Konzertkritik

Elbphilharmonie: Wenn Musik an Aale und Insekten erinnert

Das Ensemble Resonanz spielte inder Elbphilharmonie Werke von Iannis Xenakis.

Das Ensemble Resonanz spielte inder Elbphilharmonie Werke von Iannis Xenakis.

Foto: Tobias Schult

Das Ensemble Resonanz unter Leitung von Johannes Kalitzke sorgte für ein denkwürdiges Finale der Xenakis-Tage.

Hamburg.  Der Kontrast ist schon frappierend, um nicht zu sagen: witzig. Iannis Xenakis hat ja viele seiner Partituren mathematisch durchkalkuliert und Klanggebilde ertüftelt wie ein Daniel Düsentrieb der Neuen Musik. Aber das merkt man ihnen selten an, im Gegenteil. Seine Stücke bergen oft eine beinahe körperliche Sinnlichkeit. Gerade die von ihm so gern eingesetzten Varianten des Glissando – das (An-)Gleiten der Tonhöhe ­– wecken konkrete Assoziationen. Die lagen auch im Kleinen Saal der Elbphilharmonie in der Luft: beim Konzert des Ensemble Resonanz unter Leitung von Johannes Kalitzke, einem gut einstündigen Xenakis-Konzentrat mit fünf Werken des 2001 gestorbenen, griechisch-französischen Avantgardefricklers.

Im 1971 entstandenen Aroura klingt die Summe der Rutschbewegungen bisweilen wie der Stich in einen aufgeschreckten Insektenschwarm, der wild durcheinander wuselt. Das gedehnte Abschmieren der Töne erinnert dagegen an ein menschliches Stöhnen, gerade in den tiefen Streichern. Und mit den Tremoli im Stück Syrmos von 1959, am Ende des Programms, scheint Xenakis ein Knäuel von Zitteraalen in Töne zu fassen.

Saiten knarzen, Reibungen wummern, Flageoletts fiepen

Solche bildhaften Momente eröffnen dem Hörer die Möglichkeit, emotional bei der scheinbar abstrakten Musik anzudocken – und vielleicht etwas leichter in die dichten Texturen der Werke einzutauchen, mit ihrer faszinierenden Fülle an Tonereignissen und Geräuschen, die der Komponist engräumig konstruiert und miteinander verwoben hat. Saiten knarzen, Reibungen wummern, Flageoletts fiepen; plastisch abgebildet vom Klangregisseur Sebastian Schottke, der auf Wunsch des Ensembles im ganzen Konzert mitmischt, obwohl ursprünglich nur eins der Stücke mit technischer Hilfe rechnet: Analogique A+B für neun Streicher und Tonband, ein Wechselspiel von Klangsplittern der Instrumente und weicheren Soundschlieren aus den Boxen.

Johannes Kalitzke, ein alter Neue-Musik-Fuchs, dirigiert die extrem komplexen Werke von Xenakis mit klaren, unaufgeregten Gesten. Mehr brauchen die Mitglieder des Ensemble Resonanz auch gar nicht, die gewohnte Stuhlkantenspannung bringen sie ja schon selbst mit, ob im Tutti oder allein.

Bratscher begeistert mit großartigen Embellie für Viola solo

Zwei Resonanzler übernehmen besonders anspruchsvolle solistische Aufgaben und müssen Xenakis’ Instrumentenakrobatik sozusagen nackt absolvieren. Benedict Ziervogel beugt sich im Stück Theraps für Kontrabass weit über sein Instrument, um auch in irrwitzig hoher Daumenlage, ganz nahe am Steg, die Farben zu erforschen. Und der Bratscher Justin Cauley begeistert mit dem großartigen Embellie für Viola solo, in dem der Komponist sich vergleichsweise eingängige Melodien und griffige Rhythmen gestattet. Für seine Verhältnisse fast schon ohrwurmlike. Eine echte Überraschung – und ein Höhepunkt beim starken Finale des Xenakis-Festivals in der Elbphilharmonie.