Konzertkritik

Gilbert und Schrottplatz-Instrumente in der Elbphilharmonie

Glücklich nach erfolgreichem „Kraft“-Akt in der Elbphilharmonie: Dirigent Alan Gilbert (links) und Komponist Magnus Lindberg (4. von rechts).

Glücklich nach erfolgreichem „Kraft“-Akt in der Elbphilharmonie: Dirigent Alan Gilbert (links) und Komponist Magnus Lindberg (4. von rechts).

Foto: Peter Hundert Photography / NDR Press and PR

Brillanter Stresstest von Alan Gilbert mit Lindbergs „Kraft“. Yuja Wang setzte noch einen drauf. Dennoch gingen Zuschauer früher.

Hamburg.  Als kurz nach der Elbphilharmonie-Eröffnung Blixa Bargeld und seine Berliner Kollegen im Großen Saal auf ihre kultgewordene Altmetallsammlung eindroschen, durfte man viel Spaß mit diesem Kunst-Krach der Einstürzenden Neubauten haben, weil aus den Bürgerverschreckern längst Goethe-Institut-Hochkulturdiplomaten geworden waren. Und die „Weiße Haut“? Hielt, klar, die blieb sicher an den Saalwänden. Mehr als zwei Jahre später war es nun der frisch angetretene NDR-Chefdirigent Alan Gilbert, der im Rahmen seines Auftakt-Festivals mit Magnus Lindbergs „Kraft“ den nächsten, noch heftigeren Stress-Test aufs Programm setzte.

Vorab wurden, als niedliche „Ich hab‘s auch ohne überlebt!“-Tapferkeits-Trophäe, jede Menge Ohrenstöpsel an den Saal-Eingängen verteilt. Und Gilbert warnte süffisant, statistisch fände man in Lindbergs riesig besetztem Hit „Kraft“, für den das Hamburger Orchester sich bei einem Lübecker Schrottfachhändler großzügig eingedeckt hatte, deutlich mehr leise als laute Passagen.

In den brachialen Minuten allerdings rappelte es in den Gehörgängen, als säße man direkt unterhalb einer gut frequentierten Einflugschneise. Egal, auch mal schön und immens wichtig, so ein Stück Event-Avantgarde, immerhin auch schon 34 Jahre alt, in der Elbphilharmonie zu bringen. Denn durch die ständig wechselnde Verteilung von Bläsern und Schlagwerkern in den Rängen sorgte dieser „Kraft“-Akt für ein wunderbar anstrengendes, horizonterweiterndes Surround-Hörabenteuer, für ein souverän spektakelndes Haudrauf-Happening, auch hier ohne Wand-Beschädigungen.

Gilbert zeigte sich als Dirigent auf der Höhe der Zeit

Wer dennoch und deswegen verschreckt früher ging, und das waren so einige, hat etwas Übermächtiges, Überwältigendes verpasst, das es so nur dort gegeben haben wird. Denn Lindberg veranstaltete diese Show ja nicht um des leicht erzielbaren Show-Effekts willen, in der Riesengröße des Klangkörpers flackerten immer wieder neue Farbschattierungen durch. Der Puls dieser Musik kam und ging, doch er bremste nie, für nichts.

Die Episoden, in denen Lindberg, als ein Gast-Interpret ständig von da nach dort wieselnd, feinfühlig mit dem Instrument Orchester spielte, zeigten auch Gilbert, an dessen Pult ein Spaßvogel ein hölzernes Steuerrad zum Ausreiten des Klangorkans montiert hatte, als einen Dirigenten auf der Höhe der Zeit. Als Profi, der solche Brocken gekonnt stemmt, ohne Berührungs-Angst oder traditionsfixierte Verkrampfung.

Yuja Wang begeistert mit Schostakowitsch-Show

Eine ganz andere Art von Brillanz prägte den anders sensationellen ersten Teil dieses Abends. Die beiden Schostakowitsch-Klavierkonzerte, mit Yuja Wang als Solistin. Ihre bisherigen Elbphilharmonie-Auftritte waren nicht gänzlich komplikationsfrei gelaufen: Im Sommer 2017 war sie bei Brahms‘ 1. Klavierkonzert Klassen besser gewesen als die rumpelnden St. Petersburger Philharmoniker; im letzten Juni, mit dem 2. Schostakowitsch-Konzert und den Luxemburger Philharmonikern, hatte die störend rauschende Klimaanlage sie aus dem Takt gebracht.

Nun aber: freie Bahn, voller, toller Einsatz. Und das Stück, das diese Pianistin nicht mit atemberaubender Trefferquote und lässig wirkender Leichtigkeit in den Griff bekommt, muss wohl erst noch komponiert werden. Im ganz leicht galligeren ersten Klavierkonzert jonglierte Wang mit dem kristallinen Drive ihrer Passagen, nur hin und wieder deutete sie an, wie viel Reserven sie noch hat.

Im langsamen Satz überließ sie dem NDR-Solo-Trompeter Pedro Miguel Freire das sprichwörtliche Rampenlicht für sein leicht bluesiges Solo, im Schluss-Presto sauste sie, weil sie es nun mal kann, mit circenischer Melodieverliebtheit durch die Läufe, die Linke mit einem Punch wie der legendäre Erroll Garner.

Wang spielte mit meisterhaft ausgereizter Feinmotorik

Eleganter, süffiger und schwungvoller auftrumpfend folgte das F-Dur-Konzert. Hier war Wang noch mehr Notendompteuse, hier wollte sie sich ganz offenkundig einen schönen Abend mit diesem kurzen, glitzernden Bravourstück machen, das wie ein überdrehtes Tschaikowsky-Konzert begann. Im Andante zauberte Wang einen Balance-Akt zwischen Ravel- und erlesener Salonmusik-Tristesse in die Tasten, das Allegro-Finale lebte von der meisterhaft ausgereizten Feinmotorik, mit der Wang spielte.

Weniger belastungsresistente Virtuosen hätten, ermattet um Pause bittend, danach höchstens noch eine Petitesse zugegeben. Wang aber gönnte sich, als wäre das nichts, nach der Liszt-Bearbeitung von Schuberts „Gretchen am Spinnrade“ auch noch Horowitz‘ knöchelbrechende „Carmen“-Variationen, und auch die gänzlich ohne Zusatzfinger.

Das Konzert wird am Freitag, 13.9. wiederholt. Nächstes Gilbert/NDR-Konzert: 19.9., 20 Uhr, Laeiszhalle: Zwei Sinfonien und eine Sinfonia Concertante von Haydn. Karten: 12 bis 62 Euro. Yuja Wang gibt am 13.3. einen Klavierabend in der Laeiszhalle, mit Werken von Bach, Debussy und Schönberg. Karten ab 23,50. CD-Tipp: Yuja Wang „The Berlin Recital“. Rachmaninow, Skrjabin, Ligeti, Prokofiew (DG, ca. 8 Euro)