Opernkritik

„La Juive“: Übergroß inszeniertes Drama mit tragischem Ende

Inszenierung "La Juive" Staatsoper Hannover September 2019 Pressefoto

Inszenierung "La Juive" Staatsoper Hannover September 2019 Pressefoto

Foto: Sandra Then

Großartige Premiere zum Amtsantritt der neuen Leitung des Staatstheaters Hannover. Nur im Finale gerät die Stringenz etwas ins Trudeln.

Hannover.  Zwei kleine Jungs, die sich in die Haare bekommen; immer wieder schlägt der eine den anderen, und der andere, die Kippa auf dem Kopf zeigt es, ist Jude. So klein, so einfach, so nebensächlich fast beginnt es, hier zunächst am Rand eines Kleinstadt-Volksfests in den sittenstrengen USA der 1950er. Es endet grausam, menschenverachtend, tödlich, über Jahrhunderte hinweg, immer wieder, an immer wieder anderen Orten, mit immer wieder den gleichen Tätern und Opfern.

In Fromental Halévys „La Juive“ ist Opern-Treibstoff für mehr als eine historische Epoche, für mehr als einen Tatort. Die Regie dreht deswegen Akt für Akt die Uhr des Unheils zurück, es geht in die ins Finstere kippende Weimarer Republik der späten 1920er, zum Stuttgarter Rokoko in die Zeit des Antisemitismus-Opfers Joseph Süß Oppenheimer, in die Kerker der Spanischen Inquisition. Und überall taucht der jüdische Junge als stummer Zeitzeuge der mahnenden Anklage wieder auf.

Die letzte grausame Ironie des Schicksals

Das letzte Opfer, die tragische Heldin, die Jüdin Rachel, stirbt, wie im Libretto vorgesehen, als Strafe für ihre Affäre mit einem – dazu noch verheirateten – Christen in kochendes Wasser geworfen, im spätmittelalterlichen Konstanz anno 1414. Im Moment ihres Todes, um das pompös moussierende Durcheinander dieses Grand-Opéra-Dramas genregerecht abzurunden, stellt sich als letzte grausame Ironie des Schicksals heraus: Rachel ist keine Jüdin, sondern die von einem jüdischen Goldschmied aufgezogene Tochter eines Kardinals.

Zu spät, mon dieu, Katastrophe, Vorhang, tosender Applaus. Stolze, wohl auch erleichterte Ovationen für eine Premiere in Hannover, die musikalisch mächtig Eindruck machte, weil Constantin Trinks, für seine in diesem Fall hilfreiche Wagner-Vorliebe bekannt, das Staatsorchester und den prächtigen Chor erfolgreich beim Spektakel-Ehrgeiz packte.

Dass das komplett neue Leitungsteam im Staatstheater Hannover ausgerechnet diese Oper – nach ihrer Pariser Premiere 1835 jahrzehntelang in Europa beliebt, aber später der Thematik wegen aus den Spielplänen gedrängt – an den Start ihrer Amtszeit setzte, ist mehr als tapfer, richtig und konsequent. Denn die Chormassen und Notenmengen, die zu bewältigen sind, genügen trotz der Kürzung auf rund drei Netto-Stunden für zwei handliche Rossinis. Die vielen raffiniert gesetzten Orchestrations-Spezialeffekte, die kunstvoll konstruierten Ensembles und die halsbrecherischen Arien sind da noch gar nicht mitgerechnet.

Mit dieser „La Juive“-Premiere zeigt sich nicht zuletzt auch, wie klein die Opern-Welt ist: Schauspiel-Intendantin Sonja Anders hat Stationen auf Kampnagel, am Schauspielhaus und am Thalia hinter sich. Ihre Stellvertreterin in Hannover ist Nora Khuon, die Dramaturgin an der Kirchenallee war. Opern-Intendantin Laura Berman war seit 2015 in Basel gewesen, jenem Haus, dessen Leitung Hamburgs Opern-Intendant Georges Delnon damals verlassen hatte.

Die „La Juive“-Renaissance war 1999 an der Wiener Staatsoper von der späteren Hamburger Opern-Chefin Simone Young eingeleitet worden; prägende Inszenierungen folgten von Ingo Metzmachers Hausregisseur Peter Konwitschny und Delnons Mehrfach-Regiegast Calixto Bieito. So viel zum Stück-Stammbaum.

Die Regie dreht Akt für Akt die Uhr des Unheils zurück

Entscheidender aber war auf dem Platz selbst: Wie all das verständlich auf Linie bekommen? Wie ohne dramaturgisches Verstolpern die grandios verworrene Handlung erzählen, ohne den Grand-Opéra-Historienschinken als kostümbehangenen Historienschinken zu servieren, obwohl das einfacher wäre, als ihn zu durchleuchten und zu hinterfragen.

Die Regisseurin Lydia Steier ist für vieles bekannt, aber eher nicht dafür, vor großen Herausforderungen einzuknicken. Die Amerikanerin hatte 2016 Stockhausens „Donnerstag aus Licht“ in Basel inszeniert und 2018 eine „Zauberflöte“ bei den Salzburger Festspielen. Für Hannover hat sie sich vom Hamburger „fettFilm“-Videospezialisten Momme Hinrichs eine Bühne entwerfen lassen, die vor einer Klage-Mauer mehrere Variationen des Gleichen bebildert: wie dünn die Schicht der Normalität ist und wie wenig sicher sie sein kann, wenn man auf der falschen Seite der Macht ist.

Im USA-Bild ist Mickey Mouse auch Folterknecht, im Rokoko-Akt baumeln als Verweis auf Oppenheimers Schicksal Gerippe in Käfigen über den Perücken der Hofschranzen, die zu Tieren werden, sobald sie Schwächere wittern. Steiers Regie ist unmittelbar politisch, wie die Thematik der Oper unter ihrer Belcanto-Glasur. Erst im Finale gerät die Stringenz etwas ins Trudeln, weil sich dann die Epochen treffen, obwohl sie vorher so klar getrennt waren. Doch das ist zu gut zu verschmerzen, weil die musikalische Güte des Abends dafür entschädigt.

Denn Hailey Clark ist eine wunderbare, mitreißende, Empathie fordernde Rachel, der man jeden Ton glaubt. Auch Mercedes Arcuri als Eudoxie, die koloraturenwirbelnde Gattin von Rachels geliebtem Samuel, der in Wirklichkeit Prinz ist und Léopold heißt, zwitschert und tobt allerliebst. Diesen Léopold singt Matthew Newlin in der Kippa-Elvis-Szene des ersten Akts als hüftschwingende Tenor-Parodie, dann wird er ernsthafter, besser, intensiver und wahrer. Der Risikomut, mit dem Zoran To­dorovich sich an der Partie des Éléazar abarbeitet, ist bewundernswert, nicht alles gelingt so leicht, wie es schön wäre. Doch diesen Part kann man nicht mit Sicherheitsgurt singen. Hoher Einsatz, ganz große Oper.

Weitere Termine: 18. / 24. 27.9., 3. / 6. / 8. / 12. / 31.10. www.staatstheater-hannover.de