Literatur

Die 30 besten Hamburg-Romane – schon gelesen?

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Foto: Montage: HA

LiteraturredakteurThomas Andre hat einen Kanon der bedeutendsten Literatur seit 1945 mit Bezug zur Hansestadt zusammengestellt.

Hamburg. Man muss auch die Literaturfeste feiern, wie sie fallen. Wenn sich im Jahr 2018 die Dabeigewesenen und die Nachgeborenen an das gesellschaftlich prominente Jahr 1968 erinnern und erinnern lassen, dann darf ihr Blick gern auch über „Deutschstunde“ streifen, jenen großen Roman von Siegfried Lenz, der im Epochenjahr pünktlich zur Buchmesse erschien und danach sehr lange auf der Bestsellerliste stand.

Zu einer Zeit wohlgemerkt, als es noch schwer war, überhaupt auf die Bestsellerliste zu kommen, verkauften sich von der „Deutschstunde“ innerhalb kurzer Zeit eine Viertelmillion Exemplare. 1968 wurde, es war höchste Zeit, durchaus auch mal lauter mit der deutschen Vergangenheit abgerechnet.

Aber es gab auch eine leise Tonspur in der Vergangenheitsbewältigung, und das war die Geschichte des Siggi Jepsen, der der Sohn eines so eminent pflichtbewussten Polizisten ist und gleichzeitig der Freund eines anarchischen Malers. Als Parabel funktioniert dieser ganze Plot um Pflicht, Schuld und Sühne immer noch, aber damals, vor einem halben Jahrhundert, war er auch ein literarischer Kommentar zur Studentenrevolte.

Siegfried Lenz – Hamburgs wichtigster Dichter

Längst gilt „Deutschstunde“ als einer der bedeutendsten Romane der deutschsprachigen Literatur. Geschrieben wurde er vom wichtigsten Hamburger Dichter der Nachkriegszeit: von Siegfried Lenz, der 1926 in Ostpreußen geboren wurde und 2014 in Hamburg starb – der Stadt, in der er fast seine gesamtes Erwachsenenleben verbracht hatte.

Und sein berühmtestes Buch ist dann am Ende eben auch eine Hamburgensie, ein Roman mit Schauplatz Norddeutschland: Siggi sitzt in der Justizvollzugsanstalt Hahnöfersand ein, einer Einrichtung für schwer erziehbare Jugendliche. Die Welt, die er nach der von ihm unlösbaren Aufsatzaufgabe („Die Freuden der Pflicht“) in einem viel grundsätzlicheren, ausufernden Text beschreibt, liegt geografisch in Schleswig-Holstein. Ganz oben, dort, wo das Land auf das Meer trifft.

Inhaltlicher Lokalbezug, biografische Verwurzelung oder eine sich zwischen den Zeilen verströmende Hamburg-Assoziierung: Das sind die Maßstäbe, nach denen das Hamburger Abendblatt nun einen Hamburg-Kanon der deutschsprachigen Literatur nach 1945 zusammengestellt hat. Aus Anlass des 50. Geburtstags der „Deutschstunde“, aber auch einfach aus Lust an der literarhistorischen Ordnung der Dinge. Was muss man gelesen haben, wenn man sich besonders für Hamburger Erzählstoffe oder in Hamburg geborene oder in Hamburg lebende Schriftstellerinnen und Schriftsteller interessiert?

Hier sind die wichtigsten Romane mit Hamburg-Bezug aufgelistet. Keiner von ihnen ist so gewaltig in seiner Wirkung gewesen wie die „Deutschstunde“, aber manche von ihnen waren Bestseller von ähnlichem Kaliber: Katherina Hagenas „Der Geschmack von Apfelkernen“ oder Dörte Hansens „Altes Land“ zum Beispiel, zwei wunderbare Familienromane mit Charme und Ambition.

Die nicht direkt in Hamburg angesiedelt sind; für die Abteilung „Lokalkolorit und literarische Vermessung der Stadt“ stehen dafür Romane wie Michael Kleebergs „Vaterjahre“, Ulla Hahns „Wir werden erwartet“ und Heinz Strunks „Der goldene Handschuh“ – und das, indem sie jeweils verschiedene Epochen porträtieren. Lenz’ Erben sind, wie Brigitte Kronauer oder Uwe Timm, hochdekorierte und bei Kritik und Publikum beliebte Meistererzähler. Sie sind, wie die deutschen Autoren Saša Stanišić und Nino Haratischwili, gleich doppelt Zugezogene: Sie wanderten als gebürtiger Bosnier und gebürtige Georgierin in die deutsche Sprache ein, und sie kamen nach Hamburg, um dort über ihre Herkunftswelt zu schreiben oder gerade eben nicht.

Formale Wagnisse und gefällig erzählte Geschichten

Aber es geht nicht nur um die Nachfolger des Siegfried Lenz, es geht auch um seine Altersgenossen, um die, die vorher da waren. Um die tief in der deutschen Literaturgeschichte verankerten Autoren wie Hans Erich Nossack, Hans Henny Jahnn und Arno Schmidt, deren mindestens in einem Fall heute eher selten gelesene und vielleicht genau deswegen legendäre Werke inhaltlich mit Hamburg zunächst einmal nichts zu tun haben, aber die Gnade der hamburgischen Geburt berechtigt nun einmal unbedingt zum Eingang in den Kanon. Und zwar auch im Falle des grandiosen Erzählers Wolfgang Herrndorf, der am Ende seines viel zu kurzen Lebens wohl tatsächlich am ehesten ein Berliner war, aber in seinem Klassiker „Tschick“ manche Erinnerungsablagerungen aus seiner Norderstedter Jugendzeit verewigte. Und Norderstedt ist bekanntlich fast schon Hamburg, die Stadt also, in der Wolfgang Herrndorf einst das Licht der Welt erblickte. Ein Kanon verrät immer auch etwas über den, der kanonisiert; über das, was er gelesen hat (und das, was er manchmal eben auch nicht gelesen hat). Unter den 30 gelisteten Titeln finden sich viele, die erst nach der Jahrtausendwende erschienen sind. Das mag ein zeitliches Übergewicht sein, aber jenseits davon soll der Kanon vor allem die thematische und stilistische Vielfalt von Romanen abdecken. Den formalen Wagnissen (Schmidt, Geissler, Biller) stehen gefällig erzählte Geschichten (Schwitter, Fuchs) gegenüber.

So oder so: Wer Hamburg in der Literatur gespiegelt sehen möchte, kann sich in einer üppigen Bibliothek bedienen, auch über den Abendblatt-Kanon hinaus. Möge er Inspiration für angeregte Lektürestunden sein, angefangen bei Lenz, der Portalfigur des Hamburger Literaturgebäudes, dessen Inneres sich in so viele Räume verzweigt – und bei diesem Lenz längst nicht endend.

„Die Palette“, 1968

Einer der großen Hamburg-Romane. Einer, der die Stadt von der gegenbürgerlichen Seite aus denkt. Hubert Fichte (1935–1986), der in Lokstedt aufgewachsene Sprachfanatiker, der genau beobachtete, genau zuhörte und noch genauer schrieb, ging drei Jahre lang, wie er später erzählte, täglich in die Palette am Gänsemarkt. Jenes Lokal, in dem sich die nächtliche Szene traf. Bohemiens, Zeittotschläger, Süchtlinge, auch Arbeiter aus dem Hafen. Fichte lauscht ihnen allen ihre Geschichten ab und schreibt sie auf. Er ist der Protokollführer, der auf diese Weise den Menschen, der Stadt, der Sprache der 60er-Jahre ein Denkmal setzt. Der Kellerladen Die Palette ist nie dunkel in diesen Dialogpassagen, im Gegenteil: Er ist wie ein in Text übersetztes Kaleidoskop der Alternativgesellschaft der Nacht. In der gelten andere Gesetze, die Menschen häufen nicht an, sie verschwenden sich. Ein Hedonismus-Roman.

„Narrengarten“, 2013

Eine literarische Kartografie Hamburgs ist Sabine Peters’ ungeheuer warmherziger Roman „Narrengarten“. Das Episodenstück ist eine Zusammenschau der modernen Großstadtmenschen mit ihren großen und kleinen Problemen, ihren Spleens, Träumen und Empfindlichkeiten. „Es ist zu viel Herz im Hals“, heißt es einmal über eine der Romanfiguren, die die Vergangenheit jagt und ihr die Kehle zuschnürt. Der Roman berichtet vielstimmig von der Alltäglichkeit der Gattung Mensch, ob sie nun in Horn lebt oder auf der Uhlenhorst. Die Soziologie der normalen Leute, eingefangen in Szenen voller Sehnsucht und Melancholie: Darin entwickelt die 1961 geborene Hamburger Schriftstellerin in „Narrengarten“ einige Meisterschaft. Dies ist eine Sammlung von Porträtminiaturen, ein Querschnitt der Generationen. Und eine schöne Hamburg-Erzählung, in der die Stadt selbst ein Protagonist ist.

„Die Auswanderer“, 2003

Gerd Fuchs (1932–2016) hat im Verlauf seiner langen Schreibkarriere neben kleinerer Prosa lediglich sechs Romane veröffentlicht: Er ließ sich Zeit. Im Jahr 2003 resultierte diese literarische Verknappung in Fuchs’ schönstem Buch: „Die Auswanderer“. Wenn man so will: ein Komplementärstück zu Sebalds „Die Ausgewanderten“. Vor Amerika hieß das Ziel für auswanderungswillige Europäer oft Hamburg, und in diesem wunderbar erzählten Roman treten sie alle auf: die aus dem Osten stammenden Juden, die perspektivlosen Pfälzer und auch die Hamburger. In ihre aller Schicksale lässt Fuchs die Leser eintauchen, und er schlägt dabei einen Bogen vom Antisemitismus über das Wüten der Pest in Hamburg bis hin zum von Albert Ballin initiierten Auswanderungsmanagement der großen Hafenstadt. „Die Auswanderer“ ist ein überaus gelungener historischer Roman, ein fesselndes Geschichtsbuch.

„Spätestens im November“, 1955

Tragisch zu lieben, das war in den 50er-Jahren des 20. Jahrhunderts eine leichtere Übung als heute. Oder anders: In der Liebe glücklich oder unglücklich zu werden war vor 70 Jahren eine dramatische Angelegenheit. Hans Erich Nossack (1901–1977) erzählt in seinem Roman „Spätestens im November“ eine Geschichte von Freiheit und Zwang, von Ehe und Ehebruch – die von der Liebe zwischen einer jungen Industriellengattin und einem Schriftsteller. Sie verlässt ihren Ehemann, nachdem sie ihn, den Dichter, zwei Stunden vorher kennengelernt hat. Das ist der Stoff, aus dem Tragödien gemacht sind. Der Hamburger Nossack, Bundesverdienstkreuz- und Büchnerpreisträger, porträtiert in seinem wohl populärsten Buch die Bundesrepublik der Nachkriegszeit und das Spannungsfeld zwischen Wirtschaftswelt und künstlerischer Sphäre; aber die Liebeshandlung selbst ist fast zeitlos, wie die von „Madame Bovary“.

„Hamburger Hochbahn“, 2007

Der 1959 in Neumünster geborene Ulf Erdmann Ziegler schenkte der Hamburg-Literatur ein Werk, das gleichzeitig Architektur-, Kunst- und Zeitroman ist. „Hamburger Hochbahn“, der Kritikerhit aus dem Jahr 2007, spielt in Lüneburg, New York und Hamburg. Der Debütroman des später für den Deutschen Buchpreis nominierten Autors ist eine zwischen den besonders im Nachhinein fantastisch freien 80ern, dem Nachwende-Hamburg und der globalisierten Jetzt-Welt changierende Erzählung, die wortreich von der kreativen Mittelschicht berichtet. „Hamburger Hochbahn“ ist aber vor allem auch ein Roman über die Ästhetik und über ästhetische Interessen. Diese betreffen auch die Literatur: Der Autor Ziegler, der so formbewusst schreibt, pflegt einen Stil, der gleichzeitig elegant und spröde ist, wobei dies kein Gegensatz sein muss. Der Wein „balsamierte die Speiseröhre“, heißt es einmal. Hübsch.

„Wir Maschine“, 2001

Bevor wir uns alle wegen „Mad Men“ in die Werbung verliebten, hassten wir sie recht anständig. Was soll schon an der Oberfläche, wenn sie nicht nur eine Ebene von vielen ist, so toll sein? Joachim Bessing, Jahrgang 1971, führt in seinem in der Werberstadt Hamburg spielenden Roman vor – natürlich mithilfe aller landläufig kursierender Klischees –, wie kaputt die Reklametypen sind. „Wir Maschine“ ist eine Groteske und ein Abgesang – und in seiner voll­endeten Gemeinheit sehr, sehr lustig. Der junge Gumbo ist der zu Anfang noch ganz Unschuldige, der hier in die knallharte Werbewelt geschickt wird, wo die Alten, die innerlich Ausgehöhlten, nur noch saufen und die Mächtigen menschlich das Allerletzte sind. Es herrschen Zynismus und Opportunismus, jeder ist abgefeimt und sich selbst der Nächste, jeder hat einen Dealer in der Schanze. Ohne Drogen ist das alles gar nicht auszuhalten. Hässliches Hamburg.

„Der Geschmack von Apfelkernen“, 2008

Superseller aus dem Jahr 2008: eine literarische Herrlichkeit, fabriziert in Norddeutschland. Die Wahlhamburgerin, 1967 in Karlsruhe geboren, führt in „Der Geschmack von Apfelkernen“ drei Generationen zusammen. Und das – einzusortieren unbedingt unter „Landlust“ – in der norddeutschen Provinz, wo Iris das Haus ihrer Großmutter erbt. In diesem Haus steckt viel Geschichte, viel Vergangenheit. Eine tote Cousine zum Beispiel, genauer: eine tote Cousine und deren fatale Freundschaft mit einem Mädchen. Und ein Großvater, der im Dorf nicht nur Freunde hatte. Iris, die an den Ort der Kindheitserinnerungen zurückgekehrte Bibliothekarin, nimmt diesen wieder neu in sich auf, erlebt eine hakelige Liebesgeschichte, lässt das Früher zu sich sprechen, ohne die Gegenwart zu vergessen. Überhaupt, vergessen und erinnern: das Hauptthema der begnadeten Erzählerin Hagena.

„Regenroman“, 1999

War es nicht besonders treffend, als gebürtige Hamburgerin ein Debüt vorzulegen, in dem es praktisch nur regnet, und dieses dann konsequent mit „Regenroman“ zu betiteln? Karen Duve, Jahrgang 1961, ehemals Taxifahrerin, heute arrivierte Autorin, schenkte den Lesern einen fulminanten Erzählstoff, der von einer Landflucht der speziellen Sorte handelt: Leon, der untauglichste Schriftsteller aller Zeiten, versaut es sich leider mit einem Zuhälter von der Reeperbahn. Dessen Auftrag, eine schmissige Biografie über ihn zu verfassen, verläuft nicht ganz zur Zufriedenheit der Rotlichtgröße. Daraufhin pflegt Leon, der ins mecklenburgische Moor verzogene Loser, unter dem ewig grauen Himmel mehr als nur seine Männlichkeitsneurosen. Er muss sich der Frauen erwehren, vor allem der Natur. „Regenroman“ ist ein irrsinnig komischer Roman mit bestechender Metaphorik – und reich an Anspielungen.

„Die Bertinis“, 1982

Vier Jahrzehnte arbeitete der große Ralph Giordano (1923–2014) an seiner Familiensaga „Die Bertinis“, und als diese 1982 dann erschien, brauchte man die Frage nach dem Roman, der all das Unrecht und die Qual bebildern sollte, die mit dem Nazi-Ungeist über den jüdischen Teil der deutschen Gesellschaft kamen, nicht mehr zu stellen. Giordano, dessen eigene Familie Vorbild war für das Schicksal der in Hamburg beheimateten Bertinis, gelang mit seinem Zeitroman ein bleibendes Zeugnis der dunklen, der Katastrophenjahre, in denen auch die weltoffene Metropole zum Ort des Antisemitismus wurde. Die Handlungsfülle in diesem Buch, die Plastizität der Ereignisse, ist hoch, das erzählerische Geschick des Autors enorm. Der Nationalsozialismus ist hier sehr konkret, der Blick Giordanos auf Geschehnisse und Menschen klar und ohne falsche Barmherzigkeit. Pflichtlektüre? Was denn sonst.

„Vaterjahre“, 2014

Jugend und Studienjahre verbrachte der 1959 geborene Michael Kleeberg in Hamburg. Sein Karlmann Renn, genannt Charly, ist der Protagonist zweier blendender Romane. Der zweite von ihnen, „Vaterjahre“, ist dabei ein Porträt des 90er-Jahre-Hamburgs und ein höchst unterhaltsamer Versuch, das Schicksal des Mannes in der beginnenden Mittellebenskrise zu begreifen. Während das Nachwendedeutschland Horizonte öffnet, rekapituliert Charly, der Überreflektierte, seine Mittelschichtsexistenz mit Frau, Kindern und Hund. Das Leben war einem doch einst als aufregender Ritt versprochen worden, und jetzt ist man Buchhalter bei einem Kautschukunternehmen! „Vaterjahre“ ist ein ironischer Roman über die panische Selbstversicherung eines Mannes, am Ende doch alles richtig gemacht zu haben, auch wenn alle anderen freier, erfolgreicher, zufriedener sind. Dieser Roman ist meisterhaft erzählt.

„Das achte Leben (Für Brilka)“, 2014

Der qualitative Zuwachs der deutschsprachigen Literatur durch eingewanderte Neu-Deutsche ist nicht hoch genug zu veranschlagen. Nino Haratischwili, geboren 1983 in Tiflis, seit 2003 in Hamburg, hat sich als Dramatikerin und Regisseurin, besonders aber als Romanautorin einen Namen gemacht. Ihr dritter Roman, „Das achte Leben (Für Brilka)“, behandelt einen gewaltigen Stoff: fünf Generationen der Jaschi-Sippe, ein ganzes georgisches Jahrhundert, Aufstieg und Fall des Kommunismus. Inzwischen auch auf der Theaterbühne adaptiert, ist der Stoff, der in allerherrlichster Tolstoi-Manier von der Gesellschaft und dem Einzelnen erzählt, längst ein Publikumsmagnet geworden, berühmt und geliebt in der Lesegemeinde. Die zähen georgischen Frauen vergisst man nicht, die moralisch so leicht korrumpierbaren Männer – und die Schicksalsgedrängtheit eines blutigen Jahrhunderts.

„Vor dem Fest“, 2014

Neben Haratischwili der zweite doppelte Import: Saša Stanišic, 1978 in Višegrad, Bosnien, geboren. Erst ins Deutsche eingemeindet, dann willkommen geheißen in Hamburg. Stanišic schrieb die hochgelobten Romane „Wie der Soldat das Grammofon repariert“ und „Vor dem Fest“. In Letzterem, einem grandiosen Erzählwerk, schlägt der sogenannte „Autor mit Migrationshintergrund“ allen Erwartungshaltungen ein Schnippchen: Der Roman setzt der entleerten und unspektakulären ostdeutschen Provinz – in diesem Fall: der Uckermark – ein Denkmal. In Fürstenfelde treten urdeutsche Gestalten auf, vollgesogen von germanischer Düsterromantik, DDR-deformiert, tragisch in sich selbst verwickelt. Stanišic’ Dorfkomödie erinnert an den Zauber der Provinz und an den Reichtum einer Welt, die sich selbst genug ist. Wahrscheinlich erfasst niemand ihren Aberwitz mehr als der Zugereiste.

„Biografie“, 2016

Maxim Biller darf als einer der besten deutschen Kolumnisten gelten, als spitzzüngiger Kritiker. Und seit seiner 2016 erschienenen Groteske „Biografie“ als wahlweise missverstandenster oder größenwahnsinnigster deutscher Autor. Geboren 1960 in Prag, wuchs der Sohn russischer Eltern ab 1970 im Grindelviertel auf, und ebenjenes Grindelviertel ist ein Ort des Geschehens in „Biografie“. Eine abgedrehtere Story als die um die beiden tragischen Freunde Soli und Noah hat schon lange niemand mehr vorgelegt. In atemberaubender Geschwindigkeit und wirbelnder Stagnation berichtet Biller in seiner Welten und Zeiten umspannenden Riesenerzählung vom deutsch-jüdischen Verhängnis, von der Sexualität und den transgenerationellen Prägungen, die neurotisch machen und nur durch einen verzweifelt und fröhlich gesteigerten Witz überwunden werden können. Eine verrückte und fordernde Lektüre.

„Wir werden erwartet“, 2017

Ulla Hahn, geboren 1945 im Rheinischen, war eine der wichtigsten Lyrikerinnen der Nachkriegszeit, ehe sie in der Hilla-Palm-Sage zur üppig arrangierten, autobiografischen Prosa fand. Nach „Das verborgene Wort“, „Aufbruch“ und „Spiel der Zeit“ bildet "Wir werden erwartet“ den Abschluss der Tetralogie. Wenn der Erzählzyklus im Kern die Geschichte der Emanzipation eines Arbeiterkindes ist, dann ist die Charakterreifung der Studentin Hilla in „Wir werden erwartet“ an dem Punkt abgeschlossen, als sie sich wiederum von ihrer Emanzipation emanzipiert. In diesem wie die Vorgängerbände aus der Lebendigkeit der Szenen und Personen schöpfenden Buch entblättert sich vor dem Leser das „rote“ Jahrzehnt, die 70er-Jahre, in Hamburg. Wer dabei gewesen ist, erinnert sich nostalgisch (oder mit Schaudern), Nachgeborene lernen, wie es war, als junge Menschen die Welt aus den Angeln heben wollten.

„Crazy“, 1999

Ach, die wunderbare Popliteratur. Sie war ein schönes, glitzerndes Etikett, als Benjamin von Stuckrad-Barre kurz vor der Jahrtausendwende sein „Solo­album“ vorlegte und der sehr junge Benjamin Lebert (geboren 1982 in Freiburg) seinen – Achtung: Germanistenwort: – Bildungsroman „Crazy“. Die Erlebnisse im Internat, Außenseitertum, Gemeinschaft, Freundschaft, Familie, die erste Liebe – als Identifikationsmodell taugt der Held des Romans für alle Heranwachsenden. Und vielleicht nicht nur für die. Schließlich war jeder mal jung. Kein Wunder jedenfalls, dass „Crazy“ ein Bestseller und für seinen Verfasser der Start in eine anständige Schriftstellerkarriere wurde. Benjamin Lebert lebt seit Langem in Hamburg, einem Ort also, in dem wie in so vielen anderen auch Legionen von Schülern sein Debüt gelesen und, oft zumindest, regelrecht verschlungen haben. Ach, süßer Vogel Jugend.

„Deutschstunde“, 1968

Der Ruhm der „Deutschstunde“, jenes vor 50 Jahren erschienenen Romans, hält beharrlich an. Fraglos zu Recht, denn Siggi Jepsen ist nichts weniger als unser aller Vergangenheitsbewältiger: Siggis Auseinandersetzung mit der Obrigkeitsgläubigkeit seines Vaters ist exemplarisch für den Sieg des hellen über das dunkle Deutschland. Siegfried Lenz (1926–2014) geht es um Fragen der Moral, aber trotz der Tiefenschicht seiner Erzählung ist diese, und das macht wahrhaft große Literatur aus, kein allzu aufdringliches Lehrstück – was freilich Heerscharen von Deutsch-Leistungskurs-Schülern anders sehen könnten. „Die Freuden der Pflicht“ ist Siggis Aufsatzthema in der Besserungsanstalt betitelt; handwerklich geschickt macht Lenz aus dieser Aufgabe eine historisch (und übrigens in diesem speziellen Fall in der Provinz) verankerte und dennoch zeitlose Geschichte über das Ich und seine Verantwortung.

"Herzlich willkommen", 1984

Walter Kempowski (1929–2007) war ein Rundum-Sammler, einerseits. In seiner Reihe „Das Echolot“ sammelte der gebürtige Rostocker vielstimmig den Zweiten Weltkrieg ein. Andererseits war Kempowski, was das Sammeln angeht, auch selbstbezogen: Seine aus neun Büchern bestehende „Deutsche Chronik“ ist zu einem großen Teil autobiografisch. Den hochtrabenden Titel darf sie derweil tragen, denn sie erzählt mit Kempowskis Geschichte die der deutschen Gesellschaft gleich mit. „Herzlich willkommen“, 1984 erschienen als letzter Titel des Zyklus, handelt von den Jahren nach der Haftentlassung Kempowskis nach angeblicher Spionage in der DDR. Aus Bautzen kommt der Held Walter in „Herzlich willkommen“ nach Hamburg und dort in traute 50er-Jahre-Heimeligkeit, in der jede Form von Unangepasstheit und Politisierung nicht erwünscht ist. So war Deutschland nach dem großen Krieg: ein Zeitbild.

„Teufelsbrück“, 2000

Romane dürfen auch Sprachabenteuer sein, und für diese ist Brigitte Kronauer zuständig. Geboren 1940 in Essen und seit 1974 in Hamburg lebend, schafft sie es mit jedem ihrer Romane, der Gewöhnlichkeit der Welt Bedeutung abzutrotzen. Da macht es auch nichts, dass etwa in ihrem schönsten Buch, „Teufelsbrück“, das, sehr richtig, an der Elbe spielt, alle der fein zurechtgezwirbelten Figuren im gleichen Tonfall sprechen: die Erzählerin Maria Frauenlob vorneweg. Wenn alles, was geschieht, im Grunde banal ist, bekommt es durch die edle, ausgesuchte oder frivole Formulierkunst Kronauers einen schützenden Überzug. Kronauer nimmt die Figuren so wichtig wie die Sprache, die sie sprechen. Sie formt mit Sprache in „Teufelsbrück“ die romantischen Verwicklungen mittelalter Menschen zu einem köstlichen Roman, in dem zwischenmenschliche Dramen mit Inbrunst gelebt werden müssen.

„Die Entdeckung der Currywurst“, 1993

Ein literarisches Kleinod, diese Novelle von Uwe Timm, der 1940 in Hamburg geboren wurde und seit mehr als einem halben Jahrhundert in München lebt. In seinen Büchern ist er häufig in seine Herkunftswelt zurückgekehrt. Am eindrücklichsten in „Die Entdeckung der Currywurst“, jenem Meisterstück, in dem Timm deftige Kulinarik mit einer zarten Liebesgeschichte verwebt und das Hamburg der Wendejahre mit dem Hamburg des Krieges. Lena Brücker, die Kantinenfrau und spätere Imbissbudenbetreiberin vom Großneumarkt, die 1945 einen Fahnenflüchtigen bei sich zu Hause versteckt, der ­gleichzeitig ihr Geliebter ist – von ihr lässt sich der behutsame Erzähler und mit ihm der Leser in die Vergangenheit entführen, in der Entscheidungen existenziellerer Natur waren als in der Erzählgegenwart, aber die Geschmacksnerven auf Ähnliches ansprachen: Wurst und Curry.

„Zettel’s Traum“, 1970

Gibt es eigentlich Menschen, die tatsächlich dieses Riesenwerk gelesen haben? Sicher. Es sind Literaturverrückte, leidenschaftlicher noch als wir, entsagungsvoller, was das Zeitmanagement angeht, und reicher, was die Sprach­erlebnisse betrifft. Arno Schmidt, der legendäre Kultautor der alten Bundesrepublik, wurde 1914 in Hamburg geboren, lebte 14 Jahre in Hamm, wirbelte literarisch dann viel später vor allem in der niedersächsischen Provinz und starb 1979 in Celle. „Zettel’s Traum“ ist das Layout-mäßig anspruchsvollste Buch (dreispaltig!) der Literaturgeschichte und der auf die Spitze getriebene Versuch Schmidts, dem Schreiben in Prosa eine Aktualisierung, eine Modernisierung zu verpassen. Stilistisch überließ er sich ganz der Gewalt des Worts, heißt: Es ist alles eine einzige, forcierte Spielerei. Und ein Konvolut, das äußerlich schwerfällig ist, aber tief innendrin eine hohe geistige Wendigkeit fordert.

„Der goldene Handschuh“, 2016

Fritz Honka, urbane Legende, Schauergestalt, Frauenmörder: Kann man aus so einem tristen Fall eigentlich große Literatur machen? Kann man sicher. Der vollendete Depressionsliterat Heinz Strunk, geboren 1962 in Hamburg, setzt dem einfachen Arbeiter und Säufer, der auf St. Pauli seine Opfer fand, in dem grandiosen Gossenroman „Der goldene Handschuh“ jedenfalls ein Denkmal. Indem er das Schicksal Honkas in eine literarische Groteske ummünzt, indem er das Elend des Proletariats in eine grundsätzliche Absurdität des menschlichen Daseins übersetzt. Strunks literarisches Programm der Trostlosigkeit und Hässlichkeit findet seine Anknüpfungspunkte jedoch auch bei der Verkommenheit der Elbchaussee-Bewohner. Männer, die an sich selbst leiden, ob am Tresen der Spelunke oder in der Edel-Villa, getrieben von ihrer Geilheit, die nie Erfüllung findet und, im Falle Honkas, mörderisch wird.

„Altes Land“, 2015

Was war das für ein Hit, dieses prima Debüt der Autorin Dörte Hansen. „Altes Land“, was für ein Titel, was für ein Ort – der Sehnsucht. Für jeden Hamburger, dem die geografische und soziale Gedrängtheit in der Metropole manchmal zu viel wird. Hansen, 1964 in Husum geboren, lange im Alten Land wohnhaft, kennt den Unterschied zwischen Dorf und Stadt. Und sie weiß, dass die Vergangenheit Menschen formt, dass die Vergangenheit nie wirklich vergangen ist. In ihrem gekonnt ausbalancierten Erzählwerk berichtet Hansen von der spröden Vera, ihrer Hamburg-versehrten Nichte Anne, die es in Ottensen nicht mehr aushielt, und etlichen anderen Helden der Provinz und Flüchtlingen der Stadt. Hansen kennt all die Klischees, die romantischen Vorstellungen, die sich kurzatmige Städter über die Anmut des Landes machen, das still vor den Toren der Stadt liegt. Ruhepuls beim Lesen? Sehr ruhend.

„Jungfernstieg“, 2010

Daniel Dubbe, geboren 1942 und aufgewachsen in Fuhlsbüttel, ist mit seinem schriftstellerischen Werk stets ein Geheimtipp geblieben. Schade eigentlich. Die eher leise Resonanz auf sein Werk entspricht dessen Umfang: Seine Hamburg-Tetralogie ist, vier Bände hin oder her, keine 500 Seiten dick. Der erste Teil des autobiografischen Erinnerungswerks trägt den Titel „Jungfernstieg oder Die Schüchternheit“ und spielt in den 60er-Jahren. Sartre, Beatmusik, lesen, tanzen, wild sein – der amourensüchtige Jüngling, der Dubbe war, bewegt sich mit offenem Blick und großer Neugierde durch die Stadt, in der wie an anderen Orten auch die Gesellschaft in Bewegung geriet. „Jungfernstieg“ ist jedoch nicht nur ein Zeitpanorama, sondern auch überzeitlich – weil es die immer gültige Geschichte des jungen Mannes erzählt, der vor dem Auslagenfenster des Lebens steht, aber (noch) nicht alles bekommt, was er will.

„Morbus fonticuli“, 2002

Frank Schulz hat schöne Säuferromane geschrieben, ehe er seinen Hobby-Detektiv Onno Viets erfand. Aber was heißt Säuferroman? Die sogenannte „Hagener Trilogie“ ist mehr als das und eine satirisch und sprachbildend an Henscheid geschulte Milieustudie – also komisch gewendet. Der Held Bodo Morten ist im zweiten und breitwandigsten Band des zünftigen Buchtrios einerseits Redakteur bei einem Hamburger Anzeigenblatt und verheiratet mit Anita. Aber in einer Parallelwelt, mit der er die seriöse, halbwegs bürgerliche abfedert, ist er ein Fabulierer vor dem Herrn (wie sein Erfinder) und der feurige Lover Bärbels. So ein Doppelleben kann nur im totalen Zusammenbruch enden, und wie es dazu kommt und welche nicht anders als skurril zu nennende Gestalten sein Verderben begleiten, hervorrufen, feiern: Davon berichtet der Wortmensch Schulz hier. Er gilt seit „Morbus fonticuli“ zu Recht als Kultautor.

„Kamalatta“, 1988

Die intensivsten Lektüreerfahrungen können die sein, die mit zunächst hermetisch anmutenden Büchern gemacht werden. In seinem als „romantisches Fragment“ bezeichneten Prosawerk „Kamalatta“ gelingt dem bewundernswert radikal sein literarisches Programm durchziehenden Christian Geissler (1928–2008), ohne jeden Spannungsbogen und doch atemlos von der linken Kampffront zu erzählen. Die einen bereiten einen Terroranschlag in Bayern vor, die anderen fahren in die DDR, das angeblich bessere Deutschland. So waren sie, die 70er-Jahre in Deutschland: Genossen, die barbarisch schön und aufregend leben, aber kompromisslos die eigene Familie oder die ganze Gesellschaft zerstören. „Kamalatta“ ist ein literarisch singuläres Zeugnis des roten Jahrzehnts, verpackt Mentalitätsgeschichte in der Gedrängtheit des Augenblicks, der immer vom nächsten Augenblick abgelöst wird.

„Die Nacht aus Blei“, 1956

Hans Henny Jahnn (1894–1959) darf schon deswegen nicht in dieser Liste fehlen, weil er gelernter Orgelbauer war: Das ist doch mal ein anständiger Beruf. Als Schriftsteller blieb der gebürtige Stellinger Außenseiter. Auch weil er in züchtigen Zeiten über Sex und Gewalt recht explizit schrieb und seinen Figuren keinerlei Erlösungsangebote machte. Jahnn ist als Autor der Extreme immer am Trieb interessiert. So auch in der Novelle „Die Nacht aus Blei“, in der er von den tiefen und finsteren Gründen des Unbewussten erzählt: Sein Held Mathieu streift durch eine entleerte Stadt und trifft auf sich selbst, eine Hure und den Todesengel. Ein Plot aus dem Handbuch des Surrealen, der einen gruseln macht, konstruiert nach der Traumlogik des Verschiebens und Verdichtens. Kühl durchgearbeitet und düster bis zum Anschlag. Der Liebesroman, zu dem „Die Nacht aus Blei“ gehören sollte, wurde nie fertig.

„Nie mehr Nacht“, 2013

Mirko Bonné, geboren 1965, ist derjenige Hamburger Schriftsteller, der vielleicht am häufigsten über sich lesen musste, er schreibe eine „wohltemperierte Prosa“. Das kann einen Autor langweilen, auch wenn’s halt stimmt: Es ist der feine Beat des Lyrikers, der Bonné lange hauptsächlich gewesen ist, der seine Romane grundiert. Bonnés fünfter, „Nie mehr Nacht“, ist sein bester und versammelt all die Eigenschaften, die man am Werk des Autors schätzt: Er ist anspielungsreich, ernsthaft, still, obwohl er doch vom inneren Aufruhr des Menschen handelt. Hier ist es der Zeichner Markus Lee, der in die Normandie reist, um dort eine Arbeit zu erledigen. Und Markus will außerdem die Trauer über den Suizid seiner Schwester bewältigen, er rutscht dabei freilich in eine tiefe Lebensmelancholie. Vielleicht ist es gerade der einfache Schluss, der diesen Roman zu solch einer tröstenden und befriedigenden Lektüre macht.

„Eins im Andern“, 2015

Man kann auch einen Liebesroman schreiben, der sich zunächst gar nicht wie einer liest. Monique Schwitter, geboren 1972 in Zürich, schickt ihre Heldin in dem famos kurzweiligen Roman „Eins im Andern“ in eine persönliche amouröse Retrospektive. Eine Frau, die sich an ihre Liebhaber erinnert: Das ist in diesem Falle eine kluge, tiefgründige, komische, schwermütige Angelegenheit, bei der Diversität im Vordergrund steht und der Kitsch sehr gut versteckt ist. Kein Mann ist hier wie der andere, und romantisch ist hier längst nicht alles. Im Gegenteil ist Liebe eben oft auch ein Stresstest, aber immer gilt das, was die Oma mit auf den Weg gab: „Die Liebe, mein Herz, sucht man sich nicht aus.“ Zu weiten Teilen spielt dieser Roman im Theatermilieu, also dort, woher die ehemalige Schauspielerin Schwitter stammt. Manches in diesem Buch ist biografisch grundiert, weshalb es gut in die Zeit der Selbstbeschreibungen passt.

„Weiberroman“, 1997

Gregor Schattschneider ist der Mann, der es mit den Frauen immer wieder versucht und dabei der Rätselhaftigkeit des anderen Geschlechts nie beikommen kann. Mit zwei Romanen führte der gleichermaßen in München und Hamburg lebende Schriftsteller Matthias Politycki, der 1955 in Karlsruhe geboren wurde, seinen Helden in die deutschsprachige Literatur ein. Der „Weiberroman“, hochvirtuos aufgebrochen durch literaturwissenschaftlich-editorische Spielereien, war der erste Schattschneider-Aufschlag und dabei auch ein Porträt der 70er-Jahre, die, wie jedes Jahrzehnt vor dem Tinder-Zeitalter, heute noch viel weiter entfernt liegen als bei Erscheinen des begeistert aufgenommenen „Weiberromans“. „Ein Mann von vierzig Jahren“ setzte Letzteren dann fort, und beide zusammen sind sie Glanzpunkte des humoristischen Schreibens, deren Haltbarkeit nicht abläuft.

„Tschick“, 2010

Das Lieblingsbuch für alle, die die Jugend anbeten. Pflichtlektüre im Deutschunterricht, dort reflexhaft auch mal nicht gemocht. Das kommt erst später, ohne die Pflicht. In jedem Fall hat Wolfgang Herrndorf (1965–2013) einen Langzeit-Bestseller geschrieben mit seiner Roadnovel: der Legende von Maik und Tschick, die im Lada und in der „Walachei“ anfangen, erwachsen werden und die Leser dennoch daran erinnern, dass Verrücktsein leider ein Vorrecht der Jugend ist. „Tschick“ erzählt auf die leichteste und ernsteste Weise von Freundschaft, Außenseitertum, Abenteuer und erster Liebe, und dass diese Geschichte in Berlin und östlich davon spielt, ist (beinah) purer Zufall. Der Roman ist durchzogen von dem, was Herrndorf an Leben, Empfinden und Atmosphäre während seiner Kindheit und Jugend in Norderstedt aufsammelte. Diese Erlebnisse werden in „Tschick“ zu großer Literatur.

Der Lenz-Abend

„Deutschstunde“ erschien Anfang 2017 noch einmal in Lenz’ Stammverlag Hoffmann und Campe: als formschön in Leinen gebundenes Buch und Bestandteil der auf 25 Bände angelegten Werkausgabe. Um die kümmern sich die Siegfried Lenz Stiftung, Germanisten der Uni Göttingen und das Deutsche Literaturarchiv in Marbach. Ehre, wem Ehre gebührt, und: Es ist eigentlich immer die richtige Zeit, einen Roman von Siegfried Lenz zu lesen.

Und in diesem Jahr eben vielleicht wieder oder eben erstmals „Deutschstunde“, jenen Roman, den Lenz vor 50 Jahren veröffentlichte und der seitdem über viele Generationen hinweg Leser fand. Das Harbour Front Literaturfestival widmet der „Deutschstunde“ am 20. September zum runden Geburtstag einen Abend – die Autorinnen Dörte Hansen und Nora Bossong, der ehemalige Hoca-Verleger Günter Berg und die NDR-Literaturkritikerin Annemarie Stoltenberg erinnern sich an ihre Lenz-Lektüre, der Schauspieler Ulrich Matthes liest.

Weil Texte wie „Deutschstunde“ sich im Laufe der Zeit eine durchaus weihevolle Aura zuzulegen pflegen, will der Ort der Jubiläumsveranstaltung gut gewählt sein. Beim Harbour Front Festival hat sich die St.-Katharinen-Kirche längst als Veranstaltungsort bewährt, und der Lenz-Gedenkabend wird da ganz sicher sehr gut hinpassen. Beginn der Veranstaltung ist 20 Uhr, Tickets kosten 14 Euro, Kartentelefon 30 30 98 98.

Harbour Front

Das Literaturfest am Hafen ging 2009 erstmals über die Bühne. Es war die Premiere einer Veranstaltung, die im Hamburger Kulturkalender noch gefehlt hatte. Ein großes Hamburger Literaturfestival mit Strahlkraft in die Region, das internationale Bestsellerautoren, nationale Größen und überhaupt die Buchthemen der Saison in seinem Programm vereinigte – an der Elbe war dies sehr willkommen. Hamburg ist auch eine Stadt der Literatur, und so war es nur logisch, dass im Schatten der im Bau begriffenen Elbphilharmonie das Harbour Front Literaturfestival über die Jahre gedieh – und bei jeder Ausgabe Literatur zum Ereignis machte. Seit 2017 finden auch im Konzerthaus Festivalveranstaltungen statt.

In neun Jahren kamen bisher mehr als 160.000 Besucher an rund 70 Orte am Hafen und in Hafennähe. 800 Mitwirkende, davon mehr als 630 Autoren, mehr als 100 Schauspieler, die aus den Texten der Autoren lasen: Beteiligte aus 40 Ländern haben das Festival zu einem Treffpunkt der Literatur gemacht.

Die Jubiläumsaausgabe deren Kernzeit vom 12. September bis zum 15. Oktober ist, schmücken wieder namhafte Autoren, unter anderen Juli Zeh, Jonas Jonasson, Ian McEwan, Dörte Hansen, Nino Haratischwili und Maja Lunde. Außerdem gibt es wie stets ein ausgiebiges Krimi- und Jugendprogramm. Alle Informationen finden sich unter www.
harbourfront-hamburg.com, Karten im Abendblatt-Ticketshop unter Telefon 30 30 98 98.