Nienstedten

Hamburger Schriftstellerin Brigitte Kronauer gestorben

Die Hamburger Autorin Brigitte Kronauer starb im Alter von 78 Jahren (Archivbild).

Die Hamburger Autorin Brigitte Kronauer starb im Alter von 78 Jahren (Archivbild).

Foto: dpa/Daniel Reinhardt

Büchner-Preisträgerin starb im Alter von 78 Jahren nach schwerer Krankheit. Kronauer schrieb unter anderem "Teufelsbrück".

Hamburg.  Gerade eben war es wieder einmal soweit. Ein Literaturkritiker und Autor, in diesem Fall Karl-Heinz Bohrer, urteilte harsch die Gegenwartsliteratur ab. Es fehle der Wille zur Form, die „kognitive Kraft beim Schreiben“ hieß es schön grundsätzlich in der „Welt“. Der Wille zur Form: Was für ein seltener Anspruch in Zeiten, in denen von Kulturgütern immer dringlicher Bekömmlichkeit und Entertainment eingefordert werden, in denen Geduld zum raren Gut geworden ist. Von Brigitte Kronauer durfte man jenen Anspruch, der ein formaler Wagemut ist, einfordern, und das immer wieder aufs Neue.

Sie erzählte in ihren Romanen, elf sind es an der Zahl, nicht einfach über Menschen und ihre Beziehungen zueinander, um ihre Prosa einmal auf einen ganz einfachen Begriff zu bringen. Nein, sie gab diesem allzu Menschlichen eine Aura der Feierlichkeit. Die sozialen Vorgänge sind in Kronauers Romanen nicht banal, sie sind die mit sprachlicher Finesse auf die Spitze getriebene hochgestimmte Gesamtheit dessen, was man Leben nennt. Dabei war die seit 1974 in Hamburg-Nienstedten lebende Schriftstellerin eine Menschenkennerin, die sich über ihre Betrachtungsgegenstände keine Illusionen machte.

Böser Blick auf ihre Figuren

Man durfte ihr stets einen bösen Blick attestieren, den sie auf ihre Figuren warf. Und diese aufeinander. „Ich bin kein Menschenfreund. Die viel gepriesene Menschenliebe ist mir im Grunde unbegreiflich“, sagt einer in dem 2016 erschienenen Roman „Der Scheik von Aachen“. Dennoch sind es bis auf diese Ausnahme nie stumpfe Misanthropen, die Kronauers Bücher bevölkern. Es sind vor allem scharfzüngigere Abbilder unserer selbst, lustvoll nach dem strebend, was sie als ihren Anteil am großen Ganzen betrachten. Vom Verlangen, alltägliche Dramen mit Inbrunst zu leben In ihrer vor Detailfreude und Beschreibungsfuror berstenden Prosa versammelte Brigitte Kronauer ein Panoptikum der Sehnsüchte. Und sie schuf dabei ein Wimmelbild des Humanen, um an dieser Stelle auf ihren Roman „Gewäsch und Gewimmel“ (erschienen 2013) anzuspielen.

In Essen geboren

Ihrer Wahlheimat Hamburg schenkte die 1940 in Essen als Tochter eines Prokuristen geborene Schriftstellerin, die einige Jahre in Aachen und Göttingen als Deutschlehrerin arbeitete, vor allem einen großen Roman. „Teufelsbrück“ (erschienen 2000) hat im Kanon der literarischen Hamburgensien einen unverrückbaren Platz. Man kann sicher sagen, dass die belesene und gebildete Schriftstellerin Kronauer ihre Leser nie um der bloßen Unterhaltung willen mit schnöder erzählerischer Handlung umgarnte. Sie suchte viel eher mit gewaltigen und doch feingesponnenen Wortkaskaden die Imaginationskraft der Leser zum Sprudeln zu bringen. Manchmal, wie in „Verlangen nach Musik und Gebirge“ (2004), bewegte sie sich in essayistischen Gefilden.

Die Polizei vor der Tür

In Erinnerung aber bleiben vor allem ihre Romanhelden, besonders, weil sie nicht selten durch- und getrieben sind – vom Verlangen, alle alltäglichen Dramen mit Inbrunst zu leben. Dem anderen tritt man dort auch gerne boshaft entgegen, weil man etwas zu verlieren hat. Wenn man Kronauer in ihrem Haus in Nienstedten besuchte, in dem sie gemeinsam mit ihrem Ehemann, dem Galeristen und Kunstkritiker Armin Schreiber, sowie dem Maler Dieter Asmus lebte, trat einem eine zierliche, entzückende Dame entgegen. Die bereitwillig darüber Auskunft gab, wie es einst war, als 1968-beseeltes Dreiergespann in einen bürgerlichen Stadtteil zu ziehen. Einmal, erzählte sie und zog dabei an der Zigarette, die sie stets nur in Gesellschaft rauchte, habe plötzlich „die Polizei vor der Tür“ gestanden, „jemand aus der Straße hatte uns des Terrorismus verdächtigt“.

Mit Preisen überhäuft

Und dann sprach sie von den Menschen in ihren Romanen, die sich der Welt gegenüber öffnen, die diese in sich hineinsaugen, mit dieser Welt als Gegenstand der Be- und Verwunderung, „mir ist die Zeit zu knapp, um einen reinen Unterhaltungsroman zu schreiben“. Für genau diese Ambition haben sie nicht wenige Leser, aber vor allem viele Kritiker geliebt. Brigitte Kronauer, deren erster Roman „Frau Mühlenbeck im Gehäus“ 1980 erschien, bekam fast alle namhaften Preise im deutschen Sprachraum zuerkannt: Ihr Werk wurde unter anderem mit dem Fontane-Preis der Stadt Berlin, mit dem Heinrich-Böll-Preis, dem Hubert-Fichte-Preis der Stadt Hamburg, dem Joseph-Breitbach-Preis, dem Jean-Paul-Preis und dem Thomas-Mann-Preis ausgezeichnet. 2005 wurde ihr von der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung der Büchner-Preis verliehen.

Bis zuletzt arbeitete die Schriftstellerin, die auch den liebevollen Blick auf die Dinge kannte, besonders auf die Hervorbringungen der Natur. Für den 9. August hat ihr Verlag das Buch „Das Schöne, Schäbige, Schwankende“ angekündigt. Der Veröffentlichungstermin wurde einige Wochen nach vorne verlegt. Dennoch war es Brigitte Kronauer nicht vergönnt, das Erscheinen ihres letzten Werkes zu erleben. Wie ihr Verlag Klett-Cotta am Dienstag bekannt gab, verstarb die Büchner-Preisträgerin im Alter von 78 Jahren nach langer und schwerer Krankheit am Vormittag des 22. Juli in Hamburg. Brigitte Kronauer zählte über Jahrzehnte zu den wichtigsten deutschsprachigen Autorinnen. So wie sie schrieb niemand sonst.