Theaterkritik

Milo Rau erweist sich als unerbittlichster Experimentator

Eine Szene aus dem Drama „Orest in Mossul“ von Regisseur Milo Rau, das bei den Lessingtagen zu sehen war.

Eine Szene aus dem Drama „Orest in Mossul“ von Regisseur Milo Rau, das bei den Lessingtagen zu sehen war.

Foto: FRED DEBROCK

„Orest in Mossul“ und „Reverse Colonialism!“: Bei den Lessingtagen rührten zwei Stücke an grundsätzlichen gesellschaftlichen Fragen.

Hamburg.  Die Häuserlandschaften, an denen die Kamera vorbeizieht, ragen wie hohle Zähne in die Landschaft. Es sind Krater der Verwüstung. Mahnmale unermesslichen Leids. Die Bilder, die da über die große Leinwand im Thalia Theater flimmern, offenbaren das ganze Ausmaß der Zerstörung des irakischen Mossul durch den IS. Wie aber soll man mit ehemaligen Peinigern umgehen? Die zentrale Frage von Rache oder Vergebung trieb schon den antiken Dichter Aischylos um und veranlasste ihn zum Schreiben der „Orestie“. Bei ihm durchbricht die Vergebung den Teufelskreis.

In einer klugen Versuchsanordnung erzählt Milo Rau, Schweizer Regisseur und Leiter des NTGent, die Hauptmotive der antiken Schicksalsfiguren auf der Folie des durch die IS-Herrschaft zerstörten Mossul im Irak. „Orest in Mossul“, das nun bei den Thalia-Lessingtagen gastierte, zeigt den Reiz und auch die Grenzen einer Verschränkung von Klassiker und Dokumentation.

Hinrichtungen werden immer wieder nachgestellt

Auf der Thalia-Bühne erzählt Agamemnon-Darsteller Johan Leysen zunächst von seiner Begeisterung für die Archäologie, aber in Mossul, dem biblischen Ninive, dieser 8000 Jahre alten Stadt, die um vieles älter ist als das Athen des Aischylos, sind auch die Kulturschätze unwiederbringlich vernichtet. Bald schon wiederholt sich auf Leinwand und Bühne die Unausweichlichkeit des dramatischen Geschehens – Mord um Mord. Immer wieder verbindet Milo Rau dabei Szenen und Dialoge, die in zehn Tagen mit dem Darstellerteam aus europäischen Profis, irakischen Laiendarstellern und Schauspielschülern im Irak entstanden, mit dem Bühnengeschehen.

Da wird ein über die Leinwand flimmerndes Lokal in einem ehemaligen Vergnügungspark zum Austragungsort des Familienzwistes auf der Bühne. Agamemnon (Johan Leysen) rechtfertigt die Opferung seiner Tochter Iphigenie flankiert von der Seherin Kassandra (Susana Abdul Majid). Klytaimnestra (Elsie de Brauw) ersticht daraufhin Agamemnon und Sohn Orest (Risto Kübar) wird aus Rache später gemeinsam mit Pylades (Duraid Abbas Ghaieb) die Mutter und ihren neuen Geliebten töten.

Die Schauspielszenen im Video haben mitunter etwas Unwirkliches, weil sich in ihnen bewusst Fiktion und Realität überlagern. Vor allem dann, wenn effektvoll immer wieder Hinrichtungen nachgestellt werden. Auch Iphigenies Erstickungstod zieht sich über Minuten hin und es fließt viel Kunstblut.

Seine suggestivsten Momente entfaltet der Abend in seinen dokumentarischen Anteilen. Etwa wenn ein junger irakischer Fotograf erzählt, wie er einen Kuss der Darsteller des Orest und des Pylades auf einem Kaufhaus ablichtete, von dem der IS wenige Wochen zuvor noch Homosexuelle und Ehebrecherinnen in den Tod gestürzt hat. Oder wenn die Musiker vor der zerstörten Kunstakademie „Mad World“ anstimmen. Entgegen dem Beispiel aus der „Orestie“ enthalten sich am Ende in einer Umfrage unter jungen Irakern alle, als es darum geht, wie mit den IS-Gefangenen zu verfahren sei.

Was von dem virtuos mit seinen verschiedenen Ebenen jonglierenden Abend bleibt, ist weniger eine neue Lesart der „Orestie“, als eine Vielzahl eindringlicher Bilder und viel durch einen distanzierten Ton gezähmtes Pathos. Der Moralist Milo Rau erweist sich mit „Orest in Mossul“ erneut als vielleicht unerbittlichster Experimentator, den das Theater momentan hat.

„Reverse Colonialism!“ stellt die richtigen Fragen

Eine technisch deutlich einfachere Versuchsanordnung zeigt das Stück „Reverse Colonialism!“ von Ahilan Ratnamohan, das im Rahmen der Lessingtagen in der Gaußstraße gastierte. Es beginnt wie eine deftige TV-Wahlshow. Das Publikum darf zwischen zwei Kandidaten abstimmen. Zwischendurch wärmt man sich bei gemeinsamen Tanzschritten fröhlich auf. Doch schon bald liegen die Dilemmata der Integrationsdebatte auf dem Tisch. Vom Regisseur selbst auf der Bühne moderiert, glänzt das „Star Boy Collective“, drei in farbenfrohe Sakkos gekleidete Performer aus Kamerun und Nigeria, die seit einigen Jahren in Belgien leben. Die deprimierenden Zeugnisse ihres Ankommens inklusive langes Warten auf Papiere und schlecht bezahlte Jobs aus der Dienstleistungshölle gehen rasch über in eine utopische Fragestellung: Wie könnte ein alle umfassender europäisch-afrikanischer Gesamtstaat aussehen?

Das Publikum entscheidet per Abstimmungsfächer. Im Einzelfall erweist sich das Prozedere als vertrackter, als es auf Anhieb scheint, denn Fragen über das Zentrum des künftigen Staates – lieber Calais oder doch Zentralafrika? – sind scheinbar noch leicht zu beantworten, aber wie hält man es mit der Religion, wenn es eine Bandbreite von traditionellem Voodoo und bis zu durch die Kirchensteuer unterstütztem Christentum gibt?

Die Performance ist zwar etwas roh geschnitzt, die Darsteller sind eigentlich Fußballspieler, und doch offenbart der Abend einige rhetorische Finessen und wirft die richtigen Fragen zu Migration und Integration auf.

„Reverse Colonialism!“ verdeutlicht, dass die Frage, wie eine Welt aussehen kann, in der alle profitieren, nicht ohne Weiteres zu beantworten ist. Und das gilt auch für die verfahrene Situation im Nahen und Mittleren Osten.

„Um alles in der Welt – Lessingtage 2020“ bis 9.2., Thalia Theater und Thalia Gaußstraße, Karten unter T. 32 81 44 44; www.thalia-theater.de