Gansgta-Rap

187 Strassenbande: Gar nicht nett – und deshalb erfolgreich

Tätowiert und flink
mit der Zunge: 187
Strassenbande hat
nicht nur in Hamburg viele Fans.

Tätowiert und flink mit der Zunge: 187 Strassenbande hat nicht nur in Hamburg viele Fans.

Foto: Imago Stock

Polizeibekannte Hip-Hopper aus Hamburg punkten bei jungen Hörern mit gezielten Provokationen. Auch Kollegah kann das.

Hamburg.  Sprechen wir doch erst einmal über das Wort und das Wirklichkeitsmodell „Alpha“. Alphatiere, so nennt man sie im normalen Sprachgebrauch meistens, sind die, die vorneweg laufen. Die mit dem Horizont vor Augen und nichts anderem. Die, die nach Zielen streben, am Ende wahrscheinlich vor allem: nach Geld. Darauf läuft es doch am Ende immer hinaus.

Das mit dem Horizont, der als Einziges im Blickfeld eines Alphatieres sein dürfe, stammt übrigens von Kollegah, der derzeit als Deutschlands erfolgreichster Rapper gilt. Kollegah (das ist auch der, der mit Farid Bang und verstörenden Zeilen wie „Mein Körper ist definierter als der von Auschwitzinsassen“ den Echo eliminierte) sagt natürlich nicht „Alphatier“. Er sagt „Alpha“. Und er sagt außerdem, dass man nie, wirklich nie „auf den Arsch irgendeines Anführers“ gucken solle.

Gangsta-Rap glorifiziert das eigene Ich

Das ist sozusagen das oberste Boss-Gebot. Und er, Kollegah, ist ein Boss. Reich und verehrt. Nett ist er, ausweislich seiner Texte („Den Aufwand von früher, um paar Weiber zu knall’n/Brauch ich heute, um sie mir vom Leibe zu halten/Ey yo, der Boss gibt wieder Pimp-Slaps an die miesen Hur’n im Stripclub,/bis sie sich an der Stange dreh’n wie Spielfigur’n am Kickertisch“), sicher nicht. Er würde sagen: Wer der Boss ist, der darf auch gar nicht nett sein. Da dürfte übrigens durchaus etwas dran sein: Chefs dürfen zumindest nicht immer nett sein.

Zurück zu Kollegah und Alpha. Das Buch des Bodybuilder-Rappers heißt „Das ist Alpha!“ und ist für, sagen wir, Zwölfjährige eine echte Bibel. Sagt ihnen, wie das geht mit dem Boss-Sein. Boss-Sein bedeutet zunächst einmal, kein Loser zu sein. Noch mehr als Kollegahs Alpha-Regeln saugen seine Fans die derben Songzeilen. Derbe heißt immer das Gegenteil von nett, versteht sich. Gangsta-Rap glorifiziert das eigene Ich, seinen Aufstieg, den Hass auf Autoritäten, was oft verbunden ist mit vielerlei Aspekten von Kriminalität. Homophobie und Sexismus dürfen nicht fehlen. Provokation ist das eine, Allmachtsfantasien sind das andere.

Perfekt durchgestylte Bühnenfigur

Kollegah, der abgebrochene Student der Jurisprudenz, ist das perfekte Beispiel für die Installierung einer perfekt durchgestylten Bühnenfigur. Nehmen wir einfach mal an, dass die meisten seiner Fans im Teenager-Alter ihn als das verstehen, was er eben ist: eine Inszenierung. Anders verhält es sich mit der Hamburger Hip-Hop-Gruppe 187 Strassenbande, die zuletzt ebenso erfolgreich wurde wie ihr Kollege.

Was 187 Strassenbande jedoch in den Augen mancher Gangsta-Rap-Liebhaber noch attraktiver macht, ist ihre Authentizität. Die Mitglieder – der bekannteste ist Rapper Gzuz – vereinigen etliche Vorstrafen auf sich. Körperverletzung und Drogendelikte, wessen man sich halt so schuldig machen kann, wenn man erst einmal nicht nett sein will.

„Punchlines“ heißen die derbsten Zeilen

„Bis der Richter mich verknackt, mach ich Mitternacht mein Schnapp/Die Kisten sind verpackt mit den allerdicksten Buds/Lauf’ ’ne Stunde in mei’m Viertel rum, vertick’ ein bisschen Natz/Und für Freunde, die verstorben sind, verkippe ich den Schnaps“ und „Mir geht’s nicht um Fame,/nein mir geht es um Klunker/Kiez hoch und runter Mercedes 500 CL 500, Mädels woll’n Nummer/Bei Fans wird gebunkert/Kundschaft, Umsatz, steuer mein Schwanz/Kinder werden Gangster, statt Feuerwehrmann/Digga, was wollen alle diese Leute von mir?Morgen bin ich tot, also heute riskier’n/Euros kassier’n, polnisches Bier/Joints konsumier’n, ah volltätowiert“.

Das sind die Textzeilen von 187 Strassenbande. Begabte Rapper sind sie alle, flink mit der Zunge; wer sich auf YouTube ihren Auftritt bei Rock am Ring anschaut, der sieht ein Publikum außer Rand und Band. Der brave Bürger schüttelt den Kopf.

Ordinäre Anarcho-Rhetorik

Im Gangsta-Rap geht es mindestens um Selbstermächtigung. Um die Modellierung des eigenes Ichs, für die man manchmal andere Ichs zertrümmern muss. „Punchlines“ heißen die „krassesten“, rebellischsten, gewaltverherrlichendsten Zeilen. Im Hip-Hop ist das Gangsta-Rap-Genre das beliebteste. Man kann das auch, siehe Rock am Ring, hören, wenn man älter als 20 ist. Aber jung genug muss man sein, um Druck ablassen zu müssen vor dem Eintritt ins wahre Erwachsensein, um Erleichterung zu suchen in der propagierten Regellosigkeit tätowierter Rap-Rabauken, die im Fall 187 Strassenbande Wert auf ihren Delinquenten-Status und ihre Kredibilität legen.

Noch logischer erscheint die Anziehungskraft auf dem Schulhof, wo mit Materialismus, Geprotze und ordinärer Anarcho-Rhetorik heimliche und gar nicht heimliche Wunschvorstellungen von Männlichkeit bedient werden. Soft, also nett will man mit 14 nicht sein. Man ist präpotent und überspielt Unsicherheiten. Und man hört am liebsten die Musik, die die Eltern ganz sicher nicht hören.