Elbphilharmonie

Die Grandbrothers und die Rache der ausgetüftelten Technik

Die Künstler Lukas Vogel und Erol Sarp bei einem ihrer Auftritte.

Die Künstler Lukas Vogel und Erol Sarp bei einem ihrer Auftritte.

Foto: Grandbrothers

Das Neoklassik-Duo erweitert sein Programm im Großen Saal ins Cinemascope-Format. Nur der Sound offenbart ein Problem.

Hamburg.  Ein präpariertes Klavier ist was für Anfänger. Die Grandbrothers hingegen sind Profis. Erol Sarps Flügel ist bestückt mit unzähligen Hämmerchen, Kabeln, Dioden, Tonabnehmer. Die Lukas Vogel mittels diverser elektronischer Gerätschaften bedient – zu hören ist ein Zirpen und Pochen, ein Knacksen und Scharren. Was Sarp und Vogel machen, ist elektronische Musik, deren einzige Geräuschquelle freilich der Flügel bleibt. Bastlerklassik.

Beim Konzert am Sonntagabend in der Elbphilharmonie aber brechen die Grandbrothers dieses interessante, auf Dauer aber auch einen etwas gleichförmigen Sound provozierende Prinzip auf. Begleitet wird das Duo diesmal von einem zehnköpfigen Ensemble, vier Streicher, vier Bläser, analoges Schlagzeug und Marimbaphon. Und diese Begleitung vergrößert die Grandbrothers-Stücke ins Cinemascope-Format: Wo die Grandbrothers sonst eine so minimalistische wie hypnotische Struktur immer wieder variieren – langsamer, stiller Anfang, rhythmisches Piano, drängender Technobeat, stiller Ausklang – da schwelgen jetzt die Streicher, da stürmen die Bläser hymnisch los, da gibt das Schlagzeug einen satten Rhythmus vor.

Klavierklänge gehen unter

Das Problem bei der Sache: Der Sound ist extrem dicht, die filigranen Momente der Grandbrothers-Ästhetik versumpfen manchmal in einer Suppe aus Klängen, das Klavier als eigentlich die Melodie tragendes Instrument ist kaum noch zu hören. Da rächt sich die ausgetüftelte Technik, die die Grandbrothers-Stücke prägt, weil sie eine Erweiterung um andere Instrumente kaum zulässt. Überdeutlich wird das in den Duostücken, bei denen das Begleitensemble Pause hat, dem still klimpernden „Honey“ etwa, bei dem man sich nicht vorstellen möchte, wie Streicher diese fragilen Harmonien in den Kitsch treiben würden.

Was ja ohnehin ein Vorwurf ist, der den Vertretern der Neoklassik gerne gemacht wird: dass hier vor allem harmonischer Wohlklang produziert werde, Kitsch gar. Auch die Grandbrothers sind nicht frei von solchen Anwandlungen, auch ihre Musik hat eine Tendenz zur Harmonieseligkeit. Die das Duo allerdings durch Bodenständigkeit zu brechen weiß: Sarp und Vogel sind keine ätherischen Elfenbeinbewohner, sondern zwei Bastler aus dem kaum elfenbeinturmhaften Ruhrgebiet, die immer wieder selbst erstaunt scheinen, welche Klänge sich aus einem Flügel holen lassen. Und die ein besonders harmonisches Stück prosaisch „Wuppertal“ nennen, nach Sarps ganz und gar nicht abgehobener Geburtstadt.

Künstler mit Bierflasche auf der Bühne

Zwischen zwei Stücken greift der Pianist zur Bierflasche, deutet ein Prost an und lässt dann den Blick durch den (nicht bis auf den letzten Platz ausverkauften) großen Saal der Elbphilharmonie gleiten. „Ihr dürft hier ja gar nichts trinken!“, stellt er überrascht fest und setzt die Flasche wieder ab. „Dann mach’ ich das auch nicht.“ Ein unsicheres Lächeln, ein bisschen schlechtes Gewissen, ein wenig Durst. Und dann setzt der Charmebolzen zum nächsten Stück an, harmonisch, sanft, verspielt.