Buch-Tipps

Es ist Sommer, lesen wir doch mal etwas Leichtes

Literarische Hamburgensien zwischen St. Pauli und Südfrankreich: aktuelle und unterhaltsame Romane im Verdaulichkeit-Test.

Hamburg.  Immer dieser Stilwille und Anspruch in der Literatur … Wir wollen uns jetzt im Sommer der leichten Muse hingeben. Wir wollen Bücher lesen, die so umstandslos geschrieben wurden, dass sie geradezu gewichtslos sind. Und ganz leicht verdaulich. Kein bedeutungshuberisches Herumwälzen, sondern Liebe und Drama. Das Abendblatt hat fünf Bücher mit Hamburgbezug getestet und für jedes von ihnen „Leichtverdaulichpunkte“ verteilt. Lesen Sie hier, wer am meisten bekommen hat.


Petra Hülsmann: „Meistens kommt es anders, wenn man denkt“ (Bastei Lübbe, 12 Euro)

Titelfaktor: Da wird nicht lange gefackelt und voll auf Hintersinn gesetzt. „Meistens kommt es anders, wenn man denkt“: Wenn ein Buch so heißt, kann es kein ganz schlechtes sein. 10/10.

Plotfaktor: Nele aus Hamburg fängt bei einer berühmten Hamburger PR-Firma an. Vorher hatte sie ein bisschen mit Herzscheiße zu kämpfen. Aber die PR-Firma wird sie kurieren, denn in PR-Firmen arbeiten die allernettesten Leute. Claas ist so einer, ihr Chef. Mit dem bandelt Nele an. Nebenbei wuppt Nele die Imagekampagne für den Politiker Rüdiger Hofmann-Klasing. Und kümmert sich um ihren kleinen Bruder Lenny, der das Downsyndrom hat. Neledampf in allen Gassen. Wie aus dem echten Leben. 9/10.

Heldenfaktor: Nele ist super. Nele hat viel Gefühl, viel Verstand und viel Empathie. Sie ist Politikerflüsterin und PR-Profi. Nur böse Menschen wie der Neidhammel Julian, der in der Agentur selbst halt einfach nicht vorankommt, verwechseln echte Liebe mit sexueller Karrierestrategie. Nele ist eine zum Pferdestehlen. Wir sind alle ein bisschen Nele, oder? Heldinnen des Alltags. 9/10.

Lebenshilfefaktor: „So’n Herz hält ganz schön viel aus. Das ist zäh.“ Stimmt nur bei drallen Hamburgerinnen. 5/10.

Herzfaktor: Nele stellt fest, „dass Claas mehr als nur ein netter Chef für sie ist und dass er ihr Herz ganz schön zum Stolpern bringt“. Nele geht mit Claas auf die Tanzfläche, als Elvis’ „Can’t Help Falling in Love“ läuft. „Mein Herz machte einen freudigen Hopser, und ich strahlte Claas an.“ 10/10.

Kitschfaktor: „Ach, ein bisschen Kitsch kann ja auch eigentlich nie schaden.“ 9/10.

Dialogfaktor: „Ich habe dieses Wort noch nie benutzt, aber bei dir fällt es mir sofort ein. Ich bin völlig hingerissen von dir.“ „Vielen Dank.“ Sprachliches Neuland und artige Replik – 10/10.
62 Leichtverdaulich-Punkte


Toni Gottschalk: „Konfetti im Bier“ (Liesmich, 14,95 Euro)

Titelfaktor: Wer noch nie Konfetti im Bier hatte, kann kein Fußballfan sein. „Konfetti im Bier“: ultraguter Titel für ein Fan-Buch. 10/10.

Plotfaktor: Merks, Jette, Stubbe. St.-Pauli-Ultras. Immer unterwegs im Dienste des Kicks. Auf dem Rasen und neben dem Rasen. Derby in Hamburg, auswärts in Dresden. HSV-Fans? Nicht mal Bock auf Keilereien mit denen, eigentlich, aber was muss, das muss. Dynamo-Fans? Hauerei sehr gerne, natürlich vor der Frauenkirche. Apropos: Ist eher so ’ne Männerwelt, hier bei den Ultras, aber eben nicht ganz, weil: Jette. Jette ist die Derbste. In Italien auch, wohin unsere drei Helden am Ende fahren, in die Heimat ihrer Fußballbewegung. Die Action der Kurve, die Zärtlichkeit der Rabauken, keine Macht den Nazis, Bier & Fußball, Hamburg-St. Pauli. Da ist man gerne Zaungast. 9/10.

Heldenfaktor: Ohne Ultras keine Stimmung? Hm. Ach, wollen wir mal nicht so sein: Sie geben sich ja immer Mühe, die Heroen des Hurra, Fußball ist, wenn alles andere wichtiger ist, zum Beispiel das „Auf sie mit Gebrüll“. 6/10.

Lebenshilfefaktor: „Also ich würde lieber ein warmes Becks als ein kaltes Astra trinken. Und niemals ein warmes Astra.“ Etwas Weiseres ward nie und von niemandem je ausgesprochen. 10/10.

Herzfaktor: „Irgendein Getränk. Irgendwas von ContraReal. ,Auf Sankt Pauli! Auf Sankt Pauli!‘.“ 9/10.

Kitschfaktor: „Trotzdem war es gerade dieses gemeinschaftliche Erleben von Ex­tremsituationen, das für ihn den Reiz an Fußball allgemein und Ultra im Speziellen ausmacht.“ Boa, ey, Diggi. Ist das kitschig. Und nach den Derby-Pöbeleien dann GEMEINSAM der Sonne beim Untergehen an der Elbe zuschauen, oder was? 10/10.

Dialogfaktor: „Wie spät issn das eigentlich?“ „Halb.“ „Halb was?“ „Spielt das für dich wirklich ne Rolle?“ „Nee, hassja recht. Zu früh, aber doch schon ganz schön spät. Gehssu eigentlich zur Demo?“ „Jou, aber vorher müssen wir die Choreo noch fertig machen.“ Es ist immer kurz vor Anpfiff. 10/10. 64 Leichtverdaulich-Punkte


Tania Schlie: „Die Kirschen der Madame Richard“ (Mira, 9,99 Euro)

Titelfaktor: Eine Kirsche, das ist Saft, Süße, Leben. Die Kirsche ist die rote Frucht der Leidenschaft. Aber wer ist eigentlich Madame Richard? Sind wir etwa in Frooonk­reisch? Oh, là, là! Unsere Neugierde ist maximal geweckt. 10/10.

Plotfaktor: „Pralle Lebenslust und Genuss für alle Sinne“, verspricht der Einband. Sieht ganz so aus: Miriam ist fast 50 und aus Hamburg. Und sie ist spontan. So spontan, dass sie sich während eines Urlaubs in Südfrankreich ein altes und dementsprechend charaktervolles Haus kauft – samt Kirschgarten. Der ist fast so wild wie der „unverschämt charmante Nachbar Philippe, der ihr Herz höherschlagen lässt“ (noch mal Einband). Miriam, die stolze, tatkräftige Hanseatin, muss nun beides domestizieren, Kirschgarten und Kerl. Prall, einfach nur prall. 10/10.

Heldenfaktor: Philippe, der Held des Maskulinen – Frauen lieben ihn, Männer wollen sein wie er. Denn er weiß Leidenschaft zu entfachen. Das erotische Feuer am Köcheln zu halten. Aber wenn ihm alles zu viel wird, die eigene Wirkung auf das in seiner Gegenwart erschwachende Geschlecht, verschwindet er tagelang in die Berge. Aber er hilft Miriam auch gegen die mörderische Konkurrenz der anderen Obstbauern, mit ihm ist wahrlich gut Kirschen essen! Und er kann reden. „Du“, sagt er zu Miriam, „bist anders als andere Frauen.“ 10/10.

Lebenshilfefaktor: Mit fast 50 ist L’Amour noch laaaaange nicht vorbei. L’Amour toujours, nie vergessen: Wir lesen dieses Buch mit der Gesetztheit des Alters, aber das Herz schlägt schnell. 10/10.

Herzfaktor: „Seine Haut war kühl und noch ein bisschen feucht. Er roch schwach nach etwas, das sie verrückt machte. Und sie glaubte zu fühlen, dass er kein T-Shirt anhatte.“ Herzkörper. 10/10.

Kitschfaktor: „Phi­lippe tauchte ein großes Stück Brot in das Olivenöl und streute ein paar Flocken Fleur de Sel darüber. ,Ich liebe dieses einfache Essen‘, sagte er. ,Ich mag alles, was einfach ist, ursprünglich.‘“ Philippe nun wieder! Olivenöl mit Brot, das ist der beste Mediterrankitsch der Welt. 10/10.

Dialogfaktor: „Ich bin dir so dankbar.“ „Ich wollte einfach, dass du deine Ernte einbringst.“ „Warum?“ „Weil ich will, dass du bleibst.“ „Ich habe doch nie etwas anderes gesagt.“ Aufrichtigkeit ist eine Tugend, in Deutschland und in Frankreich, 9/10.
69 Leichtverdaulich-Punkte


Kai Lüdders, „Hammonia. Stadtvilla Hoheluft“ (Velum, 14 Euro)
Titelfaktor: „Hammonia“? Ist das was mit Harmonie? Wohl eher nicht, denn Harmonie hat noch nie einen guten Stoff abgegeben. „Stadtvilla Hoheluft“ dagegen ist total vertraut. Theoretisch. Ist eine Villa nicht was Freistehendes, so von der Tendenz her? Gibt’s so was in Hoheluft? Egal. Zieht einen rein, Suuuupertitel auch hier. 10/10.

Plotfaktor: Am Ende soll es eine Trilogie werden, hier nun Band eins, über eine hanseatische Kaufmannsfamilie. Die Bartelsens nämlich, die ein Supermarktimperium ihr Eigen nennen mit mehr als 1000 Filialen. An der Spitze steht die Matriarchin Adele Bartelsen, die das Unternehmen nach dem Zweiten Weltkrieg wieder aufbaute. Ein halbes Jahrhundert später bekriegen sich die Söhne um die zukünftige Strategie der Firma. „Ein Wirtschaftskrimi über Liebe und Loyalität, voller Rache und In­trigen, Macht und Verrat“ (Einband), und so geht es dann auch los, Filius steht Mutter mit geladener Knarre in der Jackentasche gegenüber. Hier werden keine Gefangenen gemacht. 8/10.

Heldenfaktor: Unfassbar hoch. Die Heldin dieses Buches ist die Stadt Hamburg selbst, die schwer verwundet, wie das Familienunternehmen Hammonia, nach 1943, dem Jahr des Feuersturms, wieder aufersteht. Das Hamburger Wappen und der Text der Hamburg-Hymne sind dem Roman vorangestellt. „Heil über dir, Heil über dir,/Hammonia, Hammonia! O wie so wirkend stehst du da!“ usw. usf.; war ja eh klar, Hammonia ist Hamburg, nur halt auf Latein. Ein irre kluges Buch. 10/10.

Lebenshilfefaktor: Lokalpatriotismus hilft immer und nie. 8/10.

Herzfaktor: Adele Bartelsens Herz könnte brechen, sollten sich ihre verfeindeten Söhne nicht am Riemen reißen. Es ist so eine Sache mit der Familie, dabei hatte die doch eine „wunderschöne Stadtvilla in der schönsten Stadt der Welt“. Wir leiden mit der alten Frau. 8/10.

Kitschfaktor: Eine Hamburger Kaufmannsdynastie kennt keinen Kitsch. Sie kennt nur Cash. 0/10.

Dialogfaktor: „Was soll das jetzt mit der Reederei?“ „Keine Ahnung, Mensch. Der Notar rief mich eben an. Blabla. Reederei oder so was. Irgendjemand sei gestorben, ich würde etwas erben.“ „Kein Name?“ „Er konnte mir nicht mehr sagen. Ich müsse persönlich erscheinen. Ich besuche den Knilch, wenn ich aus Ibiza wieder zurück bin.“ „Reederei. Irgendwann hatte Paps mal etwas erzählt. Von einer Reederei in der Familie.“ Unschlagbar. Aus der Reihe „Anrufe, die wir selbst mal so schrecklich gerne erhalten würden“ – oder: „Der Teufel scheißt auch in Hamburg auf den dicksten Haufen.“ 10/10.
54 Leichtverdaulich-Punkte


Micaela Jary: „Das Kino am Jungfernstieg“ (Goldmann, 13 Euro)

Titelfaktor: Bei „Jungfernstieg“ sind wir sofort in Hamburg. Und Kino genau dort, mitten in der City, wann war das noch mal? Da wollen wir jetzt mal eine ganze Saga drüber lesen. Hier ist Band eins. Film ab! 9/10.

Plotfaktor: Die Trümmerlandschaft der Nachkriegszeit ist eine zukunftsträchtige Gegend. Auch für Cineasten. Alles muss neu! Lili Paal ist Film-Cutterin und kehrt aus Berlin in ihre Heimatstadt an der Elbe zurück, um dem abgerockten Kino ihrer Mutter wieder Glamour einzuhauchen. Denn Glamour braucht die daniederliegende Stadt. Lili Paal wiederum braucht ganz dringend die Negative eines verschollenen Films, er könnte etwas mit ihr zu tun haben. Bei der Suche trifft sie „sowohl den smarten britischen Offizier John Fontaine als auch den charismatischen Regisseur Leon Caspari“ (Klappentext). John Fontaine. Leon Caspari. Hui. 9/10.

Heldenfaktor: Die Kraft des Femininen. Weibliche Selbstermächtigung. Die Grandezza der Trümmerfrauen. Lili Paal, eine von ihnen, mit dem Ziel vor Augen: „Ich. Muss. Nach. Hamburg. Sofort“. 10/10.

Lebenshilfefaktor: Tschakka, du schaffst es! Eine Frau geht ihren Weg. 9/10.

Herzfaktor: „Wie oft hatte sie von John geträumt? Von seinen Lippen auf ihrem Mund, seinen Händen auf ihrem Körper. Sie lag neben Albert in dem Bett im Gästezimmer der Westphals und dachte an den anderen, wenn Albert sie vorsichtig berührte, weil ihr Mann fürchtete, ihr wehzutun.“ Der fesche Offizier der Alliierten, na, na, na, oder: The winner takes it all. 8/10.

Kitschfaktor: „Atemlos und mit klopfendem Herzen wartete sie ab.“ Wenn wir mit der Heldin nach Luft schnappen und nach den Betablockern kramen, werden wir ganz, ganz sentimental. 9/10.

Dialogfaktor: „Aus Ihnen spricht die Liebe zum Kintopp. Haben Sie die eigentlich in die Wiege gelegt bekommen?“ „Ich war neun Jahre alt, als mein Vater das Lichtspielhaus hier eröffnete.“ Im Namen des Vaters also. Da bleiben keine Fragen offen. 8/10.
62 Leichtverdaulich-Punkte