Hamburg

„Peter Pan“ als dunkles Märchen für Erwachsene

Antú Romero Nunes wurde 1983 in Tübingen geboren. Er hat portugiesisch-chilenische Wurzeln.

Antú Romero Nunes wurde 1983 in Tübingen geboren. Er hat portugiesisch-chilenische Wurzeln.

Foto: Marcelo Hernandez / FUNKE Foto Services / MARCELO HERNANDEZ / FUNKE Foto Services

Thalia-Hausregisseur Antú Romero Nunes bringt „Neverland“ am 12. Oktober als Uraufführung auf die Bühne in Hamburg.

Hamburg.  Antú Romero Nunes ist noch etwas angestrengt von einer langen Probennacht, kommt im Interview aber schnell auf Betriebstemperatur. Am 12. Oktober steht für ihn die mit Spannung erwartete Uraufführung von „Neverland“ an, ein Stück nach Motiven aus J. M. Barries „Peter Pan“ über einen Jungen, der nicht erwachsen werden will und allerlei Abenteuer erlebt. Es ist Nunes’ vorerst letzte Saison als Thalia-Hausregisseur.

Was interessiert Sie an Kindergeschichten, wie zuletzt „Max und Moritz“ in Berlin und jetzt „Peter Pan“ in Hamburg?

Antú Romero Nunes Ich bin mir nicht sicher, ob das wirklich Kindergeschichten sind. Ich suche immer nach archa­ischen Strukturen. Peter Pan und Wendy sind Archetypen einer sehr bürgerlich angehauchten Zeit. Das ist ein Kosmos, der viel mit uns zu tun hat. Auch mit meinem Zustand, wurzellos und mutterseelenallein durch die Welt zu gehen.

Erzählen Sie vom Nichterwachsenwerdenwollen einer Generation? Davon ist ja derzeit häufig die Rede ...

Ich glaube, dass es ein Erwachsenwerden gar nicht gibt. Das ist eher ein Werkzeug, um sich Macht oder Vorherrschaft anzueignen. Es heißt, man müsse nicht mehr das tun, was andere einem sagen, das sehe ich bei Erwachsenen nicht. Die meisten tun genau das, was ihnen gesagt wird. Oder es soll darum gehen, Verantwortung zu übernehmen. Den Eindruck machen Erwachsene auch nicht auf mich.

Nimmerland, dieser fiktive Inselort ist ja einer, an dem man nur an etwas glauben muss, damit es passiert, eine utopische Insel. Ist es ein Ort der Unsterblichkeit oder des Eskapismus?

Beides sehr konkret. Ich habe auf meinen Reisen gemerkt, dass die Realität von Städten wie Venedig oder Barcelona zu einer Fiktion gemacht wird. Sie werden zu Abenteuerspielplätzen für Erwachsene. Das fiel mir schon in Berlin auf, wo verbotene Dinge auf einmal infantil wurden. Wer sich nackt im Club zeigte, bekam ein Eis. Der Eskapismus wird zur architektonischen Wirklichkeit und die Architektur schafft dem Eskapismus Platz. Das andere ist der psychologisch-philosophische Moment des Todes, der ja Trennung bedeutet. Die erste Trennung ist die von der Mutter. Da merkt man, dass zwischen allen Dingen ein schwarzes Nichts liegt, in dem sich das Universum verbirgt. Das ist für mich auch ein Nimmerland.

Der Titel „Neverland“ – Nimmerland - ist auch besetzt durch die reale Ranch des umstrittenen US-Popstars Michael Jackson. Wie gehen Sie damit um?

Michael Jackson war weder Kind noch Erwachsener, weder Mann noch Frau weder schwarz noch weiß, er lief vorwärts und rückwärts gleichzeitig. Er war das, was man von ihm auf dem Plakat sah und sonst nichts. Es gab bei ihm keine zwei Seiten der Medaille, sondern nur viele Medaillen, und alle warfen den gleichen Schatten. Das hatte er mit Peter Pan gemeinsam. Pop.

Wie erzählt man heute von dieser Welt vom Anfang des vorigen Jahrhunderts, einem Hausmädchen-Haushalt, einem Hund als Nanny, Feen, Piraten, verlorenen Jungs?

Wir nehmen das Stück zum Anlass unserer Inszenierung. Bei der „Odyssee“ steckt ja auch in jedem Moment Odyssee drin, aber man kann sich den Abend auch ohne Vorwissen ansehen. Hier wird es ein Märchen für Erwachsene. Ich glaube, dass es sehr viel Dunkles und trotzdem Schönes enthält. Diesmal haben wir so viel mit eigenen Texten überschrieben, dass meine Co-Autorin Anne Haug und ich unsere Namen darüber setzen.

Das ist Ihre erste Inszenierung mit einem internationalen Team, vor welchen Hürden steht man da?

Man kann sich heute ja nur international begreifen. Theater ist lokal, aber dort versammeln sich Menschen aus verschiedenen Ländern. Hier sind Darsteller aus Schweden, Slowenien, Russland, Holland, Österreich, Spanien, Polen, Belgien, Finnland und Deutschland dabei. Wir wollen das Ergebnis im Austausch auf Reisen zeigen. Das deutsche Theater genügt sich sehr selbst. Es lernt wenig von anderen Ländern, es lehrt lieber. Das hat etwas mit Dialog zu tun und das finde ich bei dieser Arbeit wirklich fantastisch. Alles dauert länger, es ist intensiver, aber es erleuchtet auch, wenn ich einen Text anbringe und alle Beteiligten ihn aus ihrer Tradition heraus anders behandeln.

Zur nächsten Spielzeit wechseln Sie als Teil eines vierköpfigen Leitungsteams ans Theater Basel. Ist ein eigenes Haus für einen erfolgreichen Regisseur der letzte Schritt, erwachsen zu werden?

Ich hatte das nie vor. Ich mache es nur, weil der Vorschlag kam, es mit Jörg Pohl zu machen und mit zwei Dramaturginnen, die ganz andere Erfahrungen mitbringen. Ich habe mir lange die hierarchischen Systeme angeschaut und gelernt, mich in ihnen zu bewegen. Aber jetzt kann ich mal ausprobieren, wie es anders geht. Ich gehe das an wie meine Inszenierungen: als Kollektiv. Man muss gute Leute haben und alle, die dazu kommen, nicht als Idioten begreifen, sondern als Experten. Die Idee ist, dass jeder, der Experte in seinem Feld ist, auch Entscheidungen treffen darf. Insofern, vielleicht ja. Einem Erwachsenen sollte man ja auch nicht sagen: „Das darfst du nicht“.

Gibt es schon inhaltliche Überlegungen?

Ich habe Lust, einen Ort zu bauen, an dem die Leute spielen können. Unser absolutes Zentrum wird das Spiel sein. Weil es Philosophie, Politik und vor allem das ganze Leben enthält. Ich habe das Gefühl, dass man sich im deutschen Theater nur noch um Bühnen und Bilder kümmert. Um ein Größer und Massiver. Wir sind aber zum Spielen da.

Am Thalia Theater haben Sie seit dem Pu­blikumshit „Invasion“ eine Erfolgsgeschichte geschrieben. Welche Erinnerungen nehmen Sie mit?

Ich liebe Hamburg. Hamburg ist meine liebste Stadt, aber wir müssen uns beide weiterentwickeln. Ich möchte mehr künstlerische Entscheidungen treffen. Nach der nächsten Inszenierung bin ich hier erst mal raus. Das fällt mir nicht leicht, weil hier meine Familie ist. Mit dem Ensemble konnte ich eine Theater- aber auch eine Arbeitssprache entwickeln.

Sie sind ein Nomade, der mit einer Sporttasche zwischen Theatern hin- und herzieht und monatelang auf Reisen geht. Wird das in Basel nun ein persönliches Ankommen?

Ich bin sowieso immer Ausländer. Ich komme immer nur als Gast. Aber Liebesbeziehungen fangen meist als heiße Affäre an. Das war in Hamburg so und ich freue mich auf die Zeit in Basel. Sich auf eine Stadt einzulassen. Das ist doch toll.

„Neverland“ Uraufführung Sa 12.10., 20.00, Thalia Theater, Alstertor, weitere Vorführungen ab 13.10., Karten unter Tel. 32 81 44 44; weitere Infos unter www.thalia-theater.de