Hamburg-Hammerbrook

Wenn Haartrockner „Alle meine Entchen“ spielen

Das Kraftwerk Bille in Hammerbrook ist ein toller Kunst-Ort.

Das Kraftwerk Bille in Hammerbrook ist ein toller Kunst-Ort.

Foto: Nils A. Petersen

Die Hallo Festspiele im Kraftwerk Bille präsentieren ein bemerkenswertes Programm – darunter ein Konzert für Haartrockner.

Hamburg. Das Kraftwerk Bille in Hammerbrook ist an diesem frühsommerlichen Abend ein magischer Ort. Die Industrieruine aus dem 19. Jahrhundert ist nun schon zum fünften Mal Austragungsort der Hallo Festspiele, die sich in lustvoller Freiheit auf der Grenze von Film, Kunst und Performance bewegen. Die Eröffnung geht in diesem Jahr allerdings recht spektakulär ein paar Kilometer weiter über die Bühne: auf dem Platz vor der Elbphilharmonie.

Dort errichtet Daniel Dominguez Teruel in „Requiem for Architecture“ eine riesige, aufblasbare und sehr grüne Taubenskulptur in Anspielung auf die zahlreichen gefiederten Besucher. Die Elbphilharmonie – Partner der Hallo-Festspiele – soll später an diesem Abend noch eine größere Rolle spielen.

Festspiele in leerstehenden Gebäuden

Die Macherinnen und Macher der Hallo-Festspiele wollen in zwischengenutzter Architektur öffentlichen Raum schaffen. In diesem Jahr tun sie das unter dem Motto „Sway“, was soviel heißt wie „torkeln“, und mit kraftvollen feministischen Positionen. Einige sind humorvoll, für andere braucht es durchaus eine gewisse Leidensfähigkeit.

In der nahezu leeren Kesselhalle inszeniert Andrea Becker-Weimann in „On Air (Volume 3)“ ein Haartrockner-Konzert, bei dem ebendiese Geräte in gefüllte Wasserflaschen die Melodie von „Alle meine Entchen“ blasen. Bisschen sinnfrei, aber ganz amüsant. Wer sich in den Kriechgang, im 1,5-ten Stockwerk des Zählerwerks mit extrem niedriger Decke wagt, kann schöne Schwarz-Weiß-Impressionen der Fotografin Louisa Boeszoermeny unter dem Titel „The Nearness of Things“ bewundern.

Amazonenhafte Tänzerinnen

Im dritten Stock, im großzügigen Ballsaal, heißt es dann die Glieder wieder auseinanderfalten. Die drei amazonenhaft aufgemachten Tänzerinnen aus Luciana Achugars Europapremiere „Brujx“ umkreisen das Publikum, die Beine durchgedrückt, auf gefährlich unbequem wirkenden hohen Hacken stolzierend. Zu den polyrhythmischen Klängen eines Perkussionisten formen sie sich auf der Bühne bald zu einer beängstigend physischen Durchhalte-Skulptur, in dem sie die wechselnde Bewegungen hunderte Male wiederholen. Das ist in seiner Monotonie und anstrengenden Körperlichkeit faszinierend und überfordernd zugleich.

Gestärkt an einem der schönen lauschigen Food-Trucks am Kanal, ist man dann bereit für den letzten Akt des Tages zu vorgerückter Stunde in der Kohlenhalle. Berndt Jasper vom Künstlerkollektiv Baltic Raw hat mit „Random Sand“ einen Film gedreht, in dem Jacques Palminger erst über einen Kanal schippert, und seltsamen Wesen wie aus einer anderen Galaxie begegnet. Schließlich steht er, Melodica spielend, im leeren Saal der Konzertimmobilie. Der so skurrile wie poetische Film hat das Zeug zum Hamburg-Hit.

Die Hallo Festspiele laden noch bis zum 1. Juni ein, einen grandiosen Kunstort und die dort präsentierten künstlerischen Positionen zu entdecken.

Es muss ja nicht immer die Elbphilharmonie sein ...

Hallo Festspiele bis 1.6., Kraftwerk Bille, Bullerdeich 14b; www.hallo-festspiele.de