Literatur

Kurzgeschichten von Gavalda: Die Kunst des Lebens

Am Ende immer tröstlich: die Geschichten der französischen Schriftstellerin und Journalistin Anna Gavalda

Am Ende immer tröstlich: die Geschichten der französischen Schriftstellerin und Journalistin Anna Gavalda

Foto: Andreas Müller

Neue, unterhaltsame Kurzgeschichten der französischen Bestseller-Autorin Anna Gavalda sind erschienen.

Hamburg. Für Gewinnertypen, glanzvolle Lebensläufe und eine atemlos spannende Handlung interessiert sich die französische Bestseller-Autorin Anna Gavalda nicht, auch nicht in ihrem neuen Buch „Ab morgen wird alles anders“. Trotzdem kann man ihre unterhaltsamen Kurzgeschichten, die Ina Kronenberger gekonnt übersetzt hat, nur schwer weglegen, so sehr wachsen einem die Figuren ans Herz. Ganz normale Menschen, die es nicht sonderlich weit gebracht haben.

In ihrem Alltag blicken sie ihren Grenzen und dem eigenen Versagen ins Auge, sie versuchen, Schicksalsschläge zu verdauen oder einfach nur einen Zipfel Glück zu erhaschen. Glück und Liebe. Dabei wechselt die Autorin die Stilebenen und lässt ihre Leser schöne Dinge erfahren: Die Grübchen eines Lächelns, schreibt sie, könne man im Dunkeln an der Stimme hören.

Es gibt für alle Figuren Schmerzgrenzen

Eine ihrer Figuren ist der Lkw-Fahrer Jeannot, der seinen Hund beerdigen muss und immer noch über den Verlust seines Kindes trauert. Der Hund hat ihm bei den langen Fahrten Gesellschaft geleistet, und er hat ihm geholfen, die bleierne Einsamkeit in seiner Ehe auszuhalten. Mehr noch: Er hat ihn zu einem gesünderen und besseren Menschen gemacht, weil Jeannot mit dem Rauchen aufgehört und sich sogar auf die eine oder andere Plauderei mit den Kollegen eingelassen hat.

Oder was ist mit Mathilde? Sie ist als Studentin immatrikuliert, lässt das aber schleifen und macht stattdessen für ihren Schwager den miesen Job, veraltete Internetseiten mit gefakten Kommentaren runterzumachen, um ihm damit indirekt Aufträge für neue Webseiten zuzuschanzen. Zu allem Überfluss lässt die Ich-Erzählerin leicht Mojito-trunken ihre Umhängetasche in einem Café liegen. Die Tasche, die einst ihrer toten Mutter gehörte. Mit viel fremdem Geld und sehr intimen Dingen darin. Sie beschimpft sich selbst, sie tobt und heult.

Flapsiger Humor

Aus dieser mittleren Katastrophe entwickelt Anna Gavalda mit lakonischem, flapsigem Humor und großer Menschenkenntnis die längste und fesselndste Geschichte um eine junge, gut aussehende Frau, die eine WG mit zwei kantenfreien Bankerinnen teilt. Sie ist oft allein, hat immer mal Gelegenheits-Sex und steckt mit einer Portion Selbsthass wissend im falschen Leben fest. Nach und nach stellt sich heraus, dass diese Art von Leben die innere Verzweiflung kompensieren soll. Ja, eingestehen kann sie sich das gerade noch, doch ändern? Vielleicht ist ja der Koch, den sie wochenlang sucht, nur eine weitere Niete. Vielleicht aber auch das große Glück ...

Es gibt für alle Gavalda-Figuren Schmerzgrenzen, über die hinaus die Ablenkung durch Freund Alkohol, Freund Internet oder Freund Mobiltelefon nicht mehr weiterhilft. Dann springt ein dünnhäutig gewordener Mensch in ein neues Leben, weil da etwas aufgetaucht ist, aus heiterem Himmel, oder weil plötzlich etwas klar wird, was die Gewohnheit vernebelt hat. Das haben die meisten Figuren aus der Feder der lebensklugen, wortgewandt mitfühlenden Anna Gavalda gemeinsam, deren bärbeißiger Humor viel zu ihrem großen Erfolg beigetragen hat.

Happy End, das nie wirklich eines ist

Es sind Menschen, die Selbstgespräche führen, mit sich hart ins Gericht gehen und schonungslos ehrlich sind. Die Kraft, irgendetwas an der Misere, als die sie ihr Leben diffus empfinden, ändern zu können, finden sie trotzdem nicht. Zwischendurch spricht Gavalda über die Figuren direkt mit ihren Lesern, raunzt sie auch mal an, ob sie jetzt etwa ein Happy End erwartet haben.

Ein Happy End, das übrigens nie wirklich eines ist, sondern der Anfang von etwas völlig Ungewissem. Es kann ein Reinfall werden oder der große Glücksgriff. So wie das eben ist, wenn man sich auf etwas Neues einlässt. Alle Geschichten von Anna Gavalda haben etwas Tröstliches. Gegen Ende fühlen sich die Menschen darin wieder lebendiger, statt sich weiter im Lärm nächtlicher One-Night-Stands, im Abseits eines keimfreien Computers oder in einer perfekt aufgeräumten Wohnung mit der inneren Leere abzufinden. Die Schriftstellerin Anna Gavalda hat da eigentlich nur einen Tipp: „Lauf, renn, flieg, hoffe, greif daneben, blute oder feiere, aber lebe!“