Theaterkritik

"Heilig Abend": Die Vermessung der Weltanschauungen

Eine Frau, ein Mann, eine Uhr: Barbara Auer und Johann von Bülow glänzen am St. Pauli Theater

Eine Frau, ein Mann, eine Uhr: Barbara Auer und Johann von Bülow glänzen am St. Pauli Theater

Foto: KERSTIN SCHOMBURG / Kerstin Schomburg

Barbara Auer und Johann von Bülow liefern sich in Daniel Kehlmanns Drama am St. Pauli Theater ein starkes Wortgefecht.

Hamburg.  Die Besetzung seines Dramas „Heilig Abend“ hat Bestsellerautor Daniel Kehlmann direkt im Untertitel geregelt: „Ein Stück für zwei Schauspieler und eine Uhr“, heißt es da. Und am St. Pauli Theater glaubt man im ersten Moment, Regisseur Ulrich Waller habe sich in seiner Inszenierung mit einer Uhr allein gar nicht zufrieden gegeben. Gleich zwei, jeweils mannhohe Ziffernblätter mussten es sein, sie bestimmen den klaren Raum von Bühnenbildner Raimund Bauer.

Moment. Und es gibt auch zwei Barbara Auers?

Eine optische Täuschung, natürlich. Der Bühnenraum ist nach hinten durch Glas, zur Seite allerdings durch eine Spiegelwand begrenzt. Die Uhr doppelt sich darin ebenso wie das gesamte Geschehen, wobei sie (auch das eine hübsche zusätzliche Umdrehung!) gerade im Spiegelbild die korrekte Zeit anzeigt und die eigentlichen Zeiger, nun ja, eben spiegelverkehrt vorrücken. (Oder zurück, wie man’s nimmt.) Nicht alles ist hier so eindeutig, wie es zunächst scheint. Das gilt auf vielen Ebenen.

Kiezbühne hat sich den Stoff selbst vorgenommen

Erst im Mai vergangenen Jahres gastierte „Heilig Abend“ im Rahmen des Hamburger Theaterfestivals am St. Pauli Theater, damals in einer überzeugenden Produktion des Münchner Residenztheaters mit Sophie von Kessel und Michele Cuciuffo. Nun hat sich die Kiezbühne den Stoff noch einmal selbst vorgenommen – und wie sich in 80 durchweg kurzweiligen Minuten herausstellt, war das eine fabelhafte Entscheidung.

Neben Barbara Auer hat Hausherr Waller Johann von Bülow besetzt. Er: ein überheblicher Cop im etwas zu gut sitzenden Dreiteiler. Sie: eine misstrauische Geisteswissenschaftlerin, der Bülow sein „Frau Professor“ verächtlich entgegenschleudert. Es ist Weihnachten, und Frau Professor wurde auf dem Weg zu ihren Eltern aus einem Taxi geholt, offenbar um sie verhören. Als Zeugin? Als Verdächtige? Verdächtig weshalb? Und was für ein Verhörzimmer ist das überhaupt? Ein Kommissariat (es gibt Filterkaffee aus der Thermoskanne und einen Bürostuhl)? Ein Ort des Verfassungsschutzes (alles so verlassen hier – oder liegt das am Feiertag)? Nur stückweise erfährt die Frau, und mit ihr das Publikum, warum (und ob überhaupt) sie hier festgehalten wird. Gegen ihren Willen? Einvernehmlich? „Ich tue Ihnen ja nichts“, sagt der Ermittler maliziös. „Noch nicht jedenfalls.“

Ein rasanter wie eleganter Schlagabtausch

Wie die beiden Figuren von Beginn an umeinander schleichen, lauernd, wie sie die Spannung aufbauen (und halten!), sich vermeintlich oder tatsächlich öffnen, ungeschminkte Wahrheiten präsentieren, falsche Fährten legen – füreinander, aber auch auch für den Zuschauer –, das gehört zu den großen Stärken von Kehlmanns ohnehin klug aufgebautem Dialogstück. Es ist ein so rasanter wie eleganter Schlagabtausch mit wechselndem Sympathieträger, ein raffiniertes Wortduell, von Waller souverän in Szene gesetzt, noch dazu fast in Echtzeit.

Und fast nebenbei wird da auch über die Herausforderungen der Gegenwart verhandelt. Über „Gut“ und „Böse“, über den „richtigen“ und den „falschen“ Weg. Gerungen wird hier nicht nur um das persönliche Los, sondern um Ideologien, Werte, Begrifflichkeiten, gesellschaftliche Grundsätze. Die Vermessung der Welt als Wettlauf gegen die Zeit.

Nach und nach stellt sich heraus, dass die Frau eines Terroranschlags verdächtigt wird. Gemeinsam mit ihrem Ex-Ehemann soll sie, deren Forschungsthema die „strukturelle Gewalt“ ist, eine Bombe platziert haben, die exakt um Mitternacht hochgehen soll. Und der Rechtsstaat will sie überführen. Mit allen Mitteln? „Wenn Sie wüssten, wieviel wir über jemanden herausfinden, wenn wir uns für ihn interessieren!“ Wo da die jeweiligen Grenzen liegen, erscheint zumindest flexibel. Wer hier die Situation kontrolliert, ebenfalls. Immer wieder bestimmen Andeutungen und Möglichkeiten die Konstellation, wie eine zweite Tonspur läuft unterschwellig die Bedrohung mit, auch die Sympathien des Publikums schwanken. Ist der Polizist übergriffig? Die Professorin arrogant? Und was, wenn beide im Recht sind?

Kehlmann lässt seine Charaktere philosophieren

Ja, die Welt ist komplex, und dieses Stück scheut die Zusammenhänge nicht. Kehlmann lässt seine Charaktere über die Entstehung von Armut und die Definition von Ausbeutung philosophieren, er bleibt dabei erfreulich konkret. Wo eigentlich Gewalt beginnt, ist eine seiner Kernfragen: Wenn jemand in den Dschihad zieht, wenn jährlich 25.000 Menschen bei Autounfällen ums Leben kommen oder wenn ein Polizist seine Hemdsärmel hochkrempelt und en passant über Foltermethoden plaudert?

Barbara Auer und Johann von Bülow fechten das Ganze brillant aus. Sie schenken sich nichts. Es ist über die gesamte Strecke ein großes Vergnügen, ihnen bei diesem Status-Ping-Pong unter Neonröhren zuzusehen, die Dynamik ist ungemein stimmig, das Timing präzise.

Barbara Auers Ausbruch: Origineller war eine Drohung selten

Die Leichtigkeit geht trotzdem nicht verloren. Zu den komischsten Momenten gehört, wenn Auers erster großer Ausbruch auf Bülows Vorwurf folgt, sie würde Grammatikfehler machen, und wenn bildungsbürgerlicher Dünkel ihr schließlich zur Rüstung wird: „Ich spreche in sehr langen Sätzen!“ Origineller war eine Drohung wohl selten.

Am Ende hat die Uhr den unbarmherzigsten Part. Das Duell endet, wenn der Zeiger ankommt. Es ist der einzige Moment, in dem Realität und Spiegelbild übereinstimmen. Heftiger Applaus und verdiente Bravos für einen konzentrierten, dichten und uneingeschränkt empfehlenswerten Theaterabend.

„Heilig Abend“ bis 31.1. und 9.-14.2. am St. Pauli Theater, Karten unter T. 30309898 oder in der Abendblatt-Geschäftsstelle, Gr. Burstah 18-32