Theater

Theater, das seine vollen Möglichkeiten ausschöpft

„Die Edda“, eine sagen- und mythen­reiche  Erzählung, mit aufwendiger Kostümierung und Technik in die Gegenwart transportiert.

„Die Edda“, eine sagen- und mythen­reiche Erzählung, mit aufwendiger Kostümierung und Technik in die Gegenwart transportiert.

Foto: Matthias Horn

Die Lessingtage am Thalia Theater eröffneten mit dem gelungenen isländischen Gastspiel „die Edda“.

Hamburg.  Es steht nicht gut um die Welt. Das hat sich mittlerweile herumgesprochen. Und so geht einem manches durch den Kopf, wenn man sieht, wie die Techniker die gigantische Weltesche Yggdrasil am Bühnenhimmel des Thalia Theaters aufhängen. Die polarisierende Inszenierung „Die Edda“ des isländischen Regisseurs Thorleifur Örn Arnarsson und seines Autors Mikael Torfason, die von ihrer Premiere am Staatstheater Hannover mittlerweile ans Wiener Burgtheater fand, ist als erstes Gastspiel des diesjährigen Festivals „Um alles in der Welt – Lessingtage 2020“ am Thalia Theater angekommen. Und es ist ein in seiner Opulenz wahrlich begeisternder Abend: spielfreudig, episodisch lässig, durchaus mutig und sehr musikalisch.

Von Göttern, die dem Untergang entgegentaumeln

Faszinierend, wie Arnarsson und Torfason Schneisen in die über 800 Jahre in unwirtlicher nordischer Kälte gesammelten Gedichte und Lieder aus Schöpfungsmythen und Göttersagen, aus der Lieder-Edda und der von Snorri Sturluson im 12. Jahrhundert verfassten Prosa-Edda schlagen. In Geschichten von Menschen, die sich zu Göttern träumen. Und von Göttern, die dem Untergang entgegentaumeln.

Die Sorge, sich alsbald in diesem Wust an Namen und Verweisen, in den Welten von Asen und Vanen zu verirren, bleibt unberechtigt. Denn nachdem die Seherin (Dorothee Hartinger) ein dramatisches Ende vorausgesagt, Göttervater Odin (Markus Hering) sein linkes Auge der Weisheit geopfert und die Fruchtbarkeitsgöttin Freyja (Andrea Wenzl) die Liebe besungen hat, steigt der Riese Bergelmir (Dietmar König im Fatsuit) aus seiner Rolle aus und wird zum Erklärbär, der noch einmal die Zusammenhänge publikumsnah aufrollt. Sogar ein „roter Faden“ wird leibhaftig auf die Bühne gezerrt.

Udo-Lindenberg-Darsteller Jan Bülow überzeugt

Die Bühne von Wolfgang Menardi wirkt dabei wie eine fröhlich zugemüllte, von flauschigem Schnee und gewaltigen Nebelschwaden bepuderte Probebühne. Darauf leiden, lieben, streiten und kämpfen die von Karen Briem fantastisch mit Brüsten, Langhaar, Schuppenkleidern und Masken ausstaffierten Darsteller. Der cholerische Gott Thor (Marie-Luise Stockinger) verlegt seinen Hammer. Und muss dafür die Ehe mit einem Riesen eingehen. Die Ambivalenz so manchen Gottes wird durch den irrlichternden Gestaltwandler Loki, furios geboten von Florian Teichtmeister, verkörpert. Als Egozentriker im Silberanzug huldigt er seiner Bestimmung als Zerstörer und Erneuerer zugleich.

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Die das Geschehen dominierenden Figuren auf der Bühne aber bleiben die Frauen. Mavie Hörbiger, Marie-Luise Stockinger und Andrea Wenzl verzaubern als die drei Schicksalsfrauen, Nornen genannt, aber auch als heitere Zwergenschar. Nach der Pause ist die Welt bereits in Aufruhr, die Vernichtung Ragnarök, die „Götterdämmerung“, kündigt sich an. Und auch auf der Bühne herrscht ein heilloses Chaos. Zuvor wird Odins Sohn Baldur (Udo-Lindenberg-Darsteller Jan Bülow) über die unermüdlich sich drehende Bühne wankend einen mitreißenden Untergangsmonolog halten. Und Pianist Gabriel Cazes stimmt das traurige „My Body Is A Cage“ von Arcade Fire an.

Die Techniker werden quasi zu Mitspielern

Der Abend ist aus einem freien Theatergeist geboren, aus munterer, auch unverfrorener Dekonstruktion. Voller Fabulierlust, aber auch Albernheit. Und mit einer gewollten bildhaften Überwältigung, die so manches Mal riskiert, ins Leere zu laufen. Und doch ist es endlich mal wieder Theater, das seine Möglichkeiten voll ausschöpft. Seine ästhetische Uneinheitlichkeit ist Schwäche und Stärke zugleich. Das gilt auch für den Text, den Torfason im zweiten Teil mit einer langen Erzählung vom Tod seines alkoholkranken Vaters, eines echten „Wikingers“, durchzieht.

Am Ende bleibt auch Odin nur die bittere Erkenntnis: Die eigene Gier habe die Natur dem Untergang geweiht. Und da ist diese „Edda“ auf einmal wieder ganz gegenwärtig. Die Techniker haben alle Hände voll zu tun bei diesem Gastspiel und werden quasi zu Mitspielern. Kurz vor dem Ende, als Loki noch letzte Tiraden vom Gerüst schwingt, wird auf einmal blitzschnell die Bühne leergeräumt. Übrig bleibt die große Weltesche. Ein Bild wie ein Mahnmal. Eindringlich. Die einzige Hoffnung, die auch die Sagenwelt bereithält: Neuanfang.