Nick Cave

Ein wahres Meisterwerk eines großen Künstlers

Musiker Nick Cave

Musiker Nick Cave

Foto: picture alliance

„Ghosteen“, das 17. Album von Nick Cave und seinen Bad Seeds, ist der erschütternde Klagegesang des vom Schicksal bestohlenen Vaters.

Hamburg. Als 2016 und damit knapp ein Jahr nach dem Unfalltod von Nick Caves 15-jährigem Sohn Arthur (er hat einen Zwillingsbruder, Earl) „Skeleton Tree“ erschien, war man geneigt, dieses als das Traueralbum des australischen Musikers zu verstehen. Das mag es auch sein; aber es lässt sich im Hinblick auf die Seelenpein, auf das Ausschütten des Innersten ab sofort nur als Vorhut des nachfolgenden, des neuen Albums „Ghosteen“ betrachten.

Dieses 17. Album Nick Caves mit den Bad Seeds ist der wahre, der erschütternde Klagegesang des vom Schicksal bestohlenen Vaters. Die Schönheit der Arrangements täuscht über den Schmerz nie hinweg, der sich vor dem berührten Hörer ausbreitet, und knüpft dabei an den Sound von „Skeleton Tree“ an.

Viele Synthesizer und Klaviertöne

Es gibt kein Schlagzeug auf „Ghosteen“, nur Caves Stimme und viele Synthesizer und Klaviertöne. Und immer wieder Chöre. Es sind die Arrangements von Cave und Warren Ellis, die hier die Fieberträume und Bewältigungsstrategien Caves in große Kunst übersetzen.

Man muss stark sein, um Songzeilen wie diese zu hören: „A priest runs through the chapel, all the calendars are turning/A Jesus freak on the street says, „He is returning“/Well, sometimes a little bit of faith can go a long, long way/Your soul is my anchor, I never asked to be freed/Well, sleep now, sleep now, take as long as you need/’Cause I’m just waiting for you/Waiting for you, waiting for you/Waiting for you, waiting for you/Waiting for you/To return/To return/To return.“

Erlösung in der Musik?

„A man mad with grief“, „ein Mensch, der wahnsinnig ist vor Kummer“, nennt Cave sich in „Sun Forest“, wenn er auch von Jesus singt, der versprach, „die Nacht aufzuhellen“. Aber für Cave, den 62 Jahre alten Leidensmann, wird es keine Erlösung geben. Oder vielleicht wenigstens doch ein bisschen, in der Musik. Düster ist er immer gewesen, der dunkle Fürst des Pop, aber die Verzweiflung war nie so gewaltig, dass er sie nicht hätte in Kunst sublimieren können.

In „Ghosteen“ ist er nun auf der Höhe seiner Kunst, und die Tragik ist, dass es der eigene Verlust, also die Tiefe der Empfindung ist, die ihn auf das Plateau seines Schaffens führte. Cave findet Trost in der Musik, er findet Trost darin, anderen Trost zu schenken: Auf seiner Internetseite „The Red Hand Files“, auf der er mit seinen Fans interagiert. Seit einiger Zeit tut er dies auch live auf der Bühne, im Mai war er mit seinem Programm des Frage-und-Antwort-Spiels mit den Cave-Jüngern auch in Hamburg.

Denen macht er mit „Ghosteen“ das großzügigste Geschenk, und er träumt sich zusammen mit ihnen in das verlorene Paradies des Album-Covers, in dem das Licht obsiegt.