Thalia Theater

Bodo Wartke ist ein Satiriker für die große Bühne

Für seine Version von „König Ödipus“ genügen Bodo Wartke (42) als Requisiten ein Stoff-Löwe und eine Baseball-Kappe. Der Kabarett-Entertainer spielt 14 Rollen.

Für seine Version von „König Ödipus“ genügen Bodo Wartke (42) als Requisiten ein Stoff-Löwe und eine Baseball-Kappe. Der Kabarett-Entertainer spielt 14 Rollen.

Foto: Nele Martensen

Der Hamburger Kabarettist spielt erstmals im Thalia Theater. Nicht nur Klavier, auch die Dramen „König Ödipus“ und „Antigone“.

Hamburg.  Er ist Hamburger und immer noch regelmäßig in seiner Geburtsstadt. Normalerweise jedoch nur ein bis zwei Tage im Monat. Dann schlägt Bodo Wartke in einem Hinterhof im Grindelviertel auch mal sein Bett auf. Im Büro vorn an der Straße, da wird gearbeitet. Von ihm, mit ihm und für ihn. Fünf Festangestellte und fünf freie Mitarbeiter beschäftigt Wartke in dem von ihm 2005 gegründeten Reimkultur-Verlag mittlerweile. Anfang dieses Monats nun ist der Wahl-Berliner fast eine ganze Woche lang in Hamburg. Und das hat gute Gründe: Erstmals sorgt der Klavierkabarett-Entertainer für die Sommer-Bespielung des Thalia Theaters.

„Bodo Wer?“, mag sich mancher immer noch fragen. In den gängigen Kabarett- und Comedy-Sendungen des öffentlich-rechtlichen wie auch privaten Fernsehens taucht Wartke so gut wie nicht auf. „Ich habe nie versucht, formatkompatibel zu sein“, betont der Künstler beim Gespräch in der sogenannten Hinterhof-Filiale. Der bis heute jugendlich wirkende 42-Jährige, der bereits seit 23 Jahren auf der Bühne steht, hat vielmehr sein eigenes Genre begründet: „Klavierkabarett in Reimkultur“. Mit seinen virtuosen Wortspielen und abwechslungsreichen Rhythmen hat sich Wartke, der als Teenager in der Schlapplachhalde, einem längst geschlossenen Brettl an der Rentzelstraße in Rotherbaum, seinen ersten Auftritt hatte, ein vielschichtiges Publikum erspielt.

Zu seinen Konzerten kommen inzwischen Menschen aus drei Generationen, vom Enkel bis zur Oma. Als er 2016 sein drittes Soloprogramm „Noah war ein Archetyp“ mit dem Zusatz „Nach mir die Sintflut“ auf der Stadtparkbühne stilvoll in den Ruhestand schickte, war das grüne Halbrund mit 4000 Besuchern zum dritten Mal bei einem Wartke-Gastspiel ausverkauft. Wie schon 2012 bei der Derniere von „Ich denke, also sing ich“ und 2013 bei „Achillesverse“. Nicht schlecht für einen sogenannten Kleinkünstler ohne große Fernsehpräsenz. Wie er so etwas schafft?

Sein Programm „Was, wenn doch?“macht den Auftakt

„Für mich gibt es keine Trennung zwischen E und U, gute E-Musik kann man am besten unterhaltsam verpacken. Der gemeinsame Nenner ist, möglichst viele zu erreichen“, sagt Wartke. Genau daran möchte er mit seinem Sommer-Gastspiel anknüpfen. „Das Schöne ist ja, dass es diese verschiedenen großen Spielorte in Hamburg gibt, von der kleinen Altonaer Bühne im Bürgertreff über Lustspielhaus und Schmidt bis zur großen Stadtparkbühne. Die hat für mich auch eine große Nähe zum Publikum und ist wie ein Theater. Und das Thalia ist für mich ein wahres Theater, da war ich immer gern als Zuschauer“, weiß Wartke um die Hamburger Bühnen-Vielfalt.

Seine künstlerische Vielfalt will er mit gleich drei verschiedenen Programmen an vier Abenden zeigen und ausleben. „Was, wenn doch?“, sein fünftes Klavierkabarett-Programm, ist zum Auftakt am Donnerstag, 4. Juli, noch das konventionellste – wenn dieses Attribut bei einem nach immer neuen Reimen suchenden Wort- und Klavierspieler wie Wartke überhaupt passt. Für sein kreatives Schaffen hatte der vielfach ausgezeichnete Kabarettist bereits 2004 den Deutschen Kleinkunstpreis in der Sparte Chanson/Musik/Lied erhalten.

Vier weitere Programme hat der studierte Musiklehrer und Absolvent der Celler Schule, einer Einrichtung der Gema-Stiftung speziell für deutsche Songtexter, derzeit noch im Repertoire. Der Spielstätte Thalia gemäß zeigt Wartke nicht etwa sein weiteres Solo „Klaviersdelikte“ oder mit Band sein Orchesterprogramm „Swingende Notwendigkeit“ – der Musikkabarettist will einmal mehr sein schauspielerisches Talent unter Beweis stellen, und zwar auf ganz großer Bühne. Am Freitag mit „König Ödipus“, danach an zwei Abenden mit „Antigone“. Zwei antike Dramen von Sophokles.

Bodo Wartke will Grenzen überwinden

Den „Ödipus“ hatte Wartke bereits vor einem Jahrzehnt im Schmidt Theater in seiner Version zur Uraufführung gebracht. Gereimt im Bodo-Style, spielte er den Klassiker als freches Ein-Personen-Drama mit 14 Rollen, auch mal mit umgedrehter Baseball-Kappe. Die Textfassung hatte er mit Dramaturgin Carmen Kalisch und Sven Schütze erstellt, bis heute der Regisseur seines Vertrauens und zugleich sein Geschäftspartner. Das Trio schrieb ebenfalls die Neufassung von „Antigone“, dieser 2500 Jahre alten Tragödie, in der sich Ödipus’ Tochter in der Stadt Theben dem Bestattungsverbot für ihren Bruder widersetzt. In Gefangenschaft löst sie mit ihrem Freitod diverse weitere Suizide aus.

Als Wartke und seine kongeniale Bühnenpartnerin Melanie Haupt mit ihrer modernen „Antigone“-Adaption vor knapp eineinhalb Jahren im Schmidt Premiere feierten, sorgten sie dort für Szenenbeifall, Lacher und am Ende Standing Ovations. Sie hatten den Nerv von Alt und Jung im Publikum getroffen. „Ich möchte Grenzen überwinden, aber ich gehe nicht respektlos mit den Werken um. Ich habe als Künstler auch eine große Verantwortung bei der Gestaltung“, sagt Wartke heute. Sie hätten für die Vorstellungen weiter am Stück gefeilt. Er und Melanie Haupt teilen sich in „Antigone“ 20 Rollen, meist in rasanten Wechseln. Sie reimen, rappen und spielen - auch Klavier, Ukulele, Mundharmonika und Cajón. Das Drama soll im Thalia erneut zum überwiegend freudvollen Erlebnis werden, ohne es ins Lächerliche zu ziehen.

Bodo Wartke sieht in „Antigone“ mehr denn je Bezüge zur Gegenwart: „Der aktuelle Aspekt ist für mich das Thema ziviler Ungehorsam. Antigone sagt: ,Nicht meine Tat, dein Gesetz ist das Verbrechen!‘“, erläutert Wartke. „Nimm Fridays for Future – ich denke, was die Schülerinnen und Schüler freitags machen, ist ziviler Ungehorsam im klassischen Sinne. Sie brechen ein Gesetz, die Schulpflicht, um den Staat an einem viel größeren Verbrechen beziehungsweise Gesetzesbruch zu hindern. Denn er hat dafür Sorge zu tragen, dass es allen Menschen langfristig gut geht – quasi: Nicht unsere Tat, Eure Untätigkeit ist das Verbrechen!“

Wartke will Mozarts „Zauberflöte“ auf die Bühne bringen

Längst hätten Schüler, erzählt Wartke lächelnd, bei ihren Lehrern nachgefragt, ob sie nicht „König Ödipus“ im Bodo-Style als DVD im Unterricht gucken können. „Ich spiele es jetzt so, wie ich es als Schüler gern in der Schule kennengelernt hätte“, sagt der Reim-Meister mit einer gewissen Zufriedenheit. Aber ohne Selbstzufriedenheit. Von „Antigone“ lassen Wartke und Schütze mithilfe des Regisseurs Michael Vogelmann einen zweiten Theaterfilm produzieren, die Finanzierung ist dank mehr als 1000 Unterstützern via Internet und fast 62.000 Euro gesichert.

Außer dem Feinschliff an „Antigone“ hat der vielseitige Künstler weitere Pläne. Als Librettist etwa. Von Mozarts „Zauberflöte“ soll es künftig drei Versionen à la Wartke geben: eine Textfassung für Kinder, eine für Theater und eine, die der Künstler mit der im Stadtpark erprobten Schönen GutenA-Band und Melanie Haupt aufführen will.

Nebenbei plant Wartke für 2020 ein neues, sechstes Soloprogramm, Arbeitstitel: „Das 6. Klavierkabarettprogramm“. Aufführungen mit Testmaterial heißen „Die neuen Lieder des Bodo W.“ Autor Ulrich Plenzdorf („Die Leiden des jungen W.“) und Goethes „Werther“ lassen reimend schon schön grüßen. Als „Ausprobierkonzert“ wird Wartke „Die neuen Lieder des Bodo W.“ am 17. Dezember in der – bereits ausverkauften-- Bühne im Bürgertreff in Altona-Nord spielen. 1998 hieß der 150-Plätze-Saal noch Agma-Zeitbühne. Dort feierte ein junger Twen im dunklen Anzug und mit rotem Hemd die Premiere seines ersten Soloprogramms. Wartke scheint nicht vergessen zu haben, wo er künstlerisch groß geworden ist. Auch Hamburgs Theaterschiff hilft er mit einem „Ausprobierkonzert“ am 21. Oktober und einem Auftritt bei der Benefiz-Gala am 7. Dezember in der Elbphilharmonie. Ob klein oder ganz groß – Wartke mag und kann beides.

Die Programme

  • Drei Programme an vier Tagen spielt Bodo Wartke im Thalia Theater am Alstertor. Am Donnerstag, 4.7. (20 Uhr), zunächst sein Klavierkabarett-Programm „Was, wenn doch?“ (Restkarten), am 5.7. (20 Uhr) „König Ödipus“, am 6.7. (20 Uhr) und 7.7. (19 Uhr) „Antigone“ mit Melanie Haupt. Karten zu je 16 bis 42 Euro gibt es unter T. 32 81 44 44; www.thalia-theater.de; www.bodowartke.de