Konzertkritik

Elbphilharmonie: Spektakulär dirigiert im Großen Saal

Dirigent Roger Norrington (Archivbild).

Dirigent Roger Norrington (Archivbild).

Foto: picture alliance

Roger Norrington lenkt das Geschehen auf eine einzigartige Weise und seine Anwesenheit reicht eigentlich allein schon aus.

Hamburg.  Was hat sich Roger Norrington dabei nur gedacht? Wo der große alte Mann der Originalklangszene hinkommt, liegen ihm Musiker und Publikum gleichermaßen zu Füßen. Er braucht nichts dafür zu tun. Dieser Dirigent kommt ohne Dirigat aus. Norrington lenkt das Geschehen mit warmen, wissenden Lächeln, ach, eigentlich reicht seine Anwesenheit allein schon aus. Vielleicht öffnet er gelegentlich die Hände, ganz sicher aber fließt durch seine wenigen Gesten die gesamte Musik.

Das Konzert mit der Deutschen Kammerphilharmonie Bremen in der Elbphilharmonie nun leitete er sitzend von einem Drehstuhl aus, und wäre er nicht Sir und Commander of the British Empire und überhaupt Grandseigneur, man müsste es „liegend“ statt „sitzend“ nennen oder auch „hingefläzt“. Was einem derart inspirierten 85-Jährigen allemal zusteht.

Programm versprach Konzentration und Tiefgang

Unnachahmlich, wie er sich mit einem Schwung umdrehen und mit locker geöffneten Armen das gesamte Auditorium einbeziehen konnte, als wäre er sein eigener Conférencier. Es wurde viel gelacht an dem Abend. Und klar, das Publikum in der Elbphilharmonie tat, was es ohnehin am liebsten tut. Es klatschte, wo immer sich eine Lücke auftat – auch da, wo Norrington nach einem nachdenklichen Satzschluss ausnahmsweise keine Pirouette beschrieb. Okay, 1790 in London haben die Leute auch nach jedem Satz applaudiert. Aber ein winziges bisschen schade war es doch, dass sich vor lauter amüsanter Häppchen einfach kein Zusammenhang einstellen wollte.

Dabei hatte das Programm Konzentration und Tiefgang versprochen. Nur Musik von Joseph Haydns aus der Zeit seiner Reise nach England gab es, nämlich drei Londoner Sinfonien im Wechsel mit englischen Liedern und dazu den „March for the Prince of Wales“. Das Orchester zeigte sich wieder einmal phänomenal beweglich, virtuos und von jener Expressivität, die nur entsteht, wenn jeder einzelne Spieler sich mit vollem Risiko der Musik ausliefert. Die Bläser standen, Holz links, Blech rechts, hinter den Streichern und spielten tonschön und federnd, die Streicher wagten eine Palette an ungewöhnlichen Farben, gerade in der Mischung mit dem Hammerklavier.

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Dessen Klang verschmolz bei den Liedern unter Rebecca Maurers flinken, beseelten Fingern mit dem gerade geführten Sopran von Julia Doyle klanglich zu einem zarten, facettenreichen Mikrokosmos. Und nach jedem Lied rührten sich treulich die Hände. So blieb der Eindruck, die denkbar erlesensten Petits Fours gekostet zu haben. Wie hätte erst der Hauptgang geschmeckt, auf diesem Niveau?