Hamburg

Teenager, die sich Erstaunliches zutrauten – und es konnten

Das National Youth Orchestra of the USA mit Sir Antonio Pappano und Joyce DiDonato in der Elbphilharmonie.

Das National Youth Orchestra of the USA mit Sir Antonio Pappano und Joyce DiDonato in der Elbphilharmonie.

Foto: Chris Lee

National Youth Orchestra of the USA, Sir Antonio Pappano und Joyce DiDonato mit Berlioz und Strauss in der Elbphilharmonie.

Hamburg.  Wie schön, dass die deutsche Sprache so sinnige Steigerungsmöglichkeiten erlaubt. Es gibt „Glück“, es gibt „Seligkeit“, und es gibt „Glückseligkeit“. Genau das strahlte, und zwar mit enormer Leuchtkraft, aus dem Gesicht einer asiatischen Geigerin am Bühnenrand, als das reguläre Konzertprogramm zu ihrem riesigen Bedauern tatsächlich vorbei war. Sie grinste, glückselig, bis weit hinter beide Ohren – und das, was sie sich dabei immer wieder aus den Augen wischte, dürften eher keine Staubkörnchen gewesen sein.

Hinter ihr und um sie herum und begeistert in der Gefühls-Zentrifuge beklatscht: die anderen rund 120 Musikerinnen und Musiker, das National Youth Orchestra of the USA, ähnlich strahlend. Alle gerade mal zwischen 16 und 19 Jahre jung, schwarze Musterschüler-Blazer und knallrote Hosen, dazu aber schwarze Chucks an den Füßen. Hinter allen lag eine Aufführung von Strauss’ „Alpensinfonie“, der größtorchestralen Höhenwanderung auf einen vertonten Berggipfel und wieder bergab. Und fast unmittelbar neben der Geigerin im Großen Saal der Elbphilharmonie: Sir Antonio Pappano, ansonsten Chefdirigent von Covent Garden in London und in dieser Funktion dafür bekannt, gut mit voll ausgereiften Egos zu können und sie elegant auf Händen durchs jeweilige Stück zu tragen. Hier war er vor allem Motivationstrainer und Nachwuchs-Pädagoge, für ein Orchester, das sich Erstaunliches zutraute und es konnte.

Kleinere Fehler störten nicht

In diesem Moment war reichlich egal, dass vieles auf beachtlich hohem Niveau gelungen war, aber eben auch nicht alles. Strauss happens. Es war egal, dass Trompeten bei den ganz hohen Tönen ins Straucheln kamen, das passiert auch erwachseneren Profis. Es war ebenfalls egal, dass Pappano nicht immer sofort straff regulierend eingriff, wenn der Spaß am saftig durchgezogenen Forte mit den Teenagern durchging.

Womöglich war Pappanos Gedanke dahinter, das als eine Art Belohnung fürs fast schon übereifrige Bravsein beim ersten großen Programmpunkt durchgehen zu lassen. Denn in Berlioz’ Liedzyklus „Les nuits d’été“, wie gemacht für Joyce DiDonatos wendig-schmalen Mezzo­sopran, war vor lauter adretter, doch sehr leiser Ehrfurcht kaum noch etwas von den mal satt, mal dezent schillernden Klangfarben und Nuancen zu hören. Auch die raffinierten Orchestrierungsdetails blieben oft ungestaltet, sie wurden nur durchbuchstabiert.

Für DiDonato war das durchaus dankbar, sie konnte so auf ihrer Position oberhalb der hohen Streicher jedes Wort, jede Silbe auskosten und ausreizen. Nicht ohne Grund gab es immer wieder Zwischenbeifall. Doch andererseits: ziemlich egal, das Understatement, eigentlich. Die Glückseligkeit stellte sich schließlich auch ohne erotische Aufheizung ein. Applaus, Applaus, Applaus, und bevor sich 130 US-amerikanische Augenpaare von dem Saal-Panorama verabschieden mussten, drehten sie mit dem todtraurigen „Nimrod“ aus Elgars „Enigma Variations“ und Rossinis fröhlich rappelnder „Wilhelm Tell“-Ouvertüre schnell noch zwei Zugaberunden.

CD-Tipp „Joyce & Tony. Live at Wigmore Hall“ Arien, Canzoni, Musical-Songs (Warner, 2 CDs, ca. 15 Euro).