Literatur

Mutige Frauen, die nach Freiheit streben

Eine Szene aus der TV-Serie „The Handmaid’s Tale/Der Report der Magd“, für die Margaret Atwood die Vorlage lieferte.

Eine Szene aus der TV-Serie „The Handmaid’s Tale/Der Report der Magd“, für die Margaret Atwood die Vorlage lieferte.

Foto: MGM & Relentless Prod

Mit „Die Zeuginnen“ hat Margaret Atwood die Fortsetzung zu ihrem Bestseller „Der Report der Magd“ geschrieben.

Hamburg.  Im Fernsehen spricht man von Cliffhangern. Aber Margaret Atwood hatte derlei nicht unbedingt im Sinn, als sie ihren großen Roman „Der Report der Magd“ mit dem in Leserkreisen berühmten „offenen Ende“ beschloss. Desfred, die geknechtete Gebärmaschine, entkam, zumindest dem Anschein nach, dem frauenverachtenden Gottesstaat Gilead. In einer Art Anhang zu ihrem Report wird von dessen anschließendem Ende berichtet. Wohin floh Desfred? Wie erging es ihr? Warum ging Gilead irgendwann später unter?

Das waren so die Fragen, mit denen sich die nicht wenigen Fans des Welterfolgs in den vergangenen Jahrzehnten herumschlugen. Man konnte nur auf ein Happy End für Desfred hoffen und war jedenfalls froh, dass der dystopische Albtraumstaat nicht lange weiterleben sollte: ein Amerika in den Händen religiöser Fanatiker, der Söhne Jakobs, das sich nicht mehr Vereinigte Staaten von Amerika, sondern Republik Gilead nennt, aber eine lupenreine Diktatur ist und dabei aber halt, so ein Pech, deftige Nachwuchsprobleme hat. Sehr viele Menschen sind nach einer Umweltkatastrophe biologisch nicht mehr in der Lage, Kinder zu zeugen. Gilead ist steril. Die Reproduktion ist an fruchtbare Sklavinnen, „Mägde“, ausgelagert.

Neuerliche Ruhmphase

Das ist das Setting auch in „Die Zeuginnen“, dem neuen Buch der inzwischen beinah 80-jährigen Margaret Atwood. Sie hat für die nun vorliegende Fortsetzung kürzlich erst den Booker Prize erhalten (sie teilt ihn sich mit ­Bernardine Evaristo), die höchste briti­­sche Literaturauszeichnung. Bereits zum zweiten Mal, übrigens, nach 2000.

2017 erhielt Margaret Atwood den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels. Was in die späte, neuerliche Ruhmphase der großen Erzählerin Margaret Atwood passt: Seit 2017 gibt es die Fernsehserie zum Roman. „The Handmaid’s Tale/Der Report der Magd“ gilt als eine der besten Serien der TV-Gegenwart. Frauen mit roten Kutten und merkwürdigen trichterförmigen Kopfbedeckungen gehören seit 2017, als die Serie startete, jedenfalls zum Inventar der popkulturellen Gegenwart.

Spannende Komposition

Knapp anderthalb Jahrzehnte nach dem Ende von „Der Report der Magd“ setzt die Handlung des zweiten Teils der dunklen Gilead-Saga ein. Diesmal ist es nicht eine Stimme, die erzählt, es sind drei. Tante Lydia gehört zur Gründungsgeneration Gileads, allerdings nicht freiwillig. Vor der jakobinischen Machtübernahme war sie Richterin. Als „Tante“ gehört sie zu den einzigen weiblichen Autoritäten des Gottesstaates. Die „Tanten“ sind für die Ausbildung und Organisation der Mägde zuständig.

Sie sind die einzigen Frauen in Gilead, die lesen und schreiben können. Dann wäre da das Mädchen Agnes; sie wächst bei einem Kommandanten auf, einem der Mächtigen. Sie soll selbst einen Kommandanten heiraten, zieht es aber vor, zu den „Tanten“ zu gehen, um selbst eine zu werden. Schon vorher erfuhr sie, dass sie die Tochter einer Magd ist. Die dritte im späteren Bunde ist das kanadische Mädchen Daisy, dessen Eltern ermordet werden. Dann erfährt sie, dass sie als Baby aus Gilead nach Kanada kam.

Atwood lässt die drei Figuren von ihren Schicksalen berichten; ihre Komposition der drei Perspektiven ist dabei konsequent auf Spannung aus. Bald offenbart sich, dass sich die Erzählungen auf verschiedenen Zeitebenen bewegen. Und dennoch treffen sich die Lebenswege der Frauen irgendwann. Zwei von ihnen sind enger miteinander verbunden, als sie (und wir Leser) zunächst glauben, und sie sollen Gilead zu Fall bringen.

Finstere Gewaltherrschaft

In diesem im Vergleich deutlich schnelleren Roman hat sich Atwood anscheinend von der Erzählstruktur der TV-Serie inspirieren lassen. Die finstere Gewaltherrschaft der Männer teilt sich der Leserin und dem Leser unverändert drastisch mit. Auch wenn hie und da einmal Humor aufscheint, ist dieser Stoff, in dem Frauen („Sie hatten ein kleineres Gehirn und waren unfähig zu großen Gedanken“) ermordet werden, als wäre es das normalste der Welt, in eine gigantische Düsternis getränkt.

Was ist das, und zwar mehr noch als „Der Report der Magd“? Ein packender Thriller. Und zwar ein feministischer, denn es geht darum, das Joch der Männerherrschaft abzuschütteln. In der zynischen und korrupten, der verdorbenen und männlich kontaminierten Gilead-Welt braucht es mutige Frauen, die nach Freiheit streben. Zugegeben, gerade die lange als Opportunistin agierende Lydia, die freilich ihre Vernichtungsstrategie langfristig plant, erscheint in ihren Antrieben nicht immer klar. Ihre Umpolung zur „Tante“ zu Beginn des totalitären Regimes der Söhne Jakobs war eine traumatische Erfahrung. Warum der gierige Genuss der Macht, dem sie erliegt, dann in den Kampf für das Gute umschlägt, bleibt dennoch etwas unterbelichtet.

Aber um eine psychologisch abgedichtete Erzählarchitektur – die Gilead-Männer sind Pappkameraden und eindimensionale Superschurken – geht es hier gar nicht. Und um sprachliche Finesse übrigens auch nicht, weniger zumindest als im „Report der Magd“. „Die Zeuginnen“ ist vor allem ein Ereignis: Veröffentlicht wurde der Roman in vielen Ländern gleichzeitig, die Londoner Buchpremiere wurde in weltweit 1000 Kinos übertragen. Das nennt man dann wohl Aplomb.