Hamburg

"Seid nett zueinander" – wie es damals war

Auf ins Eheglück: Zwei Schimmel brachten Paare in der Hochzeitskutsche des Abendblatts zum Traualtar – ein Foto in adventlicher Kulisse am Jungfernstieg aus dem Jahr 1966.

Auf ins Eheglück: Zwei Schimmel brachten Paare in der Hochzeitskutsche des Abendblatts zum Traualtar – ein Foto in adventlicher Kulisse am Jungfernstieg aus dem Jahr 1966.

Foto: HA/Gunnar Brumshagen

Am 14. Oktober 1948 erscheint das erste Abendblatt. Axel Springer setzt gegen die Härte der Nachkriegszeit auf Nächstenliebe.

Hamburg. Als das Motto mit den drei Wörtern Gestalt annimmt, liegt Hamburg in Schutt und Asche. Allein bei der Operation Gomorrha im Sommer 1943 haben 55.000 Hamburger ihr Leben gelassen. Flüchtlinge irren durch die zerbombte Stadt, Tausende hausen in Behelfsunterkünften wie Bunkern oder Nissenhütten.

Es ist Anfang 1946, als Verleger Axel Springer mit Weggefährten im dritten Stock des Flakbunkers am Heiligengeistfeld die Pläne für eine Tageszeitung für Hamburg entwirft. Die für 3 Mark am Tag gemieteten Schreibmaschinen werden an Wochenenden zurückgegeben, um Miete zu sparen. Über Bleistiftstummel werden Verlängerer gestülpt, neue Stifte sind teuer. Das untere völlig offen stehende Geschoss im Bunker wird im strengen Winter 46/47 zum Eisblock, dicke Mäntel gehören zur Dienstkleidung.

Vielleicht ist es diese Kälte, die den Wunsch nach Herzenswärme auslöst. Als das Abendblatt mit acht Seiten für 20 Pfennig am 14. Oktober 1948 erstmals erscheint – der abergläubische Verleger hatte den für den 13. Oktober avisierten Start um einen Tag verschoben –, liefert Werbeleiter Hans-Heinrich Schreckenbach den Slogan „Seid nett zueinander“. Der Spruch aus den gerade bezogenen Verlagsräumen im Hinterflügel der Volksfürsorge An der Alster 61 trifft den Nerv der Zeit: Herz gegen Härte.

Wir sagten einfach: „Seid nett zueinander“

„Das ist später viel bespöttelt worden“, sagte Springer viele Jahre später in einem Interview: „Aber es hatte eine besondere Gültigkeit. An der Rothenbaumchaussee in Hamburg liefen die jungen Männer herum in alten Uniformen, entlassene Soldaten, entlassene KZ-Häftlinge. Unter Hitler war nur Hass gepredigt worden. Nach dem Krieg blühte das Denunziantentum. Und wir sagten einfach: „Seid nett zueinander“.

Drei Wörter, eine Idee. Wer in frühen Abendblatt-Ausgaben blättert, spürt ihre Kraft in Zeiten der Not mit Schlagzeilen wie „Bürgermeister Brauer protestiert gegen die Brotkürzung“ oder „Kindernot unter Nissenhüttendächern – nicht einmal nachts finden sie Ruhe“. Gegen das Elend sendet die Redaktion im Zeichen von „Seid nett zueinander“ zum Frühlingsanfang 1952 Blumengrüße: Studenten überreichen „Hamburgs Frauen und Mädchen“ 120.000 Sträußchen, die ganze Ernte der Vierlande. „In der Telefonzentrale des Verlags standen die Apparate nicht still. Von überall kam Dank und Anerkennung für diese freundliche Idee. Die Damen des Schreibzimmers 9 der Schliemann-Ölwerke sangen im Chor in die Sprechmuschel: ‚Nun will der Lenz uns grüßen.‘“

72 Jahre alter Fuhrmann fährt die Paare

Ebenfalls 1952 – das Fernsehen sendet erstmals zwei Stunden jeden Abend durchgehend Programm für die 2000 TV-Empfänger (Abendblatt: „Die Welt kommt in die Stube“) – feiert die weiße Hochzeitskutsche ihre Premiere. Harry Sparr, ein 72 Jahre alter Fuhrmann, chauffiert mit dunklem Zylinder und weißem Mantel Anneliese Burmeister und Herbert Schüll von der Hagedornstraße zur Eppendorfer Johanniskirche. Täglich ziehen fortan die Schimmel Blitz und Ritz Paare Richtung Traualtar. „Ein weißer, leuchtender, freundlicher Fleck in unserem manchmal harten und düsteren Alltag“, schreibt das Abendblatt.

Fast sieben Jahrzehnte später lässt sich natürlich nicht mehr konstruieren, wie diese Zeilen genau entstanden sind. Aber es könnte sehr wohl sein, dass der Verleger höchst selbst zumindest den Impuls gab. Denn gleich zweimal ist in dem Artikel von der „Leserfamilie“ die Rede. Der Familiengedanke war Axel Springer so wichtig, dass er in seinem Lizenzantrag für das Abendblatt an die Militärregierung schrieb: „Wirkliches und dauerndes Vertrauen, das ist meine Überzeugung, hat nur eine Zeitung, die Eingang in die Familie findet.

„Das Abendblatt war sein Kind – von der ersten bis zur letzten Zeile“, hat der 2016 verstorbene Prof. Peter Tamm, als Journalist und späterer Vorstandsvorsitzender einer der engsten Wegbegleiter Springers, dieser Redaktion einmal gesagt. Der Verleger kam zu fast jeder Konferenz und holte aus seinen Taschen Zettel mit Notizen, was die Redaktion unbedingt anpacken sollte.

Begegnung mit einem hanseatischen Kaufmann

Gern erzählte Springer bei geselligen Anlässen von seiner Begegnung mit einem hanseatischen Kaufmann. Der hatte dem Jungverleger im Hotel Vier Jahreszeiten auf die Schulter geklopft und gefragt: „Wie geht es eigentlich Ihrem Blatt? Ich lese es zwar nicht, aber meine Frau und Töchter, die schwören drauf.“ Springer antwortete: „Das freut mich, genau darauf kommt es mir an.“

Der Redakteur Klaus Losch war beim Abendblatt das personifizierte „Seid nett zueinander“. Schon 1949 flanierte er, ausstaffiert mit Bart und Brille, als „Herr Lombard“ durch die Stadt. Wer ihn zuerst erkannte, erhielt 100 D-Mark. Ein anderes Mal betrat er ein Geschäft oder ein Restaurant und übernahm die Rechnung. Einmal stieg Klaus Losch ohne Kleingeld in eine Straßenbahn, der Schaffner konnte nicht wechseln: „Ich hätte aussteigen müssen, wenn er nicht in seine Tasche gegriffen und meinen Fahrschein selbst bezahlt hätte. War das nicht nett?“ Fortan belohnte Losch als Herr Lombard jeden Tag fünf solch guter Taten mit jeweils 20 Mark – der freundliche Schaffner wurde als Erster belohnt.

1954, im Jahr des WM-Siegs der „Helden von Bern“, entstand durch „Seid nett zueinander“ sogar eine Aktion, die Leben retten sollte. Ein knappes Jahrzehnt nach Kriegsende beschleunigte der wachsende Wohlstand die Motorisierung auf den Straßen: Auch in Hamburg konnten sich immer mehr Bürger ein Auto leisten. Doch mit dem Ansturm auf die Kfz-Händler stiegen die Unfallzahlen, viele Fußgänger wurden angefahren. Auf Initiative der Vereinten Nationen entstanden weltweit gestreifte Fußgängerüberwege auf den Straßen.

Für „Ritter am Steuer“ warten drei Belohnungen

Auch in Hamburg wurden auf dem Asphalt „Dickstrichketten“ gepinselt, wie sie damals in der Verwaltung hießen. Der England-affine Springer fand den dort gebräuchlichen Namen „zebra crossing“, also Zebrastreifen, besser, der Impuls für die „Aktion Zebra“. Das passende Logo – ein erhobenes Hauptes schreitendes Zebra – entwarf ein Grafiker. Das Abendblatt appellierte: „Helfen Sie, dass diese Überwege nicht nur zu einer Brücke der Sicherheit, sondern auch zu einer Brücke des guten Verstehens zwischen Fußgänger und Autofahrer werden.“

Und ganz im Sinne von „Seid nett zueinander“ setzte die Redaktion in Kooperation mit der Verkehrspolizei auf Belohnen statt Strafen. Polizisten notierten an Zebrastreifen „alle Kraftfahrer, die sich an diesen Stellen als Ritter am Steuer zeigen und dem Fußgänger die Möglichkeit geben, in Ruhe und Sicherheit die Straße zu überqueren“. Nach einer bestimmten Zahl von „Gutpunkten“ gab es gleich drei Belohnungen: die Plakette mit dem Zebrastreifen für die Windschutzscheibe, ein Ausrüstungsstück für das Fahrzeug und die Veröffentlichung seines Namens im Abendblatt. Zwei Jahre später appellierte das Abendblatt: „Liebe Autofahrer. Die Straßen sind voller Matsch. Bitte seid nett zueinander, fahrt langsam, nehmt Rücksicht auf die Kleidung der Passanten.“

Typisch Springer auch die Nikolaus-Aktion: „Habt ein Herz und schaut Euch um“, titelte das Abendblatt. Verlagsmitarbeiter versteckten jedes Jahr in Hamburg in der Vorweihnachtszeit 500 kleine grüne Nikolaus-Pantoffeln. Für jeden Pantoffel gab es in der Abendblatt-Geschäftsstelle zwei Weihnachtspäckchen: eines für den Finder, eines für eine armen und einsamen Hamburger. Der Clou: Der Finder sollte das zweite Päckchen selbst überbringen. 1952 schlug die Geburtsstunde der Aktion von „Mensch zu Mensch“. Seit fast sieben Jahrzehnten kann nunmehr dank vieler Spenden Menschen in Not geholfen werden – alle Verwaltungskosten trägt der Verlag.

Der Küchentisch wird zur königlichen Tafel

Einmal leistete sich die Redaktion eine Umfrage bei „Seid nett zueinander“. Mehr als 21.000 Leserinnen und Leser füllten einen von einem Ehepsychologen entwickelten Fragebogen aus. Wie sieht der ideale Mann? Was entspricht dem Bild einer Traumfrau? Die Antworten entsprachen nicht so ganz den moralischen Leitbildern der 1950er-Jahre. Geradezu entsetzt war das Abendblatt darüber, dass jede dritte Frau ihrem Mann „die kleinen Laster“ missgönne: „Durch nichts wird das Gefühl der Unfreiheit in Männern mehr geweckt als durch Ermahnungen zum Thema Zigaretten, Alkohol, Kaffee und Essen.“

Viel besser sei die gepflegte morgendliche Unterhaltung: „Einige freundliche, ermunternde Worte erheben auch den kärglichsten Küchentisch zur königlichen Tafel.“ Auch deshalb, so hieß es im Abendblatt, sei morgendliches Zeitunglesen dem Eheglück abträglich – für Zeitungsmacher eine erstaunliche Erkenntnis. Und doch kaufmännisch weise: Denn das Abendblatt erschien in jenen Jahren erst mittags.