Ausstellung

Spektakulärer neuer Blick auf das alte Hamburg

Neues Sehen: Fide Struck lichtete Arbeiter in einer Altonaer Fischräucherei ab.

Neues Sehen: Fide Struck lichtete Arbeiter in einer Altonaer Fischräucherei ab.

Foto: BPK-Bildagentur, Fide Struck (slg. Thomas Struck)

70 Jahre galt der Fotokoffer von Friedrich Struck als verschollen. Jetzt sind die historischen Aufnahmen im Altonaer Museum zu sehen.

Hamburg. Als Thomas Struck sich endlich durchgerungen hatte, den staubigen, Jahrzehnte in einem Keller gelagerten Holzkoffer zu öffnen, strömte ihm „modriger Weltkriegsgeruch“ entgegen. Fast hätte er den Koffer sofort wieder geschlossen. Aber die Neugierde, die er schon zuvor immer mal wieder verspürt hatte, siegte über den Widerwillen, sich mit dem fast 50 Kilogramm schweren Familienerbe zu beschäftigen.

Er wickelte vergilbte Seiten des „Völkischen Beobachters“ aus dem Jahr 1941 auseinander und brachte dabei an die 3000 Negative auf Glasplatten und Film zutage. Um diese sichten zu können, besorgte er sich einen Scanner – und tauchte für zwei Jahre ab. „Meine Frau hat nur noch meinen Rücken gesehen“, erzählt der Berliner Filmemacher.

Propagandabilder von Aufmärschen wollte er nicht fotografieren

Er sah abgearbeitete Marktfrauen mit Kopftüchern, die vor dem Deichtor Gemüse anboten, und Händler in feinem Zwirn an der Börse. Blickte auf den Tisch einer Familie, die sich um ein Stück Fleisch und Suppe zum Essen versammelt hatte, und in das überraschte Gesicht eines jungen Mannes mit einer Karre voller Strohkörbe. Bewunderte, wie sein Vater Nebel-Romantik am Hafen ebenso eindrucksvoll eingefangen hatte wie eine Gruppe von Fischern in der Zigarettenpause. Und er fand unzählige private Fotografien aus seiner Kindheit und Jugend. „Ich wusste bis dahin nur von drei Fotoalben, die den Krieg überstanden hatten.“ Dies war der ganze Schatz seines Vaters.

Das Handwerk eines Fotografen hatte Friedrich „Fide“ Struck (1901–1985) in Gildenhall gelernt, einer vom Werkbund und vom Bauhaus beeinflussten Gemeinschaft von Kunsthandwerkern im Norden Brandenburgs. Nach deren Auflösung 1929 arbeitete er zunächst für eine Berliner Siedlungsgesellschaft und dokumentierte auch deren Bautätigkeit, bevor er mit der Familie zurück nach Hamburg zog und dort zwischen 1930 und 1933 als Arbeiterfotograf seiner Leidenschaft nachging – ein „emanzipatorischer Schritt“ für den Mann, der aus ärmlichen Verhältnissen in St. Georg stammte.

Als die Nationalsozialisten an die Macht kamen, beschränkte sich „Fide“ auf private Szenerien, zeigte Männer beim Angeln und sogar den Schauspieler Gustaf Gründgens bei Proben. Propagandabilder von Aufmärschen habe er nicht fotografieren wollen, weil er diese Erinnerungen nicht bewahren wollte, so Thomas Struck.

Fide hatte nicht die Absicht, Bilder zu veröffentlichen

Den Koffer packte sein Vater 1941 in Berlin; er sollte ihn auf all seinen Lebensstationen begleiten, Kriegswirren und die beschwerliche Nachkriegszeit überdauern, bis ins Jahr 1970, als Fide Struck ins Altersheim ging und für den Koffer keinen Platz mehr fand. Zunächst erhielt ihn sein Enkel Hartmut Struck, denn sein letzter noch lebender Sohn Thomas war als Hippie ohne festen Wohnsitz nicht greifbar. Erst 2010 kam der Koffer in seinen Besitz. Weitere fünf Jahre dauerte es, bis er ihn vom Keller in die Altbauwohnung in Berlin-Schöneberg trug, nur wenige Kilometer von der damaligen väterlichen Bleibe entfernt. Doch was sollte er mit diesem Erbe anfangen? „Ich wusste, dass die Bildqualität gut war“, so Struck junior. „Also bot ich die Fotografien dem Bildarchiv Preußischer Kulturbesitz an, der dafür besten Adresse.“

Schnell schaltete sich auch die Stiftung F. C. Gundlach ein, und die Ausstellungsidee war geboren. An die 40 unterschiedlich große, gerahmte Silbergelatineabzüge sind in der Schau „Fisch, Gemüse, Wertpapiere. Fide Struck fotografiert Hamburg 1930-33“ im Altonaer Museum zu sehen. Für Sebastian Lux, Geschäftsführer der Stiftung, ist bemerkenswert, dass Fide Struck sich „Reportagethemen suchte, anscheinend ohne die Absicht, sie zu veröffentlichen“. Denn Publikationen, die seine Fotografien zeigen könnten, sind nach heutigem Stand nicht überliefert.

Nach 1945 fotografierte Fide Struck nicht mehr

Er sei ein „ambitionierter Amateurfotograf“ gewesen, der bereits im Stil des Neuen Sehens arbeitete. Auf einem Bild sieht man einen Arbeiter, der an der Bootswand hinunter fotografiert wurde, auf einem anderen eine ästhetisch angeordnete Schnur von Räucherfischen. „Schräge Perspektiven, starke Hell-Dunkel-Kontraste, Menschen vor grafisch angeordneten Hintergründen – da geht jemand mit einem neusachlichen Blick durch die Welt.“

„Tragisch ist, dass mein Vater nach 1945 nie wieder fotografiert hat“, sagt Thomas Struck, der sich an wenige Bilder an der Wand der elterlichen Wohnung erinnern kann. „Es ist ein Trauma, das wir alle in uns tragen: Wir sehen, wie viel Schönheit durch Krieg und Schrecken verloren gegangen ist. Diese Tragik berührt mich. Diese Geschichte möchte ich erzählen.“ Die wiederentdeckten Bilder aus dem Koffer, die bewahrten Erinnerungen seines Vaters, will er zu einem Film verweben. Es ist seine Art der Verarbeitung.

„Fisch, Gemüse, Wertpapiere. Fide Struck fotografiert Hamburg 1930–33“ bis 23.11. im Altonaer Museum (S Altona),
Museumstr. 23, Mo, Mi–Fr 10.00–17.00, Sa/So 10.00–18.00, Eintritt 8,50/5,- (ermäßigt).

„Fides Foto-Koffer“ Lichtbildervortrag von Thomas Struck, Fr 24.1., 19.00 im Metropolis Kino (U Gänsemarkt), Kleine Theaterstr. 10, Karten zu 7,50 Euro, www.metropoliskino.de