Bühne

Klüger geht es nicht: Lisa Politt und ihre „Sollbruchstelle“

Lisa Politt betreibt seit 15 Jahren die Bühne Polittbüro in St. Georg

Lisa Politt betreibt seit 15 Jahren die Bühne Polittbüro in St. Georg

Foto: mago stock&people

Im Soloprogramm zum 15. Geburtstag des Polittbüros verschwimmen die Grenzen zwischen absurder Realität und Kabarett.

Hamburg.  „Hallo, schön euch zu sehen!“: Lisa Politt ist gut gelaunt, wie sie auf die Bühne stolpert. 15 Jahre betreibt die Altmeisterin des Meta-Kabaretts die Bühne Polittbüro in St. Georg, also: Geburtstagsprogramm. Nur: Die absurde Realität überholt längst alle Möglichkeiten des Kabaretts, was will man noch karikieren, wo rechte Wutbürger als ihre eigene Karikatur durch Dresden krakeelen?

Der viel zu warme Sommer schmilzt einem das Satirehirn weg, die Bühnentechnik spinnt. Außerdem ist Politt nicht ganz auf dem Damm, die Frau ist auch schon 61, viel Text merkt sie sich nicht mehr, und wenn es hart auf hart kommt, ist sie von den eigenen Witzen angefasst: „In Situationen wie dieser ist es irgendwann zu ernst für einen Witz.“ Das Programm „Sollbruchstelle“ kommt daher als Stückwerk, das sich immer wieder selbst ein Bein stellt.

Lästern über Heilpraktiker

Was so natürlich nicht stimmt. „Sollbruchstelle“ ist Kabarett jenseits des Kabaretts. Kabarett, das gar nicht weiß, ob ein kabarettistischer Zugriff auf die Welt überhaupt sinnvoll ist, und deswegen immer seine eigene Antithese mitdenkt. Das ist raffiniert, weil Politt so die Möglichkeit hat, wild zwischen den Erzählungen hin- und herzuswitchen: In „Sollbruchstelle“ kann fröhlich über Heilpraktiker wie Mütter gelästert werden, nur um eine Szene später in intime Kindheitserinnerungen einzutauchen, in die Geschichte, wie die eigene Mutter das Kind mit Naziliedern in den Schlaf gesungen habe. Von wo aus es zum Klimawandel geht und zu Sahra Wagenknechts mal linker, mal rechter „Aufstehen“-Bewegung, bis hin zu Politts persönlichem Hassobjekt, Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Klöckner: „Was sagt das böse Weib zur Dürrekatastrophe? Sie will ihre Bauern nicht im Regen stehen lassen.“ Das passt, weil das gesamte Programm neben sich steht, als Überlegung, was Kabarett überhaupt sein kann.

So leistet sich „Sollbruchstelle“ sogar den Luxus, den eigenen Titel weitgehend zu ignorieren. Als Regisseur Christian Bartz aus dem Off daran erinnert, das Thema „Ist der Rassismus die Sollbruchstelle der Sozialpartnerschaft?“ nicht vollkommen zu ignorieren, zuckt Politt nur die Schultern. Ist doch egal, wir sind meta. „Die beste Tragödie ist die misslungene Tragödie“, sagt die Kabarettistin, dann biegt sie zum Finale in eine wirklich beunruhigende Öko-Apokalypse ein. Klügeres Kabarett als dieses findet man bis auf Weiteres jedenfalls nicht, auch wenn das Ganze in keiner Weise mehr zum Lachen ist.

„Sollbruchstelle“, wieder am 18., 19., 22., 23., 26. bis 30. 9., 20 Uhr, Polittbüro,
Steindamm 45, Karten unter T. 28 05 54 67