Hamburger Lessingtage

Parcours durch die grausamen Verbrechen der Kolonialzeit

Schauspieler aus Hamburg und Namibia erarbeiteten die Produktion "Hereroland" gemeinsam.

Schauspieler aus Hamburg und Namibia erarbeiteten die Produktion "Hereroland" gemeinsam.

Foto: Armin Smailovic

Aufklärung und Trauerarbeit: Interaktive Thalia-Produktion „Hereroland“ widmet sich eindringlich der deutsch-namibischen Geschichte.

Hamburg. Es ist ein ganz schönes Gewusel. Nicht jeder findet sich sofort zurecht im „Hereroland“ des Thalias an der Gaußstraße. Die eine Zuschauergruppe muss hinter die Wellblechbaracke, die nächste in den Kindergarten, wo ist denn das Zelt, ach da hinten, und wo findet man zum Waterberg? Wenn das Horn, ein traditionelles Instrument der namibischen Herero, ertönt, kehrt kurz Ruhe ein, Konzentration. Tutet es erneut, geht es weiter. Nächste Station auf dem individuellen Parcours.

Ins Scheinwerferlicht rückt ein Thema, das für viele zunächst weit weg scheint, zeitlich und geografisch. Und das doch so viel mehr mit dieser Stadt und der Gegenwart zu tun hat, als manch einer vielleicht ahnt oder wahr haben möchte. Es geht um die Massaker an den Herero und Nama, die als erster Völkermord des 20. Jahrhunderts eingestuft werden. Am Ende der Vorstellung – die mehr eine kollektive Erarbeitung, eine gemeinsame Aneignung von Wissen und Emotion ist – steht Verblüffung auf einigen Gesichtern, Beklemmung auf sehr vielen, Demut, Dankbarkeit, und ja: auch Scham.

"Hereroland" im Thalia – viele Beteiligte kommt aus Namibia

„Hereroland“ dürfte im Rahmen der Lessingtage zu den recherche-intensivsten Produktionen gehören, nach deren Premiere man leider direkt ein bedauerliches Manko feststellen muss: Die für alle Vorstellungen sofort ausverkaufte Inszenierung kann aus logistischen Gründen nach dem Festival nicht im Spielplan bleiben. Das ist nachvollziehbar, die Hälfte der Produktionsbeteiligten kommt schließlich aus Namibia. Aber es ist unendlich schade.

Der im Dokumentartheater erfahrene Regisseur Gernot Grünewald (der sich auf der Thalia-Bühne unter anderem schon mit minderjährigen Flüchtlingen, mit dem G20-Gipfel und mit den Langzeitfolgen der RAF auseinandersetzte) hat sich gemeinsam mit einer Gruppe von deutschen und afrikanischen Schauspielern, Tänzern und Sängern sowie dem Regisseur David Ndjavera, in Namibia einer der bekanntesten Vertreter seiner Zunft, der gemeinsamen Vergangenheit beider Länder gestellt.

Einer ausgesprochen düsteren Vergangenheit, die eine Seite der Mitwirkenden zu Nachfahren von Tätern und die andere zu Nachfahren von Opfern macht. Die Darsteller repräsentieren beide Gruppen nicht nur, sie bilden sie zwangsläufig. Hier gilt auf diversen Ebenen: Unbeteiligt bleibt keiner. Das gilt ebenso für das Publikum.

Gelebter Geschichtsunterricht schlägt den Bogen zur Gegenwart

In „Hereroland“ begegnet den Zuschauern dabei kein abgeschlossenes Kapitel, keine aus der Distanz gemütlich zu betrachtende Historie. Der Abend ist ein Stück gelebter Geschichtsunterricht, er schlägt bewusst den Bogen zur Gegenwart, ist Aufklärung und Annäherung und Trauerarbeit zugleich.

Und es ist eine kluge Idee, den Stoff aus zwei Perspektiven heraus zu entwickeln. Sich, anders als sonst am Theater naturgemäß üblich, nicht einfach die fremde Identität zu eigen zu machen, die Deutung nicht zu okkupieren, sondern zu teilen. Auch das ist Teil des Prozesses, koloniale Strukturen zu erkennen und durchbrechen zu wollen.

1904 wurde unter dem Befehl von Lothar von Trotha („Ich glaube, dass die Nation als solche vernichtet werden muss“) ein Aufstand der Herero und Nama im damaligen Deutsch-Südwestafrika blutig niedergeschlagen. Abertausende – auch Frauen, Kinder, unbewaffnete Männer – wurden erschossen, verdursteten elendig in der Omaheke-Wüste, in die man sie trieb, wurden in Konzentrationslagern interniert.

Die weiße Überheblichkeit aufblättern

Das Publikum wandert nun auch auf ihren Spuren durch den Raum, setzt hier Kopfhörer auf und dort VR-Brillen, nach und nach werden die grausamen Geschehnisse, das lange fehlende Unrechtsbewusstsein, die weiße Überheblichkeit aufgeblättert. Durch Spielszenen im Zentrum etwa, in denen eine Schauspieltruppe einen Gerichtsprozess einübt, allerdings zunächst munter über den Titel dafür streitet: „Herero-Holocaust? Von Waterberg nach Nürnberg?“

Durch Tagebuchaufzeichnungen („mit Strömen von Blut und Strömen von Geld“), durch Berichte (Schauspieler Jörg Pohl erzählt von vergessenen Herero-Grabfeldern bei Swakopmund), aber auch durch eine Rede des amtierenden Hamburger Kultursenators Carsten Brosda, die als Tonspur dem Thalia-Schauspieler Jonas Anders in den Mund gelegt wird.

Geschont wird niemand: „Frauen mussten das Fleisch von den gekochten Köpfen ihrer Männer abkratzen, um die Schädel nach Deutschland zu schicken“, heißt es an einer Stelle des Abends. Noch immer befinden sich solche Schädel in deutschen Sammlungen, und noch immer gibt es in Hamburg einen Woermannsweg und einen Woermannsstieg.

Der Hamburger Woermann ist Thema in „Hereroland“

Wer Adolph Woermann (1847-1911) war, wird natürlich ebenfalls beantwortet: ein Hamburger Kaufmann und Reeder, einst Handelskammer-Präses und einflussreiches Mitglied der Hamburgischen Bürgerschaft. Und einer der damals größten Profiteure. Schon 1889 rüstete er eine eigene Söldnerarmee aus, ist hier zu erfahren, die Dampfer der Woermann-Linie (die auch später alle Militärtransporte übernahm) starteten vom Hamburger Afrika-Terminal aus. Profit ging vor Menschlichkeit. In „Hereroland“ ist Woermann eine eigene Station gewidmet, die „Woermanntafel“, vor der den Zuschauern ins Gewissen getrommelt wird.

Mittlerweile verhandelt Deutschland mit dem namibischen Staat, von dem sich die Opferverbände allerdings nicht vertreten fühlen. Sie klagen in New York gegen die Bundesregierung, es geht einerseits um Symbolik und Signale, andererseits um Reparationszahlungen. Straßen-Umbenennungen in Hamburg werden geprüft und „begrüßt“, die Diskussion um unangebrachte „Kolonial-Romantik“ gibt es, der Kultursenator bat 2018 stellvertretend um Vergebung.

Dennoch: Wenn in „Hereroland“ in der Gaußstraße das letzte Mal das Horn tönt, geht ein intensiver, informationsreicher Theaterabend zu Ende. Die Aufarbeitung des Themas noch lange nicht.