der erste Eindruck: Überwältigung!

Schon der erste Eindruck beim Betreten der Hallen ist: Überwältigung! Aneta Kajzer und Sebastian Gögel ziehen den Betrachter mit enormer Farbpracht in den Bann. Fasziniert schaut man Henriette Grahnerts Jonglieren mit den Mitteln der Malerei zu („Where the magic happens“) und lässt sich gerne optisch täuschen durch den nur angeblich fetten Farbauftrag bei Moritz Neuhoff. Der Hamburger Künstler Simon Modersohn lässt in „Club zur Vahr“ die Leinwand dreidimensional erscheinen.

Die Malerei als Kontrapunkt zum Digitalen

Die haptische, konkrete Malerei als sinnlich erfahrbaren Kontrapunkt zum Digitalen glaubt Deichtorhallen-Intendant Dirk Luckow darin zu sehen. Es ist aber noch viel mehr: Die Kreativen spielen in ihren Arbeiten mit unseren (veränderten) Sehgewohnheiten und lassen uns das Sichtbare noch einmal mehr überprüfen.

„Wir wollten nicht die 1000. Ausstellung zum expansiven Bild machen“, sagt Christoph Schreier, Co-Kurator von „Jetzt!“ und ehemaliger stellvertretender Direktor des Kunstmuseums Bonn. „Es ging uns darum, die Möglichkeiten, die das Bild hergibt, die Grenzen der Malerei auszuloten.“ Und siehe da: Für viele der teilnehmenden Künstlerinnen und Künstler gibt es gar keine Grenzen. Dana Greiner heftet Stofffransen und Kordeln ans Bild, um das Motiv nach unten hin zu erweitern, während Franziska Reinbothe ihre Leinwände bis zur Unkenntlichkeit faltet.

In der Schau „Quadro“, die die vier Malerinnen Kati Heck, Stefanie Heinze, Laura Link und Kerstin Brätsch zusätzlich nur in Hamburg präsentiert, sprengt etwa letztere mit ihrem monumentalen Werk „Towards An Alphabet (Dino Runes)“ buchstäblich den Rahmen: Es baumeln bunte Reagenzgläser heraus, Kunststoff ist über das Gemalte gespannt, die Dinosaurier verschwinden hinter Ornamenten wie in einem Strudel und scheinen in ihrer Weltuntergangsstimmung auch das vorbestimmte Ende des Menschen vorwegzunehmen.

Es wird mit Material und Trägermedien gespielt

Wie gut, dass es nebenan Versöhnlicheres gibt, wie zum Beispiel „Leea“ von Vivian Greven, die darin menschliche Körper in Pastellfarben moduliert. Oder auch Benedikt Leonhardts atmosphärische Abstraktionen, in denen man bei längerem Hinsehen Formen und Struktur erkennt. Fast meditativ wirken die großen, aufgeräumten Flächen von Sabrina Fritsch („Aer“).

Manch ein Werk scheint sich direkt auf einen Vorgänger wie Gerhard Richter zu beziehen, so etwa Franziska Holsteins Farbtafeln mit dem Titel „o. T.“ (1-32/108). Auch Einflüsse der Leipziger Schule oder von Malern wie Albert Oehlen sind in einigen Arbeiten erkennbar.

Was charakterisiert also diese neue Malergeneration? Es ist die Variation von Materialien und Trägermedien wie Öl, Sprühlack, Vinyl, Seil auf Holz, Acryl, Baumwolle, Jute. Und doch bleibt die Leinwand der Star. Figurativ oder abstrakt? Sich eindeutig zu einem Lager zu bekennen, scheint nicht mehr en vogue zu sein. Die Bildaussagen reichen vom privaten Bekenntnis bis zum politischen Statement. Es ist also kein einheitlicher Zeit-Stil auszumachen (den gab es auch schon nicht bei den „alten Meistern“). Die Heterogenität ist das Leistungsmerkmal der Gattung Malerei.

Und sie ist auch die Stärke dieser Ausstellung. Dass für jeden Geschmack etwas dabei sein dürfte, ist in diesem Fall ein großes Kompliment. Kraftakt geglückt.

„Jetzt! Junge Malerei in Deutschland“ 14.2.-17.5., Halle für aktuelle Kunst (U Meßberg), Deichtorstraße 1-2, Di-So 11.00-18.00, jeden 1. Do im Monat bis 21.00, Eintritt 12,-/7,- (ermäßigt)