Kabarettduo in St. Georg

Polittbüro – wenn Herrchen Frauchen auf Händen trägt

Noch immer gut in Form: Auf der Bühne aber gibt Gunter Schmidt (61) mit Partnerin Lisa Politt (63) eher selten den starken Mann.

Noch immer gut in Form: Auf der Bühne aber gibt Gunter Schmidt (61) mit Partnerin Lisa Politt (63) eher selten den starken Mann.

Foto: jojacobs.de / Jo Jacobs

Das Kabarettduo feiert im Polittbüro mit dem Weihnachts-Special „Abschied ist ein schweres Schaf“ 35. Jubiläum. Wie geht das?

Hamburg. Nicht mehr ständig touren müssen, das wollte das Kabarettduo Herrchens Frauchen, als es im September 2003 im früheren Neuen Cinema in St. Georg das Polittbüro eröffnete, benannt nach der weiblichen Hälfte Lisa Politt. Die Gewinnerin des Deutschen Kleinkunstpreises (1991 im Duo, 2005 solo) und des Deutschen Kabarettpreises 2003 und Partner Gunter Schmidt hatten es nicht immer leicht mit ihrem 220-Plätze-Theater, haben es aber als Hamburgs Bühne für unkonventionelle Kleinkunst und linksalternative Leseabende etabliert.

Der Sonderpreis beim diesjährigen Theaterpreis Hamburg – Rolf Mares kam indes auch für Politt und Schmidt überraschend. Vor dem 35. Jubiläum von Herrchens Frauchen, nach ihren Eppendorfer Kollegen Alma Hoppe (Nils Loenicker/Jan-Peter Petersen) das zweitälteste deutsche Kabarettduo, stellte sich das auch privat liierte Paar zwischen den Proben fürs neue Weihnachts-Special „Abschied ist ein schweres Schaf“ (Premiere: 13. Dezember) dem Abendblatt zum Interview.

1991 provozierten Sie viele Fernsehzuschauer bundesweit bei der Übertragung der „Schmidt Mitternachtsshow“ noch mit Ihrem Lied „Sperma ist ekelhaft“. 28 Jahre später bekamen Sie vom Verein Theater Hamburg bei einer Gala im Ohnsorg den Sonderpreis für außergewöhnliche Leistungen im Rahmen des Hamburger Theaterlebens. Geht Ihnen das nicht runter wie Öl?

Lisa Politt Wir hoffen, dass diese „letzte Ölung“ uns endlich gereinigt hat. Aber im Ernst: Wir haben den Preis ja aufgrund unserer Tätigkeit als Theaterbetreiber erhalten. Den Deutschen Kabarettpreis, den Deutschen Kleinkunstpreis und andere Auszeichnungen haben wir bekommen, als das Lied ein großer Hit war. Es war so erfolgreich, dass wir selbst die Produktion gestoppt haben. Der Plattenproduzent hat geweint.

Gunter Schmidt Sie wollte nicht, dass „Sperma“ auf ihrem Grabstein steht.

Herr Schmidt, bei der Preisverleihung im Ohnsorg-Theater kamen Sie gar nicht zu Wort, deshalb Frage an Sie: Welchen Stellenwert hat die Auszeichnung?

Schmidt verweist an Politt …

Politt Er freut sich sehr. Und er war überhaupt nicht darauf vorbereitet. Genau wie jetzt: Er sagt in der Öffentlichkeit nichts, was ich ihm nicht vorher aufgeschrieben hab (Schmidt lacht).

Herr Schmidt hat mir indes schon vor Jahren mal gesagt, das Polittbüro mache bei der Theaternacht nicht mehr mit, weil es sich für Sie als Bühne nicht lohne. Aus der Theaternacht finanziert der Verein Theater Hamburg jedoch die Preise. Ist das nicht unsolidarisch: Erst aussteigen, und jetzt einen Preis im Wert von 1000 Euro und noch zwei Montblanc-Füller einheimsen?

Schmidt Das stimmt: Nachdem wir an der Hamburger Theaternacht zweimal teilgenommen haben, hatten wir nicht den Eindruck, dass wir dadurch neue Zuschauerkreise erschließen.

Politt Die Auszeichnung haben wir dann wohl aufgrund unserer Tätigkeit als Betreiber unserer Bühne erhalten und nicht wegen einer Mitgliedschaft. Eine unabhängige Entscheidung also. Wirklich löblich.

Frau Politt, bei der Preisverleihung sagten Sie, der Preis komme zur rechten Zeit. Wie meinten Sie das?

Politt Im Oktober, zur Zeit der Preisverleihung, haben wir unsere neue Hausproduktion „Bruder Norman“ gezeigt: ein großartiges und forderndes Stück über die Zeit des Nationalsozialismus aus familiärer Sicht, dem Streit zweier Brüder, Nachkommen des Statthalters von Hitler in Polen. Wir mussten trotz guter Kritiken sehr um Zuschauer kämpfen.

Immerhin hat Ihnen die Kulturbehörde vor einigen Jahren geholfen, zwei feste Stellen einzurichten, für die Technik und das Büro. Diese 96.000 Euro aus dem Privattheatertopf bekommt das Polittbüro auch in dieser Spielzeit. Fühlen Sie sich als Bühne von Hamburgs Kultur inzwischen ausreichend wahrgenommen und wertgeschätzt?

Schmidt Die Neu-Evaluation der Kulturbehörde vor einigen Jahren hat glücklicherweise dazu geführt, dass wir vergleichbar zu anderen Spielstätten gefördert werden. Dadurch konnten wir eine Techniker- sowie eine Geschäftsführerstelle einrichten. Das entlastet uns sehr.

Politt Nach wie vor arbeiten wir selbst unentgeltlich und ziehen uns vom Erlös der eigenen Abende 30 Prozent für die Bühne ab, so wie bei den Gastspielen im Polittbüro auch – aber damit sind wir kein Einzelfall. Wir können das Polittbüro auf diese Weise erhalten – aber mehr Geld hätten wir ohne. Was soll man sagen: Geld ist nicht alles. Aber ganz ohne geht auch nicht.

Hat sich der Umgangston Ihnen als Künstler gegenüber aufgrund der sprachlichen Verrohung in der Gesellschaft eigentlich verändert -- Stichwort sogenannte Hass-Mails?

Politt Nein. Aber die gesellschaftliche Entwicklung nehmen wir natürlich wahr und thematisieren sie auf der Bühne.

Schmidt Ein, zwei Hausverbote haben wir schon ausgesprochen gegenüber Leuten, die sich grob ungebührlich unseren Mitarbeitern gegenüber verhalten haben. Der Ton „dem Personal gegenüber“ hat sich merkbar verschärft.

Wie können Sie als Kabarettisten dagegen angehen? Nur mit neuen Liedern und Programmen?

Politt Das Erstarken der Rechten ist seit Jahren Thema unserer Programme. Es ist Zeit, die 20 Prozent darauf zu verweisen, dass sie deutlich in der Minderheit sind ...

Schmidt… bevor sich das ändert, weil sich 80 Prozent in Schockstarre befinden.

Was regt Sie denn nach 35 Jahren Kabarett noch auf – und was schreckt ab?

Schmidt Dass sich leider zu wenige aufregen …

Politt … und darüber politisch tätig werden.

Ihr Programm zum 35. Jubiläum heißt „Abschied ist ein schweres Schaf“. Frau Politt, Sie sind bekannt als Freund der gepflegten Zote. Warum dieser Wort­dreher?

Politt Der Titel ist ein Versprecher, der einmal einer Hörerin im NDR passiert ist. Sie hatte sich das Lied „Abschied ist ein scharfes Schwert“ von Roger Whittaker wünschen wollen. Da haben wir uns gedacht: Wenn schon Abschied, dann so. Eine Zote als Programmtitel wäre uns allerdings zu unfreundlich gewesen.

Herr Schmidt, wie läuft die Arbeit für solch ein neues Programm ab, wie ist die Auf­gabenteilung?

Schmidt Außer zwei Titeln sind von den insgesamt 17 Liedern alle komplett neu: zwei Eigenkompositionen, drei Übersetzungen ins Deutsche von Lisa und zehn Neu-Interpretationen anderer Produzenten. Ich bin der musikalische Leiter, sozusagen.

Wie sehr hilft es, dass Sie sich mit Jo Jacobs und Wanja Hasselmann zwei Begleitmusiker ins Boot geholt haben? Fungieren die beiden auch als Blitzableiter?

Schmidt Nein – dazu sind sie musikalisch zu gut. Da wollen wir ihre Kräfte nicht verschwenden ...

Politt … ist aber ’ne gute Idee, eigentlich. Ich werde es gleich morgen mal ­testen.

Sie nennen Ihren Partner ironisch schon mal „mein Besitzer“. Wie feministisch sind Sie heute noch, 35 Jahre nach Gründung von Herrchens Frauchen?

Politt Insofern sich der Anspruch auf Gleichberechtigung gesamtgesellschaftlich versteht, so sehr wie nie.

Herr Schmidt, wie genüg- und duldsam sind Sie eigentlich? Oder müssen Sie sich öfter beim Gassigehen mit Ihrem gemeinsamen Hund beruhigen?

Schmidt Ihr putatives Mitleid trifft den Falschen. Die überzeugende schauspielerische Leistung von Frau Politt auf der Bühne sollte niemanden täuschen: Zu Hause dulde ich keine Widerrede.

(Politt lacht)

Und was spricht dafür, dass Kabarettfreunde auch noch den 40. Geburtstag von Herrchens Frauchen im Polittbüro erleben?

Politt Es könnte sein, dass wir bis dahin so dement sind, dass wir vergessen haben, aufzuhören.

Schmidt … wie war noch mal die Frage?

„Abschied ist ein schweres Schaf“ Premiere Fr 13.12., 20.00, bis 31.12. Polittbüro (U/S Hbf.), Steindamm 45, Karten zu 20,-/erm. 15,- unter T. 28 05 54 67; www.polittbuero.de