Jenischpark

Große Kunst: Norbert Prangenbergs Lust am Überschwang

Prangenberg schuf viele große Gefäß-Skulpturen.

Prangenberg schuf viele große Gefäß-Skulpturen.

Foto: © VG Bild-Kunst, Bonn 2019; Foto: Andreas Weiss

Mit der Ausstellung „Formfreude“ gedenkt das Ernst Barlach Haus des verstorbenen Künstlers – und zeigt 70 Werke.

Hamburg..  Der Blick bleibt an einer mannshohen, türkis-grauen Keramik in der Mitte des Raumes hängen. Das einfallende Licht der langen, bodentiefen Glasfront unterstreicht das Monumentale der Skulptur, lässt sie noch imposanter wirken. „Eine große Vitalität und Lust am Überschwang kennzeichnen das Werk von Norbert Prangenberg“, sagt Kurator Karsten Müller. Mit der Ausstellung „Formfreude“ huldigt der Direktor des Ernst Barlach Hauses im Jenischpark dem 2012 verstorbenen Künstler. Am 23. Juni hätte Prangenberg seinen 70. Geburtstag gefeiert. Daher rührt auch der Untertitel der Ausstellung: „70 Werke zum 70. Geburtstag“.

Norbert Prangenberg wurde 1982 als Teilnehmer der Documenta 7 international bekannt. Der Autodidakt war ein Bewunderer von Joseph Beuys, der an der Düsseldorfer Werkkunstschule Akademieprofessor war, während Prangenberg seine Ausbildung zum Goldschmied machte. Auch einige von Beuys’ Schülern faszinierten ihn. So waren es Lucio Fontanas Keramiken, die ihm den entscheidenden Impuls gaben, mit Ton zu arbeiten. 1993 übernahm Prangenberg selbst eine Professur für Keramik und Glasmalerei an der Münchner Kunstakademie.

Die Keramiken sind es auch, die in der Ausstellung „Formfreude“ im Zen­trum stehen. Aus glasiertem Ton gestaltete Hohlkörper gewaltiger Größe, die eine enorme Wucht entfalten und denen dennoch eine gewisse Leichtigkeit innewohnt. „In manchen Details sieht man den Goldschmied durchschimmern, besonders in seiner Freude am Ornamentalen“, betont Kurator Müller. Es ist der Gegensatz zwischen der grundsätzlichen Wuchtigkeit der Objekte und den teils filigranen Verzierungen wie Blumen oder kleinen, kelchförmigen Öffnungen, gepaart mit schimmernden Lackierungen.

Für die Skulpturen wurde ein spezieller Brennofen gebaut

Dieser Gegensatz war vom Künstler intendiert, sagt Müller. „Als Katholik hat Prangenberg die spirituelle Dimension seiner Kunst immer wieder betont. Seine Figuren sollen bei aller Schwere eine Leichtigkeit entfalten, die über das Materielle hinausweist.“ Ein Ausstellungsraum sticht besonders hervor: In ihm liegen riesige Gefäß-Figuren. Innen hohl sehen sie aus wie überdimensionierte Perlen, die einfach in den Raum gekugelt wurden und nur darauf warten, an einer Kette aufgefädelt zu werden. Hier und da sind sie von Brennrissen durchzogen, kleine Löcher und Unebenheiten sind zu erkennen, die Glasuren variieren in ihrer farblichen Ausprägung. „Prangenberg zeichnet sich durch eine große Offenheit aus. Er setzt auf eine Ästhetik, die bewusst nicht Glätte und Perfektion sucht und respektiert die Eigenheiten des Materials.“

Da er seine liegenden Skulpturen immer größer konzipierte, baute der Kölner Keramiker Nils Dietrich, mit dem Prangenberg eng zusammenarbeitete, extra für ihn einen entsprechend großen Brennofen. Inspirationen holte sich der in der nordrhein-westfälischen Gemeinde Rommerskirchen aufgewachsene Prangenberg auf seinen zahlreichen Reisen, erinnert sich Tochter Anna, die gemeinsam mit ihrem Bruder und einem Jugendfreund des Vaters den Nachlass verwaltet. „Er hat immer gesagt, seine Wurzeln liegen in Rommerskirchen, aber man hatte den Eindruck, dass er sich überall zu Hause fühlte.“

Blick ins Innere der Skulpturen lohnt sich

So lässt sich Prangenbergs Südafrikabegeisterung in den stehenden Figuren, die überwiegend aus den 2000ern stammen, erkennen, sagt Müller. In der Tat wirken die aus Tonringen geformten, lebensgroßen Gefäß-Skulpturen wie üppig verzierte geflochtene Körbe, die von Durchbrüchen und unregelmäßigen Wölbungen gekennzeichnet sind – anders als die symmetrischen liegenden Keramiken. Sofern möglich, lohnt sich ein Blick ins Innere der Skulpturen: „Er hat immer auch alles von innen lackiert, egal ob man reingucken kann oder nicht“, sagt Anna Prangenberg.

Geometrische Formen, vor allem das Kreisförmige ziehen sich durch das künstlerische Schaffen Norbert Prangenbergs. Neben den Keramiken schuf er auch Zeichnungen und Gemälde. Und auch in ihnen ist der Kreis ein wiederkehrendes Motiv. Auf Beschriftungsschilder wurde in der Ausstellung bewusst verzichtet, um Prangenbergs Werke möglichst pur zu zeigen, erklärt Kurator Müller.

Nach der Ausstellung „Formfreude“, die noch bis zum 8. September im Ernst Barlach Haus zu sehen ist, schließt das Haus aufgrund von Umbauarbeiten der Lichtanlage für vier Monate. Was mit einer Hommage endet, beginnt dann Anfang 2020 ebenfalls mit einer: Zum 150. Geburtstag Ernst Barlachs wird eine große Werkschau des Bildhauers gezeigt.

„Norbert Prangenberg – Formfreude. 70 Werke zum 70. Geburtstag“ bis 8.9. im Ernst Barlach Haus, Baron-Voght-Straße 50a, Di–So 11.00–18.00, Eintritt 7,-/5,- (erm.)