Polittbüro

Auf den Spuren eines mörderischen Nazi-Vaters

Dem Regisseur und den Schauspielern gelingt ein düsteres Kammerspiel, in dem das Grauen der Nazi-Herrschaft in Polen aufleuchtet.

Hamburg.  Wie geht man damit um, wenn der Vater ein Massenmörder ist, der wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit zum Tode verurteilt wurde? Niklas Frank, Sohn von Hans Frank, Hitlers Generalgouverneur in Polen und „Schlächter von Polen“ genannt, hat sich ein Leben lang an seiner erschütternden und traumatischen Lebensgeschichte abgearbeitet. Nach Büchern über seinen Vater und seine Mutter Brigitte, die den Beinamen „Königin von Polen“ trug, brachte er 2013 ein Buch mit dem Titel „Bruder Norman“ über seinen elf Jahre älteren Bruder heraus. Es ist eine Lehrstunde in deutscher Geschichte, denn Niklas, Jahrgang 1939, will von seinem Bruder wissen, wie der Vater war. „Vater war ein Nazi-Verbrecher, aber ich liebe ihn“, sagt Norman noch auf dem Totenbett.

Unter der Regie von Wolf-Dietrich Sprenger zeigt das Polittbüro diesen erschütternden Stoff als spannendes Zweipersonenstück. Der Abend wird zur Sezierstunde im doppelten Sinne: Norman, 2009 im Alter von 80 Jahren gestorben, hat seinen Körper einem pathologischen Institut versprochen und wird von Studenten auseinandergeschnitten. Niklas stellt sich diese Sektion vor und versucht parallel dazu, in die Seele seines Bruders einzudringen und herauszubekommen, warum dieser den Vater nicht so hassen und verfluchen konnte wie er selbst.

Unerbittliche Wortgefechte

Stephan Benson als Niklas und Christian Nickel als Norman liefern sich unerbittliche Wortgefechte, bei denen Norman in der schlechteren Position ist. Er ist ein Suffkopf, der in seinem Leben nichts vernünftig auf die Reihe bekommen hat und den schon der Vater als „Faulpelz“ titulierte. Nickel spielt ihn als überheblichen Schwadroneur, der Sätze sagt wie: „Was geht uns Auschwitz an?“ und der nach der Hinrichtung des Vaters greint: „Man hatte mir das Wichtigste genommen.“

Stephan Bensons Niklas ist ein Verzweifelter, der in der Befragung des Bruders nicht weiterkommt. Es scheint, als wolle er Normans Seele vor dem Teufel retten, doch es gelingt ihm nicht. Er provoziert den Bruder, konfrontiert ihn mit den Verbrechen des Vaters, zitiert aus Briefen und Dokumenten, nennt ihn einen Feigling, zerstört ein Foto von Hans Frank, das gerahmt an der Wand hängt. Doch Antworten auf seine Fragen bekommt er nicht. Im Gegenteil: Norman dreht den Spieß um und fragt ihn, ob er nicht der vom Vater Besessenere sei.

Düsteres Kammerspiel

Sprenger und den beiden erfahrenen Schauspielern gelingt ein düsteres Kammerspiel, in dem schlaglichtartig das Grauen der Nazi-Herrschaft in Polen aufleuchtet. Unter die Haut gehen auch die historischen Tondokumente, in denen Hans Franks Stimme zu hören ist. Sätze über die „Reinhaltung deutschen Blutes“ und die Forderung „Der Jude muss weg!“ jagen dem Zuhörer bis heute Schauer über den Rücken.

„Bruder Norman“ nächste Vorstellungen Sa/So 14./15.9., Di–So 17.–22.9., jeweils 20 Uhr, Polittbüro, Steindamm 45, Karten 15,- unter T. 28 05 54 67; www.polittbuero.de